Mit Sinn für Ge­mein­sinn

Kieler Nachrichten - - WEITER DENKEN -

Herr Negt, was er­le­ben wir ge­ra­de: ei­ne vor­über­ge­hen­de Kri­se oder ei­ne Zei­ten­wen­de?

Mir scheint, dass sich schon vor­her be­ste­hen­de ge­sell­schaft­li­che Ero­si­ons­pro­zes­se ver­schärft ha­ben, al­so das Brü­chig­wer­den eta­blier­ter Bin­dun­gen und Wer­temus­ter. In dem Maß, in dem al­te Ge­wiss­hei­ten und Ori­en­tie­run­gen po­rö­ser wer­den, ent­steht, zu­nächst noch tas­tend, ein neu­es Be­wusst­sein. Ich ha­be das Ge­fühl, dass der ge­gen­wär­ti­ge Still­stand von Pro­duk­ti­on und öf­fent­li­chem Le­ben, die Ver­lang­sa­mung un­se­res All­tags, da­zu führt, dass sich im­mer mehr Men­schen die Fra­ge stel­len, in wel­chen Zu­sam­men­hän­gen sie ei­gent­lich le­ben, in wel­chen Ver­bin­dun­gen und Ab­hän­gig­kei­ten sie ste­hen. Vie­le be­grei­fen ge­ra­de wo­mög­lich zum ers­ten Mal wirk­lich, was Ge­sell­schaft, was un­se­re De­mo­kra­tie für sie be­deu­tet. Nicht nur als po­li­ti­sche Kon­struk­ti­on oder als in­sti­tu­tio­nel­les Ge­flecht, son­dern als et­was mit den ei­ge­nen Le­bens­zu­sam­men­hän­gen un­mit­tel­bar Ver­knüpf­tes.

Was heißt das kon­kret?

In Zei­ten von Kon­takt­be­schrän­kun­gen ent­ste­hen neue For­men von Öf­fent­lich­keit und We­gen, mit­ein­an­der in Be­zug zu tre­ten. Es fing in Ita­li­en auf den Bal­ko­nen an. Men­schen über­wan­den die po­li­tisch auf­er­leg­te Gren­ze zum Nach­barn durch ge­mein­sa­mes Sin­gen. In mei­ner Nach­bar­schaft in Han­no­ver spielt ein Kla­vier­pro­fes­sor je­den Nach­mit­tag um 17 Uhr Jazz-Im­pro­vi­sa­tio­nen von sei­nem Bal­kon vor wach­sen­der Zu­hö­rer­schaft. Das sind – ne­ben viel­fäl­ti­gen For­men der Nach­bar­schafts­hil­fe – nur zwei Bei­spie­le, auf welch spon­ta­ne, mit­un­ter un­kon­ven­tio­nel­le Wei­se Men­schen der­zeit Be­zie­hun­gen zu­ein­an­der her­stel­len. In­mit­ten al­ler Be­schrän­kun­gen ent­steht ei­ne neue Frei­heit, die uns die Mög­lich­keit er­öff­net, aus dem Er­prob­ten, Kon­ven­tio­nel­len aus­zu­sche­ren. Und das hat viel mit Mün­dig­keit, mit ge­leb­ter De­mo­kra­tie zu tun.

Zu­gleich wächst die Grup­pe der Un­zu­frie­de­nen, der Ängst­li­chen, de­rer, die sich ent­mün­digt füh­len und hin­ter der Co­ro­na-Kri­se ei­ne gro­ße Ver­schwö­rung wit­tern. Ent­steht auf den so­ge­nann­ten Hy­gie­ne-De­mos ei­ne neue ge­sell­schaft­li­che Be­we­gung? Was jetzt in ei­ner Art Samm­lungs­be­we­gung in vie­len Städ­ten auf Plät­zen und Stra­ßen zu­sam­men­kommt, mag zu­nächst wie ei­ne neue ge­sell­schaft­li­che Strö­mung wir­ken, weil sie schein­bar di­ver­gie­ren­de Ak­teu­re schein­bar zu­sam­men­bin­det: Rechts­ex­tre­me, Ul­tra­lin­ke, Eso­te­ri­ker, Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker, aber auch Men­schen, die schlicht­weg die wirt­schaft­li­che Sor­ge um­treibt. Die­se „Be­we­gung“hat je­doch kein er­kenn­ba­res Pro­gramm. Ent­eig­nungs- und Ab­stiegs­ängs­te so­wie ein Ver­lust von Ori­en­tie­rung schei­nen weit­aus stär­ke­re trei­ben­de Kräf­te zu sein als ei­ne Ent­rüs­tung über ver­meint­li­chen De­mo­kra­tie­ab­bau. Das Leit­mo­tiv sind al­so alt­be­kann­te Be­fürch­tun­gen, die auch schon vor Co­ro­na, et­wa im Zu­sam­men­hang mit der so­ge­nann­ten Flücht­lings­kri­se, Pro­test­stim­mung be­feu­ert ha­ben.

Al­so ge­fähr­den der­zei­ti­ge Ein­schrän­kun­gen un­se­re De­mo­kra­tie nicht?

Das ist zu hof­fen, denn die Ent­schei­dun­gen, die hin­ter die­sen Ein­schrän­kun­gen ste­hen, lau­fen trans­pa­rent ab. Sie sind nach­voll­zieh­bar, ge­wis­sen­haft ab­ge­wo­gen und ver­hält­nis­mä­ßig. Ich glau­be oh­ne­hin, wir be­trach­ten die ge­gen­wär­ti­ge Si­tua­ti­on zu sehr un­ter den Vor­zei­chen des Aus­nah­me­zu­stands, der Co­ro­na-Pan­de­mie. Aus der Sicht ei­nes So­zio­lo­gen ist das, was ge­ra­de ab­läuft, hin­ge­gen nicht nur Kri­sen­ma­nage­ment, son­dern ein gro­ßes so­zio­lo­gi­sches Ex­pe­ri­ment, hin­ter dem die Fra­ge steht: Was macht das Stillhal

Be­trach­tet das ge­gen­wär­ti­ge „gro­ße so­zio­lo­gi­sche Ex­pe­ri­ment“mit Neu­gier: Os­kar Negt. ten, das An­hal­ten der Zeit, die Er­fah­rung, nicht im­mer vor­wärts zu stre­ben, son­dern im Ge­gen­teil so­gar Rück­bil­dung zu ak­zep­tie­ren – was macht all das mit un­se­rer Ge­sell­schaft? Aus die­ser Per­spek­ti­ve schei­nen mir „Hy­gie­ne-De­mos“und der Un­mut ei­ner Min­der­heit weit we­ni­ger in­ter­es­sant als der lei­se, viel­leicht auch fra­gi­le Be­wusst­seins­wan­del, der sich ge­ra­de in der brei­ten Ge­sell­schaft voll­zieht. Die Men­schen ent­de­cken, wie sehr De­mo­kra­tie und ge­sell­schaft­li­cher Zu­sam­men­halt von ih­rem ei­ge­nen Han­deln ab­hän­gen, wie viel in ih­rer ei­ge­nen Ver­ant­wor­tung, aber auch ih­rer ei­ge­nen Hand­lungs­macht

Os­kar Negt, ge­bo­ren 1934 in Ost­preu­ßen, lehr­te lange als Pro­fes­sor für So­zio­lo­gie in Han­no­ver. Dort lebt er auch heu­te noch. Negt, der bei Ador­no, Hork­hei­mer und Ha­ber­mas stu­dier­te, hat zahl­rei­che Bü­cher ge­schrie­ben – et­wa über die Be­deu­tung von Ar­beit und Bil­dung in De­mo­kra­ti­en so­wie über Ge­mein­sinn. liegt. In die­sem auf­kei­men­den Be­wusst­sein liegt die gro­ße Chan­ce, „de­mo­kra­ti­sche An­ti­kör­per“ge­gen an­ti­de­mo­kra­ti­sche Ten­den­zen und Denk­wei­sen zu ent­wi­ckeln, wie der Frank­fur­ter Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Rei­ner Forst kürz­lich zu­tref­fend fest­stell­te.

Wird die­ses Be­wusst­sein die Kri­se über­dau­ern?

Zu­min­dest wird et­was hän­gen­blei­ben, da bin ich mir si­cher. Weil die Men­schen in die­ser au­ßer­ge­wöhn­li­chen Si­tua­ti­on stär­ker denn je aus ei­ge­ner, au­then­ti­scher Er­fah­rung ler­nen. Und die­ser Er­fah­rungs­be­zug ist der stärks­te Mo­tor für nach­hal­ti­ge Ve­rän­de­rung.

Wel­che Hoff­nung weckt das in Ih­nen?

Dass wir Al­ter­na­ti­ven zur be­ste­hen­den Ord­nung er­ken­nen und er­grei­fen ler­nen. Wir le­ben in ei­ner ka­pi­ta­lis­ti­schen Ge­sell­schafts­ord­nung, die nicht för­der­lich ist für So­li­da­ri­tät, son­dern auf der Schä­di­gung und Aus­gren­zung des Nächs­ten grün­det. Es ist ei­ne in ih­ren Gr­und­zü­gen räu­be­ri­sche Ge­sell­schaft. Die Co­ro­naK­ri­se, die ei­ne Her­aus­for­de­rung, ge­wis­ser­ma­ßen ei­ne Lern­pro­vo­ka­ti­on ist, lehrt uns Zu­sam­men­halt. Wir ent­de­cken, was wir dem Ge­mein­we­sen, un­se­ren Mit­men­schen ge­ben kön­nen. Wir be­grei­fen, dass Tei­len ei­ne weit bes­se­re Kri­sen­be­wäl­ti­gungs­stra­te­gie ist als Raf­fen. Na­tür­lich ist der Aus­gang die­ser Kri­se längst noch nicht ab­seh­bar. Aber ich ha­be Hoff­nung, dass die­ser Zu­sam­men­halt bleibt. Ge­trübt wird mei­ne Zu­ver­sicht al­ler­dings von ei­ner gro­ßen Sor­ge: Dass ei­ne Ge­wöh­nung an den Zu­stand der Ein­schrän­kung we­sent­li­cher Grund­rech­te statt­fin­det – und da­mit dem mög­li­chen Miss­brauch durch an­ti­de­mo­kra­ti­sche Kräf­te Tür und Tor ge­öff­net wird.

Sie ha­ben die ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lung fast seit Be­ste­hen der Bun­des­re­pu­blik kri­tisch be­trach­tet. Wie fügt sich die Co­ro­na-Kri­se in die­ses Pan­ora­ma ein? Es ist ei­ne Si­tua­ti­on, in der vie­le Fra­gen, mit de­nen ich mich seit Jahr­zehn­ten be­schäf­ti­ge – et­wa nach ge­sell­schaft­li­chen Ero­si­ons­pro­zes­sen – be­son­ders deut­lich her­vor­tre­ten. Zu­gleich kann ich nur dar­über stau­nen, wel­che ge­wal­ti­gen Ver­wer­fun­gen, aber auch rie­si­gen Chan­cen ein so klei­ner Krü­mel wie das Co­ro­na­vi­rus her­vor­ruft. Die­ser Mo­ment ist mit kaum et­was zu ver­glei­chen – selbst durch die Bril­le ei­nes 85-Jäh­ri­gen.

Wir be­grei­fen, dass Tei­len ei­ne weit bes­se­re Kri­sen­be­wäl­ti­gungs­stra­te­gie ist als Raf­fen.

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