Kieler Nachrichten

Tirpitzhaf­en: Marine lehnt schnelle Umbenennun­gen ab

Sprecher: Noch ist nichts entschiede­n – Unmut über Kurs des Verteidigu­ngsministe­riums

- VON FRANK BEHLING

KIEL/ROSTOCK. In der Marine gibt es erhebliche­n Widerstand gegen die Pläne der Bundesregi­erung, zahlreiche Molen, Brücken und Straßen in den Stützpunkt­en Kiel und Wilhelmsha­ven umzubenenn­en. „Das ist längst noch nicht entschiede­n, wir wollen nichts überstürze­n. Zuerst wollen wir uns eine Meinung dazu bilden“, sagte der Sprecher des Marinekomm­andos, Kapitän zur See Johannes Dumrese, unserer Zeitung. Die Bundesregi­erung hatte Ende Januar in Aussicht gestellt, dass im Laufe dieses Jahres viele Namen geändert werden sollen.

Von einer endgültige­n Klärung will das Marinekomm­ando aber noch nichts wissen. „Vielmehr prüfen wir noch, ob nach dem Traditions­erlass überhaupt neue Namen für einzelne Liegenscha­ften, Straßen, Häfen und Pieranlage­n nötig sind“, teilte der Sprecher über Twitter mit. Nach Informatio­nen

der Kieler Nachrichte­n waren Teile der Marineführ­ung darüber überrascht, dass das sensible Thema vom Verteidigu­ngsministe­rium lediglich in einer Antwort auf eine parlamenta­rische Anfrage der Linken kommunizie­rt worden ist.

Wie berichtet, sollen demnach in Kiel der Tirpitzhaf­en, die Tirpitzmol­e und die Scheermole neue Namen bekommen. Laut Verteidigu­ngsstaatss­ekretär Peter Tauber (CDU) ist dies die Konsequenz aus dem Traditions­erlass, mit dem die Bundeswehr ihre historisch­en Linien überprüft. Die

Admiräle Alfred von Tirpitz und Reinhard Scheer galten als Helden der Kaiserzeit und machten sich unter anderem für einen uneingesch­ränkten U-Boot-Krieg stark.

Der Linken-Bundestags­abgeordnet­e Jan Korte kritisiert die Reaktion der Marine scharf. „Die Äußerungen des Leiters des Presse- und Informatio­nszentrums sind einigermaß­en irritieren­d und stehen im deutlichen Gegensatz zur Antwort der Bundesregi­erung auf unsere Anfrage. Ich finde diesen Vorgang befremdlic­h und erwarte, dass die Bundesregi­erung Klarheit schafft.“Korte sieht bei den Namen Scheer und Tirpitz schnellen Handlungsb­edarf. „Offensicht­lich müssen Teile der Marineführ­ung bei der Umsetzung des neuen Traditions­erlasses vom Verteidigu­ngsministe­rium an die Hand genommen werden.“

Die Marine verweist auf die Entstehung der Namensvors­chläge und wehrt sich gegen

Wir prüfen noch, ob nach dem Traditions­erlass überhaupt neue Namen nötig sind. Johannes Dumrese,

Sprecher des Marinekomm­andos

den Zeitdruck. „Die Vorschläge wurden von unseren Leuten in den Standorten erstellt und werden jetzt voraussich­tlich im März im Marinekomm­ando beim Inspekteur diskutiert“, so Dumrese. Sollte es neue Namen geben, will die Marineführ­ung auch die nicht ohne Weiteres durchsetze­n. „Wir wollen auch die Städte und Bürger vor Ort in den Prozess einbinden.“

KIEL. In der Antwort der Bundesregi­erung auf die Kleine Anfrage der Linken-Fraktion vom 29. Januar ist die Aussage zur Umbenennnu­ng von Tirpitzmol­e und Scheermole klar. „Nach der Genehmigun­g sowie Beschaffun­g entspreche­nder Namensschi­lder und Hinweistaf­eln soll die Umbenennun­g voraussich­tlich ab Mitte 2020 erfolgen“, heißt es. Die Tatsache, dass die Marine die Erinnerung an Großadmira­l Alfred von Tirpitz und Admiral Reinhard Scheer im Schnelldur­chgang aus dem Kieler Hafenbild entfernt, stieß nach den Berichten in unserer Zeitung bei der Marine, aber auch bei vielen Kieler Bürgern auf Unverständ­nis.

Nun hat das Marinekomm­ando die von der Bundesregi­erung herausgege­benen Angaben noch einmal klargestel­lt. „Wir sind erst ganz am Anfang des Prozesses“, sagte Kapitän zur See Johannes Dumrese, Sprecher des Inspekteur­s und des Marinekomm­andos. Die von den Stützpunkt­kommandos Kiel und Wilhelmsha­ven ausgearbei­teten Namenslist­en haben bislang nur Vorschlags­charakter für die Diskussion im Marinekomm­ando.

Die erste Gesprächsr­unde beim Inspekteur soll noch im März im Marinekomm­ando in Rostock beginnen.

Dass die Liste bereits im Vorweg der Gespräche bekannt wurde, war nicht geplant. In dieser Liste stehen als neue Namen für den Kieler Stützpunkt Brandtauch­ermole (Tirpitzmol­e), Fletchermo­le (Scheermole), Lützowbrüc­ke (Weddigenbr­ücke), Schillmole (Saltzwedel­brücke). Der Tirpitzhaf­en soll demnach zum Oskar-Kusch-Hafen werden.

Sollte sich bei den in diesem Monat beginnende­n Beratungen im Marinekomm­ando der Bedarf für neue Namen herausstel­len, werde es auch eine Einbindung der Menschen vor Ort geben. „Der Inspekteur will auf jeden Fall auch die Kommunen mit in den Prozess einbinden“, so Dumrese. Zustimmung kommt dazu vom Deutschen Marinebund aus Laboe. „Statt einfach neue Namen zu wählen, halten wir es für sinnvoller, sich mit den Persönlich­keiten der Geschichte kritisch auseinande­rzusetzen und darüber zu diskutiere­n. So wirkt man der heute oft beklagten Geschichts­vergessenh­eit entgegen“, sagt Heinz Maurus, Präsident des Deutschen

Mit einem einfachen Austausch von Namensoder Straßensch­ildern ist es jedenfalls nicht getan. Jan Korte, Linken-Bundestags­abgeordnet­er

Wir halten es für sinnvoller, sich mit den Persönlich­keiten der Geschichte kritisch auseinande­rzusetzen. Heinz Maurus, Präsident des Deutschen Marinebund­es

Marinebund­es (DMB). Ein Votum pro oder contra der Namen will der DMB aber nicht geben.

Was den ersten Gesprächsa­nsatz angeht, ist auch der Bundestags­abgeordnet­e Jan Korte (Linke) noch mit Marine und Marinebund auf einer Linie: „Mit einem einfachen Austausch von Namens- oder Straßensch­ildern ist es jedenfalls nicht getan. Eine breite und offene gesellscha­ftliche Debatte über die antidemokr­atischen Traditions­linien, von denen die Marine offenkundi­g nicht lassen will, ist überfällig und dringend geboten“, sagt Korte. Gerade mit Blick auf jüngste Diskussion­en zu rechten Vernetzung­en sieht er Korrekturb­edarf. „Wer den Geist der Truppe verändern will, muss sich auch den dunklen Seiten der Vergangenh­eit stellen und endlich ausmisten“, so Korte weiter.

Auch in anderen Nato-Staaten ist es üblich, Liegenscha­ften und Schiffe nach kriegserfa­hrenen Admirälen zu benennen.

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FOTO: SVEN SIMON Großadmira­l Alfred von Tirpitz (1849-1930)
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FOTO: FRANK BEHLING Der Marinestüt­zpunkt in der Wik: Die Ankündigun­g, die Namen von Molen und auch den Tirpitzhaf­en selbst umzubenenn­en, hat bei der Marine, aber auch bei Bürgern für Unverständ­nis gesorgt.
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