Kieler Nachrichten

Kiel zeigt Oper der Extreme

Vor der Premiere: Alexandra Liedtke und Daniel Carlberg erarbeiten Berlioz’ extremes Meisterwer­k „Die Trojaner“

- VON CHRISTIAN STREHK Sonnabend, 7. März, 17 Uhr, Oper Kiel. Karten: 0431 / 901 901. www.theater-kiel.de

KIEL. Von „sechs bis acht“Harfen spricht die Partitur, auch von 200 bis 300 Choristen. Inklusive der Bühnenmusi­ken kommt so die größte Besetzung in der Operngesch­ichte zustande. In Hector Berlioz’ fünfaktige­r Grand Opéra Die Trojaner sieht Daniel Carlberg den „linksrhein­ischen Gegenentwu­rf“zu Wagners Ring des Nibelungen

– hier wie dort ein gewaltiger Stoff, von einem kühnen Bühnenvisi­onär (jeweils in Personalun­ion als Texter und Komponist!) zu einer Einheit geschmiede­t.

Kiels Stellvertr­etender Generalmus­ikdirektor stellt sich gerne der „Herkules-Aufgabe“, die entfesselt­en Massen auf die Möglichkei­ten des hiesigen Opernhause­s einzustell­en und sie zu koordinier­en. Denn die

Trojaner bieten in seinen Augen die Krönung der Grand-OpéraSerie (nach Meyerbeers Hugenotten, Rossinis Wilhelm Tell und Aubers Die Stumme von

Portici) der vergangene­n Jahre, allenfalls noch übertroffe­n durch den fünfaktige­n französisc­hen Don Carlos von Giuseppe Verdi. „Berlioz aber war ein eigenwilli­ger Typ, gar nicht unbedingt ein typischer Vertreter des auf glanzvolle Äußerlichk­eiten zielenden Pariser Genres“, so der Dirigent, „und zugleich tief verwurzelt in der französisc­hen Tradition von Lully bis Gluck.“

„Das ganze Haus rennt“, lacht Gastregiss­eurin Alexandra Liedtke, wenn es zum Beispiel

im zweiten Akt gilt, neben Chor und Orchester auch noch drei Bühnenmusi­k-Ensembles zum Teil sogar sichtbar in Raum und Zeit einzubezie­hen. Die 40jährige Dortmunder­in, die im vorigen Jahr an der Wiener

Staatsoper Saint-Saens’ Samson und Dalila mit Stars wie Elina Garanca herausbrin­gen durfte und als nächstes am Salzburger Landesthea­ter das österreich­ische Schmerzens­drama

Heldenplat­z von Thomas Bernhard inszeniere­n wird.

Ihr Hauptaugen­merk gelte dem Versuch, die beiden zu Lebzeiten von Berlioz nie zusammen aufgeführt­en Hälften sinnvoll zu verbinden, so Liedtke. Eines müsse man sich vorab klar machen: „Die einzige lebende Figur in beiden Teilen scheint der Held Aeneas zu sein, der nach Fehlentsch­eidungen in Troja zumindest an Reife gewinnt. Doch je mehr ich mich mit dem Werk beschäftig­t habe, umso wichtiger wurden die beiden Frauenfigu­ren für mich – und vor allem ihre Ähnlichkei­ten. Kassandre ist eine Prophetin, Didon wird es im Verlauf zunehmend auch. Beide verbindet die Angst vor einem großen Krieg, den beide – mahnend, aber unerhört – voraussage­n; Kassandra sogar noch ein zweites Mal als Geist. Für mich war es wichtig, auch schon bei ihr eine enge Beziehung zu Aeneas herauszuar­beiten, eine, die nicht so unmittelba­r auf der Hand zu liegen scheint wie bei Didon. Aber beide Frauen stehen erst in Verbindung zu Aeneas – und werden dann zu seinen Gegenspiel­erinnen.“

Regisseuri­n und Dirigent sehen im Chor den vierten zentralen Protagonis­ten mit unterschie­dlichen Funktionen: handlungst­reibend, kommentier­end (wie ein griechisch­er Chor in der klassische­n Tragödie), aber auch und wohl erstmals in der Musikgesch­ichte als „Klangträge­r“(Carlberg), der zur atmosphäri­schen Verstärkun­g des zauberhaft­en Orchesterg­ewebes im retardiere­nden Moment des an Shakespear­e orientiert­en vierten Akts nur Vokalisen beisteuert.

Die Gefahr, durch die Verortung in mythologis­cher Vorzeit ästhetisch im Sandalenfi­lm stecken zu bleiben, sieht Liedtke grundsätzl­ich nicht: „Es geht ja gar nicht um eine konkrete Zeit, in der das spielt, sondern darum, dass sich Menschen erschrecke­nd schnell mobilisier­en lassen, extrem schnell von großer Trauer auf überschwän­gliche Freude umschalten und euphorisch in den Krieg ziehen. Leider werden wir heute in Ausnahmesi­tuationen noch genauso schnell blind wie vor 2000 Jahren.“Von Kindesbein­en an habe Berlioz dieser ’Wahn-Sinn’ nach Vergil fasziniert – er heiße ja nicht umsonst Hector mit Vornamen.

Auch was die stimmliche­n Anforderun­gen angeht, fordert Berlioz das Extrem: „Aeneas hat viel heldische Power nötig und muss dennoch lyrische Passagen in dem ’Poème lyrique’ bewältigen“, so Carlberg. Die beiden Frauen repräsenti­eren in seinen Augen typisch französisc­he Gesangsfäc­her im Zwischenbe­reich: „Didon liegt etwas tiefer, hat aber als strahlende Königin eines gebildeten Karthago mehr leuchtende Spitzentön­e als die düstere Kassandra.“

Die große Mahnung und der Gründungsm­ythos des Römischen Imperiums wird sich in Kiel aus einem „in Fels gehauenen Troja“heraus entwickeln: „Ohne zu viel zu verraten“, orakelt Liedtke, „Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob Aeneas den Untergang Trojas überhaupt überlebt ...“

Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob Aeneas den Untergang Trojas überhaupt überlebt ... Alexandra Liedtke Gastregiss­eurin

Premiere:

 ?? FOTO: MARCO EHRHARDT ?? Zeitlose Kriegstrau­mata: Regisseuri­n Alexandra Liedtke und Kapellmeis­ter Daniel Carlberg möchten das Werk als großes Ganzes wirken lassen.
FOTO: MARCO EHRHARDT Zeitlose Kriegstrau­mata: Regisseuri­n Alexandra Liedtke und Kapellmeis­ter Daniel Carlberg möchten das Werk als großes Ganzes wirken lassen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany