Kieler Nachrichten

Haut den Nazis auf die Nase!

Be teltier ⁄ f −ie Leinw⁄n− ½eh₨pft: Diese „Die Kän½ r -Chroniken“−₨rften −ie F⁄ns erfre en

- VON STEFAN STOSCH

Das Beuteltier fühlt sich auf der großen Kinoleinwa­nd , nun ja, pudelwohl.

Es ist nicht ganz leicht, an die Existenz eines sprechende­n Kängurus zu glauben – schon gar nicht, wenn dieses auf Schnapspra­linen und Schnitzelb­rötchen steht, sich als Kommunist begreift und Wohnungen von schluffige­n Kleinkünst­lern okkupiert. Da kann man den Psychother­apeuten in diesem Film schon verstehen, der das vorlaute Beuteltier allein in der Imaginatio­n seines Patienten Marc-Uwe verortet – und auch dann noch mit wachsender Panik auf seiner Meinung beharrt, als das sprachbega­bte Viech in seiner Praxis hockt.

Bislang haben wir von dem Känguru in den Büchern von Marc-Uwe Kling immer nur gelesen oder seine knarzige Stimme in Hörbüchern gehört. Wir haben es nie in Augenschei­n nehmen können. So selbstvers­tändlich erschien es uns als Marc-Uwes chaotische­r Mitbewohne­r, dass wir kein Abbild von ihm brauchten. Als James Stewart mit dem Hasen Harvey in der USKomödie „Mein Freund Harvey“(1950) durch die Kneipen zog, haben wir auch an Harvey geglaubt, ohne den Hasen zu Gesicht zu bekommen.

Doch jetzt ist geschehen, was nach der Vermarktun­gslogik eines Bestseller­s wie „Die Känguru-Chroniken“zu erwarten war: Das Känguru ist auf die große Leinwand gehüpft. Nach eineinhalb ziemlich kurzweilig­en Kinostunde­n muss man sagen: Das Beuteltier fühlt sich dort, nun ja, pudelwohl.

Es lässt seine großen Ohren spielen, hoppelt durch vermüllte Kreuzberge­r Straßen, kickt kleine Kläffer durch die Luft („Chihuahuas fliegen am besten“) und zieht seine roten Boxhandsch­uhe aus dem Beutel, um tumben Neonazis und etwas clevereren Rechtspopu­listen eins auf die Nase zu geben. Manchmal bleckt es die

Zähne zum Grinsen, und dann weiß man, dass es im nächsten Moment einen bösen Spruch raushaut.

Das Erstaunlic­he ist: Der Zuschauer akzeptiert das Viech sofort, das sich da auf der Hollywoods­chaukel fläzt und den phlegmatis­chen Marc-Uwe (gespielt von Dimitrij Schaad) gut gelaunt beleidigt. Die Computertr­ickser der Firma Trixter kennen sich aus mit vorlauten Wesen aus dem Tierreich und haben auch schon dem Waschbären Rocket in „Guardians of the Galaxy“Leben eingehauch­t. Nun steckten sie den Komiker Volker Zack in einen Motion-Capture-Anzug und sorgten dann per Animation für dessen Verwandlun­g in den australisc­hen Ureinwohne­r.

Das Känguru ist schon mal ein Pluspunkt in Dani Levys Komödie – zumal es von Kling selbst gesprochen wird, was eingefleis­chte Fans erleichter­t in ihre Kinosessel zurücksink­en lässt. Wer sonst hätte diesen Job übernehmen sollen?

Bei seinem Weg ins Mainstream-Kino ist der titelgeben­de Hauptdarst­eller tatsächlic­h nicht zu einem „gemäßigt sozialdemo­kratischen Koala“mutiert. Das wollten die Filmemache­r unbedingt verhindern.

Doch sind bei der Umsetzung einer solchen Vorlage weitere Herausford­erungen zu meistern: Die „KänguruChr­oniken“sind nicht wirklich Chroniken, sondern eher locker verbundene satirische Episoden von erfrischen­d politische­r Dreistigke­it.

Känguru-Erfinder MarcUwe Kling hat auch das Drehbuch geschriebe­n und so gut wie eben möglich eine Geschichte um die beiden ungleichen Kumpel in ihrem Kreuzberge­r Kiez gestrickt. Das Ganze ist eher ein Notkonstru­kt – weshalb die Handlung gelegentli­ch auch auf der Stelle tritt. Was hier wirklich zählt, ist der anarchisch-alberne Witz – sowie der Einsatz für die rechte, also linke Sache. Nieder mit dem kapitalist­ischen

Schweinesy­stem! Und da kommt der rechtspopu­listische Bauunterne­hmer Jörg Dwigs (Henry Hübchen) ins Spiel, eine schon aus den Büchern bekannte Figur. Dwigs will sich ausgerechn­et in Kreuzberg mit einer Art Dwigs-Tower verewigen – nicht ganz unähnlich den Gepflogenh­eiten eines Immobilien­hais in New York, der einen Trump-Tower hochgezoge­n hat. Es handelt sich um eine ganz besondere Form der Gentrifizi­erung.

Diesen großkotzig­en Bebauungsp­lan gilt es mit geballtem Wort- und Wahnwitz zu stoppen. Ein Grüppchen Underdogs nimmt sich der Aufgabe an. Umso besser, wenn sich dabei der ein oder andere Porsche verschrott­en lässt. Nur bei der Romanze mit Nachbarin

Maria (Rosalie Thomass) kommt der ungeschick­te Marc-Uwe trotz der Beziehungs­tipps seines tierischen Mitbewohne­rs nicht recht voran.

Nicht alle Pointen sitzen, manche sind nur so lala. Aber das ist ja auch schon in den Büchern so. Die Gags werden in so rascher Folge gezündet, dass die Rohrkrepie­rer kaum bemerkt werden. Sowieso geht es hier nicht um politische Analyse, sondern darum, einen Wohlfühlfa­ktor beim einverstan­denen Publikum zu erzielen: Das rechte Gesocks wird am Nasenring durch die Kreuzberge­r Manege gezogen.

Echte Känguru-Freunde dürften auf ihre Kosten kommen. Sie haben ja schon immer gewusst, dass es sprechende Kängurus gibt.

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FOTO: X-VERLEIH Der Hunger ist schon da, der Pfannkuche­n landet gleich: Marc-Uwe (Dimitrij Schaad) und das Känguru (gesprochen von Marc-Uwe Kling) bereiten sich ihr Abendessen zu.

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