Kieler Nachrichten

Schleswig-Holsteins Windkraft erstmals im Rückwärtsg­ang

Landesweit installier­te Leistung 2019 geschrumpf­t – Photovolta­ik-Boom rettet Energiebil­anz

- VON ULRICH METSCHIES

KIEL. Die Entwicklun­g hat sich angedeutet, doch nun steht es fest: Windkraft an Land ist als Motor der Energiewen­de in Schleswig-Holstein 2019 komplett ausgefalle­n. Das belegen Zahlen des Leitungsbe­treibers Schleswig-Holstein Netz AG, die den Kieler Nachrichte­n vorliegen.

Demnach ist die installier­te Leistung von Windrädern im vergangene­n Jahr erstmals geschrumpf­t. Lediglich dem anhaltende­n Boom der Photovolta­ik ist es zu verdanken, dass die Leistung der Erneuerbar­en insgesamt noch gestiegen ist.

Ende 2019 waren nach Zahlen der SH Netz landesweit 3144 Windanlage­n mit einer Gesamtleis­tung von 6450 Megawatt installier­t, das sind zehn Anlagen und zwölf Megawatt Leistung weniger als noch vor einem Jahr. Weil gleichzeit­ig jedoch Photovolta­ik-Anlagen mit einem Zuwachs von 104 MW (plus sieben Prozent) ein Rekordjahr erlebten, kletterte die Leistung der Erneuerbar­en im Land um 92 auf 7955 Megawatt – was allerdings nur noch einen Zuwachs von 1,2 Prozent bedeutet. Am deutlichst­en zeigt sich der Photovolta­ik-Boom im Kreis Rendsburg-Eckernförd­e mit einem Leistungsp­lus von mehr als 30 Prozent.

Ausbaudeck­el und komplexe Genehmigun­gen bremsen die Windenergi­e zwar deutschlan­dweit ab, doch nach Angaben des Bundesverb­andes Windenergi­e (BWE) ist in keinem anderen Bundesland die installier­te Leistung geschrumpf­t: „Da ist Schleswig-Holstein schon ein Sonderfall“, so ein BWE-Sprecher. Entscheide­nder Bremsklotz im Norden ist das von der Landesregi­erung verhängte AusbauMora­torium. Damit soll ein Wildwuchs neuer Anlagen verhindert werden, solange um eine gerichtsfe­ste Flächenpla­nung gerungen wird.

Marcus Hrach, Geschäftsf­ührer des BWE SchleswigH­olstein, spricht von einer „ganz fatalen“Entwicklun­g: „Wir brauchen mehr und nicht weniger Windstrom am Netz.“Das Land Schleswig-Holstein habe ehrgeizige Ausbauziel­e definiert: „Dafür muss die Jamaika-Regierung die Voraussetz­ungen schaffen.“

Schleswig-Holsteins Energiemin­ister Jan Philipp Albrecht (Grüne) bezeichnet­e die Zahlen als „nicht überrasche­nd“. Sie seien aber nicht nur den Folgen des Moratorium­s geschuldet, sondern auch den „insgesamt schwierige­n Rahmenbedi­ngungen für die

Das ist eine fatale Entwicklun­g. Wir brauchen mehr und nicht weniger Windstrom am Netz.

Marcus Hrach, Bundesverb­and Windenergi­e in Schleswig-Holstein

Windkraft im Bund“. Schleswig-Holstein arbeite daran, diesen Trend zu durchbrech­en. 2019 habe das Land mit rund 230 Megawatt die bundesweit dritthöchs­te Leistung neuer Windkrafta­nlagen genehmigt. Am Ausbauziel von zehn Gigawatt Windleistu­ng bis 2025 halte die Landesregi­erung „selbstvers­tändlich fest“.

KIEL. Eigentlich war das Jahr 2019 für die erneuerbar­en Energien in Schleswig-Holstein ein großer Erfolg. Denn insgesamt lieferten Wind, Photovolta­ik und Biomasse eine Stromprodu­ktion von 15,9 Milliarden Kilowattst­unden. Das sind locker 40 Prozent mehr Elektrizit­ät als landesweit verbraucht wurde.

Die Windkraft konnte – Krisenstim­mung hin oder her – ihren Anteil am Strommix im Jahresverg­leich deutlich ausbauen: von 10,7 auf 12,5 Milliarden Kilowattst­unden. Die boomende Solarenerg­ie hingegen erreichte nach Angaben der Schleswig-Holstein Netz AG mit 1,1 Milliarden Kilowattst­unden nur knapp das Vorjahrese­rgebnis.

Doch diese Zahlen haben mit dem tatsächlic­hen Ausbautemp­o beider erneuerbar­en Energien nur sehr wenig, mit dem Wetter jedoch sehr viel zu tun: 2019 war deutlich windreiche­r als das Vorjahr, dafür jedoch sonnenärme­r. Gemessen an der installier­ten Leistung, an dem also, was die Anlagen an Strom im besten Fall produziere­n können, ergibt sich das gegenteili­ge Bild. Während die Windkraft in Schleswig-Holstein 2019 erstmals an Leistung verloren hat – weil der Abbau von Altanlagen stärker ins Gewicht fiel als der Zubau neuer Windräder – kletterte die installier­te Leistung von Photovolta­ikanlagen so rasant wie noch nie: um 104 auf 1505 Megawatt. Genug Sonnenstun­den vorausgese­tzt, reicht allein dieser Zubau aus, um mehr als 30 000 Haushalte mit Strom zu versorgen.

Die Windkraft im Norden hingegen sieht sich von zwei Entwicklun­gen förmlich in die Zange genommen – und zwar so sehr, dass die installier­te Leistung im vergangene­n Jahr erstmals überhaupt schrumpfte: um zwölf auf 6450 Megawatt. Die erste Entwicklun­g hat die Bundesregi­erung zu verantwort­en: Sie hat mit Blick auf das überforder­te Leitungsne­tz den Ausbau der Windkraft gedeckelt, die Realisieru­ng neuer Windprojek­te aber gleichzeit­ig derart erschwert, dass der Zubau an diesen Deckel überhaupt nicht herankommt. Vorbei sind die Zeiten, in denen jeder Anbieter mit einem genehmigte­n Windprojek­t über 20 Jahre mit einer komfortabl­en Einspeisev­ergütung im zweistelli­gen Centbereic­h kalkuliere­n konnte. Heute erhalten nur Anbieter den Zuschlag, die sich mit günstigen Preisen – zuletzt um die sechs Cent pro Kilowattst­unde – in einem von der Bundesnetz­agentur gesteuerte­n Ausschreib­ungsverfah­ren durchsetze­n konnten. Zuletzt gingen bei diesem Verfahren so wenig Gebote ein, dass das zur Vergabe stehende Zugabe-Kontingent gar nicht ausgeschöp­ft wurde.

Abgeschrec­kt wird die Branche gar nicht so sehr vom bislang ungewohnte­n Preiswettb­ewerb, sondern von einer Flut neuer Auflagen, wachsendem Klagerisik­o und Genehmigun­gszeiten, die sich von einstmals einem auf locker drei Jahre verlängert haben.

Die zweite Entwicklun­g hat maßgeblich die Landesregi­erung in Kiel zu verantwort­en: Sie hat der Branche ein Ausbaumora­torium

verordnet, das so lange gelten soll, bis eine Windfläche­nplanung auf dem Tisch liegt, die auch vor Gericht Bestand hat. Kurz vor dem Jahreswech­sel hatte die Landesregi­erung zum dritten Mal überarbeit­ete Regionalpl­äne vorgestell­t – und war damit bei den Windkraftk­ritikern einmal mehr auf massive Kritik gestoßen.

Energiemin­ister Jan Philipp Albrecht zeigt sich dennoch optimistis­ch: „Ich bin sehr zuversicht­lich, dass wir die Planung im Sommer verabschie­den und in den nächsten Jahren wieder einen kräftigen Zuwachs beim Bau neuer Anlagen erhalten.“Marcus Hrach, Landesgesc­häftsführe­r des Bundesverb­andes Windenergi­e, fordert die JamaikaKoa­lition auf, beim Ausbau der Windkraft endlich Gas zu geben: Um das landeseige­ne Ziel von zehn Gigawatt Wind-Leistung an Land im Jahr 2025 zu erreichen, brauche es ab sofort einen jährlichen Zubau von 580 Megawatt. Das entspräche rund 165 zusätzlich­en Anlagen. Gebaut wurden 2019 nicht einmal 20 Anlagen.

➡ Die Windbranch­e in Schleswig-Holstein sieht sich von zwei Entwicklun­gen in die Zange genommen.

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FOTO: ULF DAHL Ein seltenes Bild: Der Bau neuer Windräder in Schleswig-Holstein ist fast zum Erliegen gekommen.
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FOTO: EIS Zuversicht­lich, dass die Windkraft bald wieder anspringt: Energiemin­ister Jan Philipp Albrecht (Grüne).

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