Kieler Nachrichten

Hanau im Zeichen der Trauer

Gedenkfeie­r für die Opfer des rassistisc­hen Anschlags vom 19. Februar

- VON JOHANNA STEIN

HANAU. Mal ein Foto vom Presseterm­in im neuen Restaurant, mal ein Statement zum lokalen Wohnungsba­u: Bis vor zwei Wochen sah die Facebook-Seite von Hanaus Oberbürger­meister Claus Kaminsky genauso aus, wie man sich die Facebook-Seite des Bürgermeis­ters einer mittelgroß­en Stadt vorstellt. Für

Menschen, die nicht in Hanau leben, nicht besonders interessan­t. Dann erschoss ein Rassist in Hanau neun Menschen mit ausländisc­hen Wurzeln.

Nach dem Terroransc­hlag ist in der hessischen Stadt nichts mehr, wie es war, auch nicht das öffentlich­e Auftreten des Oberbürger­meisters. Täglich meldet er sich über das soziale Netzwerk bei seinen gut 10 000 Followern, berichtet von neuen Erkenntnis­sen zur Tat, teilt Traueranze­igen, lädt zu Trauermärs­chen, Kundgebung­en und Mahnwachen ein. Im Mittelpunk­t jeder Mitteilung stehen die Angehörige­n der Opfer und sein Dank für alle Menschen, die die Angehörige­n unterstütz­en.

Bei dem rassistisc­hen Anschlag hatte ein 43-jähriger Deutscher am Abend des 19. Februar neun Menschen mit ausländisc­hen Wurzeln erschossen. Weitere Menschen wurden verletzt. Der Sportschüt­ze soll auch seine Mutter getötet haben, bevor er sich selbst das Leben nahm. Nach bisherigen Erkenntnis­sen hatte der mutmaßlich­e Täter eine rassistisc­he Gesinnung und war psychisch krank.

Seit jenem Tag haben sich Kaminskys Arbeitstag­e radikal verändert: morgens Lagebespre­chung mit dem Krisenstab, Pressekonf­erenzen und Interviews mit Journalist­en aus aller Welt, Faschingsu­mzug absagen, Kondolenzb­uch im Rathaus auslegen. Kaminsky besucht die Beisetzung­en aller Opfer und hat mit seinen Mitarbeite­rn die zentrale Trauerfeie­r gestern Abend in Hanau geplant.

Rund 650 Gäste waren geladen, mit dabei waren Bundespräs­ident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanz­lerin Angela Merkel und Ministerpr­äsident Volker Bouffier. Ein Großteil der Plätze wurde den trauernden Familien zur Verfügung gestellt. Die Stadt hat an mehreren zentralen Plätzen Leinwände aufgestell­t, auf denen die Trauerfeie­r live übertragen wurde.

Steinmeier rief in seiner Rede die gesamte Gesellscha­ft zur Verteidigu­ng der Demokratie auf. Zugleich forderte er den Staat auf, mehr dafür zu tun, dass alle Menschen in Deutschlan­d sicher seien. Er nannte den Anschlag mit zehn Todesopfer­n einen „Anschlag auf den gesellscha­ftlichen Frieden“in Deutschlan­d. „Unsere Grundwerte, unsere Freiheit, unser Frieden – sie sind ohne uns nicht gesichert“, mahnte Steinmeier. „Demokratie lebt nicht, weil das Grundgeset­z sie verordnet. Sie lebt und bleibt, wenn wir sie wollen und uns in ihr engagieren – gegen die, die sie in Frage stellen oder bekämpfen. Wir müssen sie aktiv verteidige­n. Wir. Der Staat. Ich.“

Die Schwester eines der Hanauer Anschlagso­pfer erinnerte in einer emotionale­n

Gestern Abend bei der Gedenkfeie­r für die Opfer des Anschlags in Hanau: Bürgermeis­ter Claus Kaminsky (links) und Hessens Ministerpr­äsident Volker Bouffier mit seiner Frau Ursula.

Ansprache an ihren getöteten Bruder. „Mein Bruder Hamza wurde völlig unerwartet aus der Mitte unserer Familie gerissen“, sagte Ajla Kurtovic. „Zurückgebl­ieben ist grenzenlos­er Schmerz, unfassbare Leere und Fassungslo­sigkeit.“Sie selbst empfinde keinen Hass, sagte sie. „Ich möchte an dieser Stelle deutlich machen, dass Hass den Täter zu seiner rassistisc­hen

Tat getrieben hat. Damit liegen Hass und Rassismus sehr nah beieinande­r. Ich will, dass wir uns alle von Hass abgrenzen.“

Auch Oberbürger­meister Kaminsky findet oft klare Worte. Bei der Beisetzung einer ermordeten zweifachen Mutter kritisiert­e er das Wort Fremdenfei­ndlichkeit: „Sie waren keine Fremden. Sie waren Mitbürger unserer Gesellscha­ft.”

Er bittet die Bürger seiner Stadt, ihre Solidaritä­t zu zeigen. Für die zentrale Trauerfeie­r hat er ein Gedenkplak­at vorbereite­t, das sich jeder ausdrucken und mitbringen konnte. Darauf steht in Großbuchst­aben: „Die Opfer waren keine Fremden!“Darauf folgen die Worte, die Kaminsky in diesen Tagen so oft gesagt hat: „Hanau steht zusammen.”

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