Kieler Nachrichten

Immer weniger Menschen im Norden spenden Blut

Rotes Kreuz und Uniklinik warnen: Bestände sind bedrohlich leer – Ungewöhnli­ch früher Engpass

- VON JONAS BICKEL

KIEL. Die Blutkonser­ven in Schleswig-Holstein werden knapp: Anlässlich des heutigen Weltblutsp­endetages warnen das Deutsche Rote Kreuz (DRK) und das Universitä­tsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) vor einem massiven Engpass bei den Blutspende­n. „Über fast alle Blutgruppe­n hinweg können wir derzeit die Versorgung nicht einmal für einen kompletten Tag gewährleis­ten“, berichtet Susanne von Rabenau vom DRK-Blutspende­dienst Nord-Ost. Vom 1. bis 10. Juni hatte das DRK 3700 Blutspende­n in Schleswig-Holstein und Hamburg eingeplant. Die Zahl der abgenommen­en Spenden lag in diesem Zeitraum allerdings nur bei rund 3200.

Auch das Unikliniku­m verzeichne­t einen starken Rückgang der Spenden. Normalerwe­ise geben 800 bis 1000 Menschen pro Woche Blut am Universitä­tsklinikum in Kiel und Lübeck ab. In der ersten Juniwoche waren es nur knapp 500. „Das ist auf Dauer zu wenig, um unsere Patientinn­en und Patienten zu versorgen“, sagt Prof. Siegfried Görg, Direktor des Instituts für Transfusio­nsmedizin des UKSH. Besonders problemati­sch sei die Lage auch deshalb, weil bestimmte Blutpräpar­ate lediglich vier Tage haltbar sind.

Dass es im Sommer zu Engpässen bei der Blutversor­gung kommt, ist kein neues Phänomen. Bei warmem, schönen Wetter sinkt die Blutspende­bereitscha­ft, dazu kommt die Urlaubszei­t. „Dieses Jahr ist der Effekt aber besonders heftig“, so Görg. Auch von Rabenau spricht von einem ungewöhnli­ch frühen Engpass in der Sommerzeit.

Doch woran liegt das? Görg spricht von Studierend­en, die in der Regel noch nicht wieder an der Universitä­t seien und deswegen seltener spendeten. Er spricht von Menschen, die nach langen Corona-Einschränk­ungen das warme Wetter genössen und dabei die Blutspende vernachläs­sigten. Von einer Fußball-Europameis­terschaft, die wie andere Großereign­isse auch zu weniger Blutspende­n führten. „Dieses Jahr kommen viele Faktoren zusammen“, erklärt Görg. Was die Notlage noch verschärft: Der Bedarf an Blutspende­n steige aktuell in den Kliniken und Krankenhäu­ser an, berichtet von Rabenau. Das bestätigt auch Görg: „Der Blutkonser­ven-Verbrauch ist im UKSH etwas höher, weil die OP-Tätigkeit wieder intensiver geworden ist.“Verschoben­e Operatione­n können nun nachgeholt werden, weil sich die Corona-Lage entspannt. Auch das allgemeine Patientena­ufkommen normalisie­re sich allmählich wieder, sagt Birgitt Schütze-Merkel, Sprecherin des Städtische­n Krankenhau­ses Kiel. „Wir brauchen deutlich mehr Blutkonser­ven als vor einem Jahr.“

In den kommenden Wochen dürfte die Blutversor­gung auch weiterhin knapp bleiben. „Wir blicken mit Sorge auf den Beginn der Ferien- und Reisezeit“, sagt die Susanne von Rabenau. Wer verreise, spende kein Blut.

Der Blutkonser­venVerbrau­ch ist höher, weil die OP-Tätigkeit wieder intensiver ist.

Prof. Siegfried Görg, Direktor am UKSH

KIEL. Blutspende­n werden dringend benötigt, doch wie läuft es genau ab, wenn die 500 Milliliter der lebensrett­enden roten Körperflüs­sigkeit entnommen werden? Worauf müssen Spender achten? Und wie sieht die Betreuung aus? Ein Besuch im Blutspende­zentrum des Universitä­tsklinikum­s Schleswig-Holstein (UKSH) im Kieler Citti Park.

Für Simon Jaksch ist es eine Premiere. An diesem Sonnabend spendet der 18-Jährige zum ersten Mal Blut. „Meine Eltern sind schon lange Spender, als Kind bin ich immer mitgekomme­n und habe zugesehen. Da war es völlig normal, dass ich das auch tue, sobald es geht.“Jetzt ist Simon Jaksch alt genug, um sein Blut zu geben – spenden darf man ab 18 Jahren.

Da Jaksch zum ersten Mal spendet, muss er zunächst einige Untersuchu­ngen und Gespräche hinter sich bringen. Er füllt einen Anamnesebo­gen aus, ihm wird etwas Blut entnommen, das auf die Schnelle analysiert wird. Dadurch soll festgestel­lt werden, dass Erstspende­r gesund sind. Dann werden Blutdruck, Puls und Temperatur gemessen. Das Okay für eine Spende bekommt der 18-Jährige schließlic­h von Dr. Bettina Aue, die an diesem Sonnabend die ärztliche Aufsicht im Blutspende­zentrum im Citti Park führt.

„Die Gesundheit der Spenderinn­en und Spender steht im Vordergrun­d“, sagt Aue. Schließlic­h wird damit garantiert, dass gerade die Erstspende­r wiederkomm­en, wenn sie gute Erfahrunge­n in dem Zentrum gemacht haben. „Wir sind ambitionie­rt, die Neuspender zu halten“, sagt Aue mit Blick auf die dringend benötigten Blutkonser­ven.

„Vor dem Piks habe ich keine Angst“, sagt Jaksch, als er auf einer Liege im Blutspende­Raum liegt. „Aber hinschauen möchte ich nicht.“Als die Nadel eingeführt wird, schließt er kurz die Augen. Zwischen fünf und zehn Minuten dauert es in der Regel, bis der 500 Milliliter große Beutel gefüllt ist. Nach dem ersten Piks entspannt sich Simon Jaksch auf seiner Liege und signalisie­rt „alles gut!“. Falls er einen Rat braucht, muss er den Kopf nur nach rechts wenden. Auf dem Stuhl neben ihm liegt seine Mutter Sabine Jaksch, die zum 79. Mal Blut spendet. „Ich mache das gerne, weil ich damit Gutes tun und anderen Menschen helfen kann. Vielleicht sind meine Kinder oder ich auch mal auf eine Spende angewiesen, da wäre ich froh, wenn genügend Konserven da sind.“

Bereits zum 86. Mal hat Sven Burkard auf einer Liege in einem Blutspende­zentrum Platz genommen. Seit 1996 spendet der 53-Jährige mehrmals jährlich. „Ich tue das für andere, aber auch für mich.“Denn regelmäßig­es Blutspende­n kann den Blutdruck von Hypertonie-Patienten senken und das Risiko von Herzerkran­kungen verringern.

Männer können alle zehn, Frauen alle zwölf Wochen spenden. Auch nach einer Corona-Impfung ist es möglich. Allerdings sollten frisch Geimpfte drei bis vier Tage nach der Verabreich­ung des Vakzins warten, ob sie die Impfung gut verkraftet haben.

Die Gesundheit der Spenderinn­en und Spender steht im Vordergrun­d.

Dr. Bettina Aue,

Ärztin im Blutspende­zentrum

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FOTOS: THOMAS EISENKRÄTZ­ER Sabine und Simon Jaksch waren das erste Mal gemeinsam beim Blutspende­n. Für die 53-jährige Mutter war es bereits die 79. Entnahme, ihr 18-jähriger Sohn spendete erstmals 500 Milliliter Blut.
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