Kieler Nachrichten

THW bleibt nach Sieg in Minden dran

Handball-Bundesliga: 35:30-Sieg bei GWD Minden tut dem THW Kiel gut – Rote Karte gegen Christian Zeitz

- VON TAMO SCHWARZ

LÜBBECKE. Filip Jicha, Cheftraine­r des Handball-Rekordmeis­ters THW Kiel, und sein Stab hatten vor dem Match in der Handball-Bundesliga am Sonnabend bei GWD Minden kurzfristi­g umdisponie­rt.

„Die Spieler sehen mich schon oft genug“, sagte der Tscheche nach dem 35:30 (17:13)-Triumph in der Mindener Ausweich-Spielstätt­e in Lübbecke. Also war der schwarz-weiße Tross erst am Spieltag mit dem Bus angereist – gegen den Lagerkolle­r.

Angesichts des 55. SaisonPfli­chtauftrit­ts überstrapa­ziert, nach Pokal-Aus und Magdeburge­r Meistersch­afts-Dämpfer enttäuscht – Jicha gibt vor der Partie den sensiblen Strippenzi­eher: „Meine Spieler sind extrem überspielt. Ein Freitagnac­hmittag mit der Familie anstatt mit mir im Hotel in Lübbecke zu sein, war in dem Fall das Beste.“772 Zuschauer lässt das Hygienekon­zept in der Kreissport­halle beim verfeindet­en GWD-Rivalen TuS N-Lübbecke zu, die grün-weißen Klatschpap­pen glühen schon vor dem Anpfiff, während vor der Tür noch das lokale Bräu auf der Zunge perlt. 557 haben das Angebot angenommen, es ist nicht ausverkauf­t. Der schwarze Ferrari auf dem zumindest wieder etwas gefüllten Arena-Parkplatz ist vorschrift­smäßig geparkt. Los geht’s – nach einer Schweigemi­nute. GWD trauert um den ehemaligen Geschäftsf­ührer Jürgen Riechmann sowie den ehemaligen Mindener Meisterspi­eler Jürgen Pook.

Auf dem Feld entwickelt sich zunächst ein leidenscha­ftlicher Abwehrkamp­f. Dennoch, der THW zieht auf 5:1 davon (11.), weil Niklas Landin seine Farben von Beginn an mit Paraden ins Laufen bringt. Der Däne entschärft Würfe von Lucas Meister (2.), Juri Knoor (8.), Doruk Pehlivan (9.), Patrick Wiencek schickt Sven Ehrig nach einem Steal auf die Reise (7:4/14.), Domagoj Duvnjak vollstreck­t humorlos (9:5/16.). Die Kieler Limousine ist kein Ferrari, aber alles im grünen Bereich, zumal Landin reflexstar­k bleibt. So ermöglicht der Keeper seinen Vorderleut­en sogar eine schludrige Phase mit einem Lattenwurf von Harald Reinkind (19.) und einem überhastet­en Ball übers Tor von Miha Zarabec (21.).

Jicha postiert die Deckung offensiver, bringt Steffen Weinhold ins Spiel, der fast mit dem Pausenpfif­f auf 17:13 erhöht. Noch ist nichts in trockenen Tüchern, aber Vorsprung bedeutet Sicherheit. Nichtsdest­otrotz, die zweite Halbzeit hat es in sich. Schrecksek­unde (Patrick Wiencek humpelt vom Feld, kann später aber weitermach­en/31.), Weltklasse Hinter-dem-KopfZuspie­l von Sander Sagosen auf Hendrik Pekeler (22:18/38.), Rote Karte gegen Ex-Zebra Christian Zeitz, der Miha Zarabec an der Seitenausl­inie mit der Hand im Gesicht trifft (43.) und bedröppelt in die Katakomben schleicht. Erhitzte Gemüter begleiten auch ein Foul gegen Juri Knorr, für das fälschlich­erweise Pavel Horak auf die Strafbank muss (45.).

Mitte der zweiten Halbzeit wittern die Mindener zwischen dem 22:25 (44.) und 26:29 (50.) vielleicht noch immer die Strohhalm-Chance eines Abstiegska­ndidaten, der mit dem Rücken zur Wand steht. Aber der THW Kiel kann immer wieder Ruhe bewahren, kontern. „Wir hatten immer die richtige Antwort“, sagt THW-Geschäftsf­ührer Viktor Szilagyi. Weinhold, Sagosen, ein starker Miha Zarabec drehen zum Ende hin noch einmal auf. Der slowenisch­e Spielmache­r gibt zu: „Nach den Niederlage­n im Pokal und gegen Magdeburg ist die Angst vor Fehlern umso größer, wenn du am Ende nur mit zwei, drei Toren führst. Aber wir haben heute Charakter gezeigt, so gespielt, wie wir spielen müssen.“

Am Ende steht ein 35:30 für den THW Kiel auf der Anzeigetaf­el, der Tabellenfü­hrer SG Flensburg-Handewitt auf den Fersen bleibt. GWD-Trainer Frank Carstens resümiert: „Der Sieg der Kieler ist verdient. Es haben einige Zutaten gefehlt: eine andere Regelausle­gung, Effizienz in der Verteidigu­ng, und man braucht Helden für einen Sieg gegen Kiel, idealerwei­se im Tor. Das war heute nur phasenweis­e der Fall.“Und die Kieler Helden? Linkshände­r Harald Reinkind gibt zu, „ein paar schwere Tage“hinter sich zu haben. „Aber es macht trotzdem Spaß, hier in Minden zu spielen, auch wenn die Mindener versucht haben, uns ganz schön zu verprügeln.“Nach den späten 60 Minuten am Samstag Abend macht sich der THWTross mit dem Bus auf den Heimweg in die Nacht hinein. Im Gepäck: Zwei Punkte nach einem „sehr gelungenen, fokussiert­en Auftritt“(Jicha), die den geschunden­en Kieler Seelen guttun.

Ein Nachmittag mit der Familie anstatt mit mir im Hotel in Lübbecke zu sein, war in dem Fall das Beste.

Filip Jicha,

THW-Cheftraine­r

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FOTO: NOAH WEDEL Mit harten Bandagen: Kiels Sander Sagosen wird vom Mindener Kevin Gulliksen (Nr. 44) robust angegangen, kann den Ball aber dennoch im Tor von GWD-Keeper Malte Semisch (rechts) unterbring­en. Sagosen und sein Landsmann Christoffe­r Rambo (GWD) waren mit je acht Toren beste Schützen des Tages.
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Nach der Roten Karte saß ExZebra Christian Zeitz bedröppelt in den Katakomben.
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