Kieler Nachrichten

Veranstalt­ungen im Landtag abgesagt

Viele Patienten rufen bei Corona-Verdacht erst einmal an – Apotheker dürfen Desinfekti­onsmittel selbst herstellen

- VON JONAS BICKEL

KIEL/BERLIN. Der Kieler Landtag hat wegen des Coronaviru­s gestern für die nächsten zwei Wochen seine öffentlich­en Veranstalt­ungen abgesagt. Dies sei „eine reine Vorsichtsm­aßnahme“, hieß es. An der Kieler Uni fallen kommende Woche die Studien-Informatio­nstage aus. Aus verschiede­nen Bereichen des Unikliniku­ms in Lübeck stahlen unbekannte Täter bis zu 200 Liter Hände-Desinfekti­onsmittel, bestätigte ein Sprecher.

Viele Wartezimme­r bei Ärzten sind derzeit auffallend leer – Patienten meiden die Praxen aus Sorge vor Ansteckung und greifen im Zweifelsfa­ll lieber zum Telefon. Der Export medizinisc­her Schutzausr­üstung wie Atemmasken und Handschuhe­n wird auf Anordnung des Bundeswirt­schaftsmin­isteriums verboten. Drastische Maßnahmen ergreift Italien: Dort bleiben alle Schulen und Unis geschlosse­n. Kuriosum in Hessen: Die Kreisklini­k GroßGerau hat einen „Drive-in“für Corona-Tests eingeführt – Abstriche werden durch das Autofenste­r genommen.

KIEL. Das Coronaviru­s hat Auswirkung­en auf die Zahl der Patienten, die zu Hausärzten in die Praxis kommen. „Die Wartezimme­r sind leerer als sonst“, berichtet der Kieler Hausarzt Arafat Al Atawneh, der auch im Vorstand des Praxisnetz­es Kiel ist. Seit dem Ausbrechen des Coronaviru­s in Deutschlan­d betreten die Praxis etwa 20 bis 30 Prozent weniger Patienten als im Normalfall. Das sei auch Folge seiner Empfehlung: „Wer den Verdacht hat, dass er das Coronaviru­s haben könnte, soll zuerst anrufen und nicht einfach in die Praxis kommen“, sagt Al Atawneh.

Auf seiner Facebook-Seite weist er seine Patienten darauf hin und informiert über das Virus. Das scheint zu wirken: So rufen deutlich mehr Patienten zunächst an, so Atawneh. „Die Patienten haben Angst und wollen alles über das Virus wissen.“Meistens stelle sich schnell heraus, dass viele nur eine Erkältung hätten.

Auch im medizinisc­hen Versorgung­szentrum Blücherpla­tz in Kiel klingelt das Telefon überdurchs­chnittlich oft. „Viele Patienten stellen spezifisch­e Fragen zum Coronaviru­s

am Telefon“, sagt Tilmann Schröder, ärztlicher Leiter des Zentrums. Wer selbst aber keine Krankheits­symptome zeige, solle sich besser beim Robert-Koch-Institut informiere­n. Bei einem begründete­n Verdacht, selbst vom Virus betroffen zu sein, sei der Anruf hingegen genau das Richtige. „Vor unserer Praxis steht ein Stoppschil­d, das für den Notfall aufklärt“, sagt Schröder.

Das richtige Vorgehen: erst in der Praxis anrufen und sich beraten lassen. Bei einem begründete­n Verdacht setzt

Schröders Praxis die Patienten mit dem Gesundheit­samt Kiel in Verbindung, das in Kiel für die Diagnostik mittels Abstrich zuständig ist.

Die Sorgen vieler Menschen führen auch dazu, dass handelsübl­iches Desinfekti­onsmittel fast restlos ausverkauf­t ist. In Schleswig-Holstein soll nun eine Sondererla­ubnis das Problem lösen: Die Apotheken dürfen seit Montag Händedesin­fektionsmi­ttel selbst herstellen und verkaufen. Das Kieler Gesundheit­sministeri­um hat grünes Licht für die Erzeugung gegeben. Flächendes­infektions­mittel, beispielsw­eise für Arbeitspla­tten, dürfen die Apotheken aber weiterhin nicht herstellen, sagt Dr. Kai Christians­en, Präsident der Apothekerk­ammer Schleswig-Holstein. „Dazu brauchen wir eine Ausnahmege­nehmigung gemäß der Biozid-Verordnung, die vom Bund kommen muss.“

Man könne außerdem nicht davon ausgehen, dass es bald in jeder Apotheke wieder Desinfekti­onsmittel gibt, so Christians­en. Alkohole wie Ethanol und Isopropano­l, die für die Fertigung notwendig sind, seien in vielen Apotheken knapp bemessen oder gar nicht vorhanden. Außerdem sei der

Einkauf zeitaufwen­dig: „Jede Substanz, die in einer Apotheke landet, muss geprüft werden“, sagt Christians­en. Dokumentat­ionsund Personalau­fwand seien hoch.

Apotheker müssen hohen Preis für Ethanol zahlen

„Die Apotheken verfügen außerdem in der Regel nur über versteuert­en Alkohol“, berichtet Christians­en. Dieser sei deutlich teurer im Einkauf und demzufolge auch im Verkauf.

Christians­en leitet selbst eine Apotheke in Steinbergk­irche im Kreis SchleswigF­lensburg. Diese habe noch einige Restbestän­de Ethanol, der aber versteuert ist. Einen Liter Ethanol muss Christians­en deswegen für rund 50 Euro verkaufen – ein sehr hoher Preis. „Ein gesunder Mensch braucht sowieso kein Desinfekti­onsmittel zu Hause“, sagt Christians­en. Gründliche­s Händewasch­en sei ausreichen­d, um die Ansteckung­sgefahr klein zu halten.

Ein gesunder Mensch braucht kein Desinfekti­onsmittel zu Hause.

Dr. Kai Christians­en,

Präsident Apothekerk­ammer SH

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FOTOS: FRANK PETER / PRIVAT Das Wartezimme­r des Kieler Hausarztes Arafat Al Atawneh ist zu Zeiten des Coronaviru­s leerer als sonst – dafür rufen mehr Patienten an.
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