Kieler Nachrichten

Von Mythos und Wirklichke­it

Eine Div⁄ schreiit L₨½enmemoiren, −och in −er Tr⁄½ikomö−ie „L⁄ Vérité“kommt sie −⁄mit nicht − rch

- VON MARGRET KÖHLER

„Was macht eine Familie zur Familie, und wie entscheide­t man sich zwischen einer grausamen Wahrheit und einer sanften Lüge?“Um diese diffizile Frage geht es bei der Mutter-Tochter-Konfrontat­ion im sommerlich­en Paris. Fabienne (Catherine Deneuve), eine Filmdiva mit ausgeprägt­em Ego, zieht hier die Fäden in ihrem Machtspiel, benutzt andere wie Schachfigu­ren und stößt Freunde und Familie vor den Kopf.

Zur Premiere ihrer Autobiogra­fie reist Tochter und Drehbuchau­torin Lumir (Juliette Binoche) samt Gatte (Ethan Hawke) und Kind aus New York an. Nicht nur, um das Ereignis zu feiern, sondern um endlich Klartext zu reden, sich von seelischem Ballast zu befreien. Denn nichts ist so, wie die Mama in ihren Memoiren schreibt. Weder war sie nette Kollegin noch treue Gattin und schon mal gar nicht ein Paradebeis­piel an Mutterlieb­e und Aufopferun­g.

Im Gegenteil, Lumir erinnert sich an lange Abwesenhei­t und Desinteres­se, fühlte sich als Kind nicht akzeptiert.

Während sie Fabienne bei den Dreharbeit­en zu ihrem wohl letzten Film unterstütz­t, gibt es immer wieder lange Gespräche über die Vergangenh­eit, ein intensives psychologi­sches Aufräumen, ganz ohne Türenknall­en oder laute Vorwürfe. Wollen beide in dieser doppelbödi­gen Reflexion über Familie und ganz nebenbei auch über das Kino wirklich die ultimative Wahrheit oder doch lieber „Leben und Lügen lassen“?

Wenn sich Deneuve und Binoche piesacken und wieder annähern, die Tochter die Mutter trotz aller Verletzung­en

liebt, fragt man sich, wieso es so lange gedauert hat, bis diese beiden gemeinsam vor der Kamera stehen. Das außergewöh­nliche Schauspiel­erinnenduo drückt der Tragikomöd­ie seinen Stempel auf – man möchte die beiden öfter zusammen auf der Leinwand sehen. Männer wie Fabiennes persönlich­er Assistent und guter Geist Luc (Alain Libolt) bleiben Randfigure­n. Bei Deneuve kann man nur staunen, wie sie den alternden, aber immer noch eitlen und köstlich boshaften Star mit kaum zu übertreffe­nder Selbstiron­ie verkörpert, wie ein Schlot raucht und gerne dem Whisky zuspricht. Da passt es, dass sie sich einfach vom Set schleicht, um in Ruhe Crêpes zu speisen.

Regisseur Hirokazu Koreeda dreht zum ersten Mal außerhalb seiner Heimat, aber in seiner Mutterspra­che. Da er sich nur durch einen Übersetzer verständli­ch machen konnte, fehlte wohl der direkte Draht zu Team und Darsteller­n. Berühmt für seine analytisch­e Betrachtun­g der urbanen japanische­n Gesellscha­ft wie im Palmen-Gewinner „Shoplifter­s“, liefert er handwerkli­ch gutes Kino und trotz des schweren Themas Leichtigke­it. Es mangelt aber an der für ihn typischen Poesie, was wohl an dem fehlenden Wissen über den Verhaltens­kodex der französisc­hen Bourgeoisi­e liegt. Aber wenn die Schauspiel­ikonen, die am Set sicherlich ein Wörtchen mitgeredet haben, souverän zwischen Sein und Schein oszilliere­n und jede ihre Wahrheit verteidigt, setzt der Film zum Höhenflug an.

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FOTO: PROKINO Familientr­effen: Lumir (Juliette Binoche, l.) und Hank (Ethan Hawke, r.) besuchen Mutter Fabienne (Catherine Deneuve).

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