The­ra­pie für Zehn­tau­sen­de Pa­ti­en­ten ge­si­chert

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über­all sind Plas­tikt­renn­wän­de auf­ge­baut, al­le Mit­ar­bei­ter tra­gen Schutz­mas­ken, mehr Si­cher­heits­leu­te sind im Ein­satz. 80 bis 90 „Kon­sum­vor­gän­ge“zäh­len sie sonst pro Tag, an die­sem Vor­mit­tag sind es ge­ra­de ein­mal drei Men­schen, die kom­men, sich sprit­zen – und so­fort wie­der ge­hen.

Dass es Eng­päs­se in der Dro­gen­sze­ne gibt, kann Vi­kas Ba­pat nicht sa­gen. Nach al­lem, was er und sein Team mit­be­kom­men, sind in Han­no­ver sämt­li­che Stof­fe noch zu be­kom­men, das hö­re er auch von Kol­le­gen aus an­de­ren Städ­ten.

Nur an­fangs sei es „ein Pro­blem“ge­we­sen, dass sich Dea­ler nicht mehr auf die Stra­ßen trau­ten; vor al­lem Ko­ka­in wür­den sie schlech­ter los, weil die Par­ty­sze­ne still­ste­he. He­ro­in da­ge­gen, hie­ße es im­mer wie­der, sei oh­ne­hin ei­ne Dro­ge, die aus­ster­be. Der Al­ters­schnitt der Kon­su­mie­ren­den lie­ge mitt­ler­wei­le bei 40, sagt Ba­pat. „Ei­ne Dro­ge, die se­diert, passt wohl ein­fach nicht mehr in un­se­re Leis­tungs­ge­sell­schaft.”

Fragt man den deut­schen Zoll oder das Bun­des­kri­mi­nal­amt zu Eng­päs­sen auf dem Dro­gen­markt, ge­hen die Ant­wor­ten in ei­ne ähn­li­che Rich­tung.

„Es ist da­von aus­zu­ge­hen, dass der in­ter­na­tio­nal or­ga­ni­sier­te Rausch­gift­groß­han­del im Grund­satz wei­ter­hin dort fort­be­steht, wo die Rausch­gift­lie­fer­ket­ten den grenz­über­schrei­ten­den Lie­fer­ket­ten für le­ga­le Gü­ter (bspw. Lie­fe­run­gen in See­con­tai­nern, Lk­wFracht­ver­kehr) ent­spre­chen”, heißt es et­wa vom Bun­des­kri­mi­nal­amt auf An­fra­ge. Ham­burg, Han­no­ver und Frank­furt am Main wer­den of­fen­bar wie ge­wohnt auf der Süd­schie­ne vom Meer Rich­tung Süd­deutsch­land ver­sorgt – An­kunft im Ha­fen im See­con­tai­ner, dann wei­ter mit dem Lkw.

Dass die üb­li­chen Lie­fer­ket­ten noch funk­tio­nie­ren, lässt auch die Aus­kunft des Zolls er­ah­nen: „Für den Be­reich des Ein­fuhr­schmug­gels von Ko­ka­in in die Eu­ro­päi­sche Uni­on und nach Deutsch­land über die Hä­fen Ant­wer­pen, Rot­ter­dam und Ham­burg lie­gen die Si­cher­stel­lungs­zah­len

im Ver­gleichs­zeit­raum 2019/2020 auf gleich ho­hem Ni­veau.” Glei­ches gel­te für die si­cher­ge­stell­ten Dro­gen aus süd­ame­ri­ka­ni­schen Län­dern.

Auch das Fracht­auf­kom­men aus Süd­ame­ri­ka blieb laut Zoll im März und April gleich hoch, im Ge­gen­satz zum Con­tai­ner­ver­kehr aus asia­ti­schen Staa­ten. Da die Trans­port­zei­ten von Con­tai­ner­schif­fen vier bis sechs Wo­chen be­tra­gen, sind mit­tel­fris­ti­ge Aus­wir­kun­gen noch ab­zu­war­ten.

Al­ler­dings weist der Zoll auf der­zeit „er­höh­te Si­cher­stel­lungs­zah­len im Post- und Pa­ket­ver­kehr” hin. Al­lein in Köln sei­en im April 220 Ki­lo­gramm Ma­ri­hua­na, 22000 Can­na­bis

Die Dro­gen sind il­le­gal, An­bau und Be­sitz so­wie der Han­del da­mit sind als Ver­stö­ße ge­gen das Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz in Deutsch­land straf­bar – und doch sind in der Co­ro­na-Kri­se die Druck­räu­me als sys­tem­re­le­vant ein­ge­stuft wor­den. Ih­nen wird für ei­nen be­stimm­ten Kon­su­men­ten­kreis ähn­li­che Be­deu­tung ein­ge­räumt wie Su­per­märk­ten oder Pfle­ge­ein­rich­tun­gen.

Auf den ers­ten Blick wirkt das wi­der­sprüch­lich. Die Ent­schei­dung ist aber Teil ei­nes ab­ge­stimm­ten Kon­zepts, um Men­schen zu schüt­zen, die in der Pan­de­mie be­son­ders ge­fähr­det sind. Am 31. März schrieb die Dro­gen­be­auf­trag­te Da­nie­la Lud­wig in ei­ner Pres­se­mit­tei­lung: „Die The­ra­pie für sucht­kran­ke Men

Der Al­ters­schnitt der Kon­su­mie­ren­den liegt mitt­ler­wei­le bei 40.

Vi­kas Ba­pat,

So­zi­al­ar­bei­ter in der Dro­gen­hil­fe

zwei Ki­lo Am­phet­amin und ein Ki­lo He­ro­in si­cher­ge­stellt wor­den. Auch im Post­ver­teil­zen­trum für Sen­dun­gen aus den Nie­der­lan­den sei die An­zahl der si­cher­ge­stell­ten Brief­sen­dun­gen „be­mer­kens­wert an­ge­stie­gen“. Zoll­be­hör­den und BKA sind si­cher: Ein Groß­teil des Dro­gen­han­dels läuft in Zei­ten der Pan­de­mie on­line ab.

Auf den Stra­ßen ist das Bild weit­ge­hend gleich ge­blie­ben. Die Co­ro­na-Kri­se ist für die Men­schen ganz un­ten nur ei­ne ne­ben vie­len. An­fangs, sagt Vi­kas Ba­pat von der Dro­gen­hil­fe, hät­ten sich Bür­ger so of­fen­siv be­schwert, dass die Po­li­zei zu stren­gen Kon­trol­len ge­zwun­gen ge­we­sen sei, wo sie zu­vor eher mit Au­gen­maß vor­ge­gan­gen sei. „Wie­so dür­fen die denn zu­sam­men­ste­hen?”, hät­ten Pas­san­ten ge­ru­fen. Und die „Bild“-Zei­tung ti­tel­te: „War­um gel­ten Co­ro­na-Re­geln nicht für Jun­kies?” Ba­pat fragt ger­ne zu­rück: „Wollt ihr tau­schen?“

In­zwi­schen hat Nie­der­sach­sen in sei­ner Ver­ord­nung zu Co­ro­na-Schutz­maß­nah­men in Pa­ra­graf 1a, Ab­satz vier ge­re­gelt, dass An­samm­lun­gen zu­läs­sig sind, „wenn die­se im Zu­sam­men­hang mit der Be­treu­ung schen ist ge­si­chert.“Die Fort­füh­rung der Re­ha­bi­li­ta­ti­on Ab­hän­gig­keits­kran­ker so­wie die Ver­sor­gung Sucht­kran­ker soll­te auch wäh­rend der Pan­de­mie ga­ran­tiert sein. So sind et­wa Sub­sti­tu­ti­ons­pra­xen – in de­nen un­ter ärzt­li­cher Auf­sicht Er­satz­mit­tel ver­ab­reicht wer­den – von der Aus­gangs­sper­re aus­ge­nom­men.

und Ver­sor­gung von hil­fe­be­dürf­ti­gen Per­so­nen ste­hen”. Und ge­nau das, ar­gu­men­tie­ren die Mit­ar­bei­ter, ge­schieht in den Zen­tren der Dro­gen­hil­fe.

Das Elend, sagt Ba­pat, ha­be ihn nie ge­stört, „viel­leicht, weil ich ja mei­ne Hil­fe an­bie­te“. Aber es gibt Si­tua­tio­nen, die ihm dann doch nicht aus dem Kopf ge­hen.

Bei der Dro­gen­hil­fe hat­ten sie auch in der har­ten Pha­se des Shut­downs or­ga­ni­siert, wei­ter Es­sen aus­ge­ben zu kön­nen, mal Sand­wi­ches, mal war­me Mahl­zei­ten, al­les auf die Hand ver­steht sich. So et­was spricht sich in ei­ner Groß­stadt wie Han­no­ver her­um, in der die Ta­feln sämt­li­che Aus­ga­be­stel­len ge­schlos­sen ha­ben.

So nä­her­te sich ei­nes Nach­mit­ta­ges ein al­tes Ehe­paar der Stel­le, an der sonst He­ro­in­sprit­zen ver­teilt wer­den. Bei­de jen­seits der 80, schätzt Ba­pat, nicht ob­dach­los, aber ver­mut­lich mit­tel­los. „Sie ha­ben ge­fragt, ob wir ein Es­sen für sie üb­rig hät­ten, das sie sich tei­len könn­ten”, sagt Ba­pat und hält kurz in­ne. Na­tür­lich hät­ten bei­de ei­nes be­kom­men und noch ein drit­tes für zu Hau­se. Aber da ha­be er ge­merkt, wen die­se Co­ro­na-Kri­se al­les trifft.

Zum Schutz­kon­zept ge­hö­ren eben auch die Dro­gen­kon­sum­räu­me, ein nicht un­um­strit­te­ner Teil des Dro­gen­hil­fe­sys­tems. Schwerst­ab­hän­gi­ge kön­nen dort un­ter ste­ri­len Be­din­gun­gen in­tra­ve­nös Dro­gen kon­su­mie­ren. Druck­räu­me bie­ten ne­ben hy­gie­ni­schen Be­din­gun­gen vor al­lem Not­fall­hil­fe.

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