Wer schoss auf den See­ad­ler?

Weib­chen wur­de von ei­nem Ro­tor er­schla­gen – Tier­schüt­zer se­hen Ge­fahr in Er­stel­lung von Ge­fäl­lig­keits­gut­ach­ten für Wind­kraft­fir­men

Kieler Nachrichten - - ERSTE SEITE - VON HEI­KE STÜBEN

HOLTSEE/NE­U­MÜNS­TER. Die To­des­ur­sa­che für den See­ad­ler, der am 9. März im Wind­park Holtsee ge­fun­den wur­de, ist er­mit­telt. Bei der Un­ter­su­chung des Greif­vo­gels im Lan­des­la­bor Ne­u­müns­ter hat es aber auch Hin­wei­se auf ei­ne Straf­tat er­ge­ben. Das See­ad­ler­weib­chen war zu­fäl­lig un­ter ei­ner Wind­kraft­an­la­ge ent­deckt wor­den. Die Un­ter­su­chung be­stä­tig­te, dass das er­wach­se­ne Tier durch ein Ro­tor­blatt er­schla­gen wur­de. Dr. Jan Kieck­busch vom zu­stän­di­gen Lan­des­amt LLUR ver­mu­tet, dass der See­ad­ler „nicht von der sehr schnel­len Flü­gel­spit­ze, son­dern von ei­nem tur­bi­nen­nä­he­ren, sich lang­sa­mer dre­hen­den Teil des Ro­tors ge­trof­fen wor­den ist“.

Das Lan­des­la­bor ent­deck­te bei dem to­ten Weib­chen über­ra­schend ei­ne al­te Schuss­ver­let­zung. Im Ge­we­be steck­ten noch Me­tall­split­ter der Mu­ni­ti­on. „Ich ha­be nicht ge­dacht, dass es noch Men­schen gibt, die auf See­ad­ler schie­ßen!“, zeigt sich Karl-Chris­toph Jen­sen, Vor­sit­zen­der des Na­bu Kap­peln-Nord­schwan­sen, ent­setzt. Im­mer wie­der wür­den ver­gräm­te und ver­gif­te­te Greif­vö­gel ge­fun­den. Die Ver­fol­gung mit Schuss­waf­fen schien sich ei­gent­lich er­le­digt zu ha­ben.

Das Um­welt­mi­nis­te­ri­um hat­te An­zei­ge er­stat­tet. Die Staats­an­walt­schaft Kiel hat die Er­mitt­lun­gen je­doch ein­ge­stellt, weil kein Tä­ter ge­fun­den wer­den konn­te. Der Na­bu Kap­peln-Nord­schwan­sen und der See­ad­ler­schutz Sch­lei ha­ben 500 Eu­ro als Be­loh­nung für sach­dien­li­che Hin­wei­se aus­ge­setzt, die zur Er­grei­fung des Schüt­zen füh­ren.

Im ver­gan­ge­nen Jahr hat­te das Weib­chen noch mit dem Ter­zel drei jun­ge See­ad­ler auf­ge­zo­gen. Das Männ­chen wur­de vom Na­bu Eckern­för­de in­zwi­schen mit ei­nem neu­en Weib­chen am Goos­see ge­sich­tet. Für den Na­bu darf der be­ste­hen­de Wind­park um die Goos­se­e­nie­de­rung des­halb nicht er­wei­tert wer­den. „Das wä­re nicht mit dem Ar­ten­schutz

ver­ein­bar. Das Lan­des­amt darf kei­ne wei­te­ren An­la­gen ge­neh­mi­gen“, er­klär­te Frank Dre­ves vom See­ad­ler­schutz Sch­lei. Au­ßer­dem dürf­ten künf­tig die not­wen­di­gen Ar­ten­schutz-Gut­ach­ter für Wind­park­pro­jek­te nicht län­ger von den Wind­kraft­fir­men be­stimmt und be­zahlt wer­den, son­dern müs­sen von staat­li­chen Stel­len be­auf­tragt wer­den. „Die Ge­fahr der Er­stel­lung von Ge­fäl­lig­keits­gut­ach­ten in die­sem Be­reich ist ein­fach zu groß“, mahn­te Jen­sen.

Dre­ves for­dert, dass die Be­trei­ber der Wind­kraft­an­la­gen da­für sor­gen müs­sen, dass es an den Be­stands­an­la­gen nicht noch mehr Schlag­op­fer un­ter den Greif­vö­geln ge­be. Dre­ves und Jen­sen ge­hen von ei­ner ho­hen Dun­kel­zif­fer ver­en­de­ter Vö­gel und Fle­der­mäu­se aus. Dies blei­be nur ver­bor­gen, weil die ver­en­de­ten Tie­re zu spät oder gar nicht ent­deckt wer­den, wenn Wind­parks wie in Loo­se für die Öf­fent­lich­keit ab­ge­rie­gelt wer­den. Ge­gen die Wind­park­be­trei­ber lau­fen der­zeit noch Ver­fah­ren, weil sie bei der Er­rich­tung ge­gen Auf­la­gen zum Ar­ten­schutz ver­sto­ßen ha­ben sol­len.

Um die Ge­fahr von Wind­kraft­an­la­gen für Greif­vö­gel rea­lis­tisch ein­schät­zen zu kön­nen, for­dern die Na­tur­schüt­zer ein Tele­me­trie­pro­jekt: Ab der kom­men­den Brut­sai­son sol­len drei Jah­re lang die Nest­lin­ge in den See­ad­ler­hors­ten auf Schwan­sen, im Dä­ni­schen

Wohld und in den Hüt­te­ner Ber­gen be­ringt und be­sen­dert wer­den. Über die Si­gna­le könn­ten die Be­we­gun­gen der Tie­re ver­folgt und bei ei­nem Still­stand die Ur­sa­che er­mit­telt wer­den. Das Pro­jekt soll­te laut Jen­sen und Dre­ves mit den Aus­gleichs­gel­dern fi­nan­ziert wer­den, die Wind­kraft­be­trei­ber an die Krei­se zah­len müs­sen: „Die Töp­fe aus die­sen Aus­gleichs­zah­lun­gen lau­fen über. Bis zum Ab­schluss des Pro­jek­tes sol­len die Wind­kraft­ge­neh­mi­gun­gen ru­hen.“

FO­TO: RAI­NER KRÜ­GER

Frank Dre­ves (links) und Frank Me­tasch zei­gen den See­ad­ler, der am 9. März tot an der Wind­kraft­an­la­ge in Holtsee ge­fun­den wur­de.

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