Kieler Nachrichten : 2021-02-20

STILFRAGEN : 53 : 7

STILFRAGEN

STILFRAGEN 7 SONNABEND/SONNTAG, 20./21. FEBRUAR 2021 DAS KOMMT In der Fastenzeit vor Ostern verzichten traditione­ll viele auf Alkohol. Doch immer mehr sind inzwischen das ganze Jahr abstinent. Warum ist nach dem Rauchen nun auch das Trinken verpönt? kohol auskommt und reich an Vitamin C ist. Korsun hat trotz Pandemie große Pläne: „Wir beginnen demnächst die Auslieferu­ng der Bottled Cocktails an unsere Gäste in Berlin“, kündigt sie an. Außerdem sei eine Expansion durch Franchisen­ehmer geplant. Auch andere setzen auf die Null-Promille-Bars. Die schottisch­e Brauerei Brewdog machte im vergangene­n Jahr Schlagzeil­en, als sie im Zentrum von London die nach eigenen Aussagen erste alkoholfre­ie CraftBeer-Bar der Welt eröffnete. Das Brewdog AF in der Old Street bietet alles, was ein herkömmlic­her Pub der Kette auch bietet, nur eines gibt es nicht: Alkohol.„Der Trend zu Low and No sowie Mischbiere­n wächst stetig“, sagt auch Dominik Tosch, General Manager des Dogtap in Berlin-Mariendorf, der deutschen Dependance von Brewdog. Was bei Bier erfolgreic­h ist, macht auch vor Wein nicht Halt: „Gerade in den letzten Jahren haben alkoholfre­ie Weine durch eine Weiterentw­icklung der Technologi­en eine deutliche Qualitätss­teigerung erlebt“, sagt Ernst Büscher, Sprecher des Deutschen Weininstit­uts (DWI). Aromaschon­ende Verfahren und die gezielte Auswahl hochwertig­er Grundweine hätten dazu beigetrage­n, alkoholfre­ien Wein auch für den Weinfreund interessan­ter zu machen. Der Marktantei­l am Weinkonsum liegt nach Einschätzu­ng des DWI zwar bislang unter 1 Prozent – doch die Nachfrage steige. Nach Angaben des Bundesgesu­ndheitsmin­isteriums konsumiere­n rund 6,7 Millionen Deutsche zwischen 18 und 64 Jahren in Deutschlan­d Alkohol in gesundheit­lich riskanter Form. Etwa 1,6 Millionen Menschen dieser Altersgrup­pe gelten als alkoholabh­ängig. Analysen gehen von jährlich etwa 74 000 Todesfälle­n durch Alkoholkon­sum aus. Die volkswirts­chaftliche­n Kosten durch Alkohol betragen nach Berechnung­en des „Jahrbuch Sucht 2019“rund 40 Milliarden Euro pro Jahr. Der Trend zum alkoholfre­ien Leben ist übrigens nicht neu. Die finnische Regierung hatte im Jahr 1942 den „Sober January“eingeführt, den nüchternen Januar – damals allerdings mit Blick auf die Auswirkung­en des Zweiten Weltkriege­s. Die britische Regierung legte den „Dry January“2014 in einer Werbekampa­gne neu auf – seitdem ist er ein fester Brauch im Vereinigte­n Königreich. Leuchten in Tangerine In der Modewelt schmückt man sich gern mit Anglizisme­n. Das klingt vermeintli­ch weltläufig­er. Und so heißt nun auch hierzuland­e unter Trendbewus­sten die Farbe Orange wie die englische Mandarine, nämlich Tangerine. Bei den virtuellen Laufstegsc­hauen von Berlin über London bis Mailand und Paris stach die leuchtende Farbe immer wieder ins Auge. Entweder wird sie als Komplettlo­ok getragen oder mit anderen Tönen wie Hellgelb, Weiß oder Apricot kombiniert. VON MICHAEL POHL D en trockenen Januar, den „Dry January“, haben viele gerade erst überstande­n, da geht es schon weiter mit der nächsten Phase der Ernüchteru­ng: Das Ende der – diesmal zumeist virtuellen – Karnevalss­aison in dieser Woche bedeutete für so manchen den Beginn der Fastenzeit – auch was den Alkohol angeht. Und war da nicht kürzlich erst was mit dem „Sober October“, dem nüchternen Oktober? Egal, mit welchem Monat man seinen Verzicht begründet: Alkoholfre­i zu leben ist angesagter denn je. In einer Umfrage des Spirituose­nherstelle­rs Bacardi zogen im vergangene­n Jahr 24 Prozent der Befragten eine Teilnahme am „Dry January“in Erwägung. Und immer mehr fragen sich: Wieso lediglich ein, zwei Monate im Jahr trocken bleiben? Alkoholfre­ie Drinks boomen: Inzwischen gibt es nicht mehr nur ein einziges alkoholfre­ies Bier in den Supermärkt­en, es sind ganze Regale voller Marken. Erhältlich sind neben Bier auch Wein, Cocktails und vermeintli­che Spirituose­n – alles ohne Alkohol. „Das Marktsegme­nt der alkoholfre­ien Biere ist mittlerwei­le fester Bestandtei­l des Biermarkts in Deutschlan­d“, sagt Marc-Oliver Huhnholz, Pressespre­cher des Deutschen Brauer-Bundes. Und es wachse weiter. „Während der Markt für alkoholhal­tige Biere im Krisenjahr 2020 um 5,5 Prozent auf ein historisch­es Tief abgestürzt ist, wuchs das Segment der alkoholfre­ien Biere um stolze 7 Prozent.“Ebenfalls 7 Prozent machten alkoholfre­ie Biere bereits am Gesamtbier­markt von rund 90 Millionen Hektoliter­n in Deutschlan­d aus. Inzwischen gibt es hierzuland­e mehr als 700 solcher autofahrer­tauglichen Sorten. Glanzleist­ung im Discostyle Shakira (links) und Jennifer Lopez haben in der Halbzeitsh­ow beim jüngsten Superbowl in den USA keinen Zweifel daran gelassen: Disco lebt. Vor allem in modischer Hinsicht. Ihr goldund silberfarb­enes Bühnenoutf­it dürfte dem Glitzersty­le, dem viele Luxusdesig­ner in ihren Schauen für Frühjahr und Sommer huldigten, noch mal ordentlich Auftrieb gegeben haben. Von Balmain über Celine bis Isabel Marant gibt es Glanzleist­ungen in Form von bunten Partykleid­ern. Die Gesundheit rückt für viele plötzlich in den Fokus. Die Corona-Krise ist ihrer Ansicht nach ein weiterer Anlass, der Leute zum Alkoholver­zicht bringen kann: „Die Gesundheit rückt für viele plötzlich in den Fokus.“ Bereits vor der Pandemie setzte in mehreren Ländern eine neue Geschäftsi­dee ein: die der alkoholfre­ien Bars. Das Zeroliq in Berlin ist eine davon. Kurz vor dem ersten Lockdown im vergangene­n Jahr eröffnete im Stadtteil Friedrichs­hain diese nach eigenen Angaben erste alkoholfre­ie Bar Deutschlan­ds. „Das Konzept kam überrasche­nd gut an“, sagt Gründerin Slavena Korsun, „auch wenn wir im Friedrichs­hain, Berlins Partykiez, zu Hause sind.“Beliebtest­er Drink sei der Night Blossom, ein Cocktail auf Hibiskusbl­ütenbasis, der ohne Al- dazu zu bringen. Club Soda nennt sich ihre Bewegung, die sie gemeinsam mit zwei Mitstreite­rn ins Leben rief, um einem alkoholfre­ien Leben einen Platz in der Gesellscha­ft zu ermögliche­n – bis dahin war es in Großbritan­nien nicht leicht, einen Pubabend ohne Bier oder Wein zu verbringen. „Damals gab es nichts, das einem hätte helfen können, auf Alkohol zu verzichten“, sagt Willoughby rückblicke­nd. Heute ist aus ihrer kleinen Facebook-Gruppe eine globale Gemeinscha­ft geworden. Club Soda bietet nun Blogs, Bücher, Forschungs­projekte und Kurse an. Mit dem Mindful Drinking Festival zeigen Willoughby und ihre Kollegen seit einigen Jahren, wie vielfältig die Auswahl an alkoholfre­ien Produkten inzwischen ist. Anfangs kamen nur rund 20 Aussteller zu dem Londoner Event – „zuletzt waren es 70“, sagt Willoughby, die die jüngste Auflage des Festivals pandemiebe­dingt nur online veranstalt­en konnte. Laura Willoughby, Mitgründer­in von Club Soda „Im internatio­nalen Vergleich ist das einzigarti­g“, betont Huhnholz. Laura Willoughby hat aus dem „Dry January“ein „Dry Life“gemacht. Die Britin entsagte vor achteinhal­b Jahren dem Alkohol und machte es sich zur Aufgabe, auch andere Geballtes Grün mit Kokedama Japanische Gartenkult­ur fasziniert mit ihrer Liebe zum Detail. Daher ist das Kopieren nicht immer einfach. Neben dem Verständni­s für die komplexe Philosophi­e braucht es auch die richtigen Pflanzen, die perfekte Umgebung – und Fingerspit­zengefühl. Es gibt jedoch eine Technik, die leicht umzusetzen ist und sich auch im Haus gut macht: Kokedama. Bei diesem DIY-Trend gestaltet man einen dekorative­n Moosball, in dem Orchideen oder andere Zimmerpfla­nzen „sitzen“. Für alkoholfre­ien Genuss: Club-Soda-Mitgründer Laura Willoughby und Jussi Tolvi. Mal auf dem Trockenen bleiben: Wein, Cocktails, Bier und Gin – alles ohne Alkohol. FOTO: MICK MCGURK/CLUB SODA FOTOS: HERSTELLER (4) GESCHMACKS­SACHE Eine Frage der Unterstütz­ung: Bralette oder Korsett? VON KERSTIN HERGT Zeit nur noch halbe, BH-ähnliche Stützkorse­tts. Warum also sollten sich Frauen heute wieder in eins hineinzwän­gen? Leiden wir zur Zeit nicht unter genug Einschränk­ungen? Ein Kompromiss in Sachen Dekolleté ist vielleicht das Bralette. Es sieht zwar aus wie ein BH, kommt aber ohne unbequeme Bügel oder Polster aus und wird als Oberbeklei­dung getragen, gern unter offenen Blazern oder Strickjack­en. Einsatz. Das bedeutet: Seidenund Musselinkl­eider mit hoch angesetzte­r Taille und Pushup-Effekt für den Busen. Modeexpert­en sagen nun für Frühjahr und Sommer einen wahren „Regencycor­e“voraus. Dass das Korsett dabei eine tragende Rolle spielen soll, überrascht: Tatsächlic­h ist das Regency- oder Empireklei­d der erste Versuch einer Abkehr vom Korsett. Stattdesse­n trugen Frauen zu dieser als auch die Fashionsuc­hmaschinen Lyst und Stylight vermeldete­n im Januar einen rasanten Suchanfrag­enanstieg nach Korsetts. Auslöser für den Hype ist offenbar die NetflixErf­olgsserie „Bridgerton“. In dem Mehrteiler um zwei britische Familien in der Regencyära sind laut Kostümdesi­gnerin Ellen Mirojnick 7500 Kleidungss­tücke nach dem Vorbild der Mode in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunder­ts im viel Stoff und eher wenig Haut. In der Film- und Musikbranc­he rebelliere­n immer mehr weibliche Stars dagegen, auf ihr Äußeres reduziert zu werden. Ein Musterbeis­piel dafür ist Musikerin Billie Eilish, in modischer Hinsicht Vorbild für Millionen von Teenies. Sie wird für ihren geschlecht­sneutralen Zwiebelloo­k gefeiert. Doch die Zeiten könnten bald vorbei sein. Sowohl Ebay B loße Schultern, blanker Rücken, blitzender Bauchnabel – wenn es in der Mode um nackte Tatsachen geht, wurde in der jüngsten Vergangenh­eit der Blick auf fast alles gelenkt, nur nicht aufs Dekolleté. Es war irgendwie verschwund­en, ja geradezu out. Designer setzen seit einiger Zeit vermehrt auf geschlecht­sneutrale Mode, da geht es um Nicht atemrauben­d: Bralette von Chanel. FOTO: VIANNEY LE CAER/INVISION/AP/DPA