„Mehr Men­schen wol­len von Dro­gen weg­kom­men“

Die Dro­gen­be­auf­trag­te Da­nie­la Lud­wig über Sucht in den Zei­ten von Co­ro­na

Kieler Nachrichten - - SONNTAGSTH­EMA -

Frau Lud­wig, Sie ha­ben schnell auf den Hil­fe­ruf von Ver­bän­den re­agiert und da­für ge­sorgt, die Si­tua­ti­on für Schwerst­ab­hän­gi­ge zu ent­schär­fen. Wel­che Be­rei­che ha­ben sich in die­ser Pan­de­mie als kri­tisch her­aus­ge­stellt?

Für die Si­tua­ti­on der Dro­gen­kon­su­mie­ren­den, die auf der Stra­ße le­ben, gab es in der stren­gen Pha­se der Co­ro­naPan­de­mie ei­nen drin­gen­den Hand­lungs­be­darf, das liegt in der Na­tur der Sa­che: Schwerst­ab­hän­gi­ge, die nicht zum Arzt ge­hen kön­nen, die kei­ne Be­ra­tung wahr­neh­men kön­nen, weil al­les vor­über­ge­hend ge­schlos­sen wer­den muss­te – für die wa­ren die Pro­ble­me äu­ßerst drin­gend, die wir in Tei­len ab­fe­dern konn­ten. Zum Bei­spiel dür­fen sub­sti­tu­ie­ren­de Ärz­te wäh­rend der Co­ro­na-Pan­de­mie jetzt aus­nahms­wei­se Re­zep­te für ei­nen län­ge­ren Zei­t­raum und auch oh­ne per­sön­li­che Kon­sul­ta­ti­on aus­stel­len. Was mir aber grö­ße­re Sor­gen be­rei­tet, ist der Be­reich Glücks­spiel: Al­le Spiel­hal­len sind der­zeit ge­schlos­sen – al­les ver­la­gert sich in den On­lin­ebe­reich. Hin­zu kommt, dass On­li­ne­glücks­spiel ge­ra­de ver­stärkt be­wor­ben wird, vor al­lem die Wer­bung im Fern­se­hen und Ra­dio hat ex­po­nen­ti­ell zu­ge­nom­men. Ich ha­be be­reits vor zwei Wo­chen ei­ni­ge Sen­der da­hin­ge­hend an­ge­schrie­ben und er­war­te, dass die­se ent­spre­chend ein­schrei­ten. Bis heu­te ha­be ich kei­ne Ant­wort er­hal­ten, da will ich den Druck noch er­hö­hen, das The­ma liegt auf Wie­der­vor­la­ge.

Bei Kin­dern und Ju­gend­li­chen gibt es of­fen­bar Pro­ble­me, die sich durch die Co­ro­na-Maß­nah­men noch ver­stär­ken.

Kin­der in sucht­be­las­te­ten Fa­mi­li­en sind ne­ben den The­men Sub­sti­tu­ti­on und On­li­ne­glücks­spiel ge­ra­de das drit­te drin­gen­de Pro­blem für mich. Und sie sind auch ein Grund da­für, dass ver­sucht wird, zeit­nah wie­der in ei­nen halb­wegs ge­re­gel­ten Schul- und Ki­ta­be­trieb zu­rück­zu­keh­ren. Be­dingt durch den Lock­down und die Kon­takt­be­schrän­kun­gen hat­ten wir in den ver­gan­ge­nen Wo­chen kaum Mög­lich­kei­ten, an be­trof­fe­ne Kin­der her­an­zu­kom­men. Es ist si­cher­lich nicht re­prä­sen­ta­tiv, aber es gibt Leh­rer in Ber­lin, die mir mit­tei­len, sie er­reich­ten gut 30 Pro­zent al­ler El­tern seit Wo­chen nicht mehr. Nie­mand weiß, was in die­sen Fa­mi­li­en los ist. Das müs

Sieht Schwerst­ab­hän­gi­ge in Ge­fahr: Da­nie­la Lud­wig, CSU, ist seit Sep­tem­ber 2019 Dro­gen­be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung. sen wir im Nach­hin­ein sehr ge­nau auf­ar­bei­ten und sen­si­bel hin­schau­en.

In sucht­be­las­te­ten Fa­mi­li­en spielt Al­ko­hol oft ei­ne Rol­le. Wirkt sich die Kri­se auf den Kon­sum aus? Er­he­bun­gen und Sta­tis­ti­ken da­zu gibt es bis­lang nicht, da­für ist auch die Zeit­span­ne zu kurz. Die mit­tel- und lang­fris­ti­gen Fol­gen sind jetzt noch nicht ab­zu­se­hen. Si­cher aber ist es so, dass in Fa­mi­li­en, in de­nen Al­ko­hol schon vor­her ei­ne Rol­le ge­spielt hat, ein Job­ver­lust die Si­tua­ti­on jetzt wo­mög­lich noch ver­schärft. Was wir wis­sen, ist, dass die Ver­kaufs­zah­len von Al­ko­hol ge­stie­gen sind. Das muss aber kein Hin­weis dar­auf sein, dass auch der Al­ko­hol­kon­sum ge­stie­gen ist – schließ­lich fällt der Kon­sum in Bars und Re­stau­rants seit den Schlie­ßun­gen Mit­te März weg.

Ha­ben sich Prio­ri­tä­ten in Ih­rer Ar­beit durch die Co­ro­na-Pan­de­mie grund­sätz­lich ver­scho­ben? Nach­dem ich im Sep­tem­ber 2019 zur Dro­gen­be­auf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung er­nannt wor­den bin, ha­be ich den Fo­kus vor al­lem auf so­ge­nann­te Par­ty­dro­gen ge­legt – die wer­den im­mer ge­fähr­li­cher in der Mi­schung und im­mer güns­ti­ger im Er­werb. Nun sind Par­tys vor­erst kein The­ma mehr, es geht akut dar­um, die Sucht­hil­fen vor Ort auf­recht­zu­er­hal­ten. Sub­sti­tu­ti­on war eben­falls auf mei­ner The­men­lis­te oben, hat sich aber nun noch mehr be­stä­tigt. Ge­ra­de die Kri­se birgt die Chan­ce, mehr Schwerst­ab­hän­gi­ge in die Sub­sti­tu­ti­on zu brin­gen – da ist das Feed­back von der Dro­gen­hil­fe Ber­lin et­wa durch­aus po­si­tiv. Mehr Men­schen zeig­ten In­ter­es­se, von den Dro­gen weg­zu­kom­men. Wenn et­was an die­ser Kri­se po­si­tiv ist, dann das. Was ge­ra­de eher un­ter dem Ra­dar läuft, ist die Fra­ge nach der Le­ga­li­sie­rung von Can­na­bis. Das wird ein The­ma blei­ben. Für den Mo­ment hat­te ich mich da­hin­ge­hend fest­ge­legt, dass die Ar­gu­men­te für ei­ne Le­ga­li­sie­rung nicht aus­rei­chen. Nicht al­le Län­der, die Can­na­bis le­ga­li­siert ha­ben, sind gänz­lich glück­lich da­mit.

Wel­che kon­kre­ten Er­kennt­nis­se neh­men Sie aus der Kri­se mit? Die Pra­xis jetzt zeigt, dass das The­ma Sub­sti­tu­ti­on für Schwerst­ab­hän­gi­ge drän­gen­der ist als das der syn­the­ti­schen Dro­gen. Wir müs­sen jetzt ab­war­ten, wie sich die co­ro­nabe­ding­ten Er­leich­te­run­gen im Be­reich Sub­sti­tu­ti­on aus­wir­ken, da durch­lau­fen wir ge­ra­de ei­ne un­ge­plan­te Test­pha­se.

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