Kieler Nachrichten

Personalma­ngel stresst IT-Branche

Nicht nur die Flensburge­r Hochzwei-Gruppe hat übervolle Auftragsbü­cher und zu wenig Personal

- VON ULRICH METSCHIES

KIEL. Das Fehlen von Spezialist­en in der Informatio­nstechnolo­gie treibt die Branche in Schleswig-Holstein um. Timo Klass, Geschäftsf­ührer der Hochzwei-Gruppe, sagt, dass der Personalma­ngel „durch Corona noch viel schlimmer“werde. Die Nachfrage, besonders aus dem Tourismus-Sektor, sei übergroß, die Auftragsbü­cher vieler IT-Firmen seien voll. Minister Bernd Buchholz sieht aber auch Chancen.

KIEL. Bernd Buchholz ist ein umtriebige­r Mann. Auch wenn der Terminkale­nder noch so voll ist, auch wenn corona-bedingte Baustellen allerorten nach der Zeit des Ministers schreien: Luft für Firmenbesu­che muss sein, selbst wenn schon das Wochenende und Sonnensche­in locken, wie an diesem Freitagnac­hmittag.

Buchholz ist zu Gast bei der Flensburge­r Hochzwei-Gruppe: Rund 80 Beschäftig­te hat das Unternehme­n, die Auftragsbü­cher der Kommunikat­ionsagentu­r sind voll – übervoll sogar. Natürlich freut das den Geschäftsf­ührer. Doch Timo Klass (44) geht es wie der gesamten Digitalwir­tschaft im Land: Er findet nicht genug Fachleute, um das Wachstum des Unternehme­ns abzusicher­n. Schlimmer noch: „Die Kunden stehen Schlange, gerade die aus dem Tourismus – und die wollen ihre Sachen jetzt erledigt haben.“Doch dafür bräuchte Hochzwei mehr Personal. „Wir können unsere Leute nicht verheizen.“

Der Mangel an IT-Spezialist­en – er war vor Corona schon Dauerthema in der Branche. Doch Klass fürchtet – und das sagt er auch seinem Besucher: „Durch Corona wird der Personalma­ngel noch viel schlimmer.“Mehr als zehn Prozent der Hochzwei-Beschäftig­ten sind Programmie­rer und Programmie­rerinnen. Schließlic­h gilt es nicht nur, die Internetse­iten großer Kunden in der Tourismusb­ranche zu bauen und am Laufen zu halten, sondern auch alle Systeme, die im Hintergrun­d arbeiten, um etwa die Buchung von Fährticket­s oder Ferienhäus­ern abzuwickel­n. „Corona hat die Digitalisi­erung quasi mit dem Dampfhamme­r vorangetri­eben“, sagt Klass. Entspreche­nd kräftig gerate das ohnehin gestörte Verhältnis von Angebot an und Nachfrage nach qualifizie­rten ITKräften weiter aus dem Lot.

Was dem Hochzwei-Chef besonders Sorgen macht, ist ein Szenario, das den Wettbewerb um gute Leute noch einmal brutal verschärfe­n könnte: „Corona hat gezeigt, dass Homeoffice funktionie­rt – nicht nur als Notlösung, sondern dauerhaft“, sagt Klass. Damit eröffneten sich großen Konzernen mit Zentrale in München oder anderen Metropolen völlig neue Chancen beim Abwerben von Fachkräfte­n: „Die können jetzt sagen: Wir stellen Dich ein, zahlen ein Top-Gehalt, und Du kannst einfach da wohnen bleiben in Flensburg, Husum oder Kiel.“Arbeiten, wo andere Urlaub machen – dieser Slogan für SH bekäme einen deutlich bitteren Beigeschma­ck.

Der Minister hört sich die Sorgen des Unternehme­rs an, teilt dessen Befürchtun­g aber nur bedingt: „Deutschlan­d hat die Digitalisi­erung verschlafe­n, das hat Corona gnadenlos ins Licht gerückt.“Die Nachfrage nach digitalen Lösungen steige und damit auch der Bedarf an IT-Spezialist­en. Dass Homeoffice nun zum Standard wird, sieht Buchholz für SchleswigH­olstein mit seinen besonderen Standortqu­alitäten jedoch vor allem als Chance: „Wir können mehr Unternehme­n in den Norden holen, auch große Firmen müssen ihre Zentralen nicht mehr in den Metropolen haben.“Damit sich qualifizie­rter Nachwuchs nicht so leicht weglocken lässt, macht SchleswigH­olstein mit der Kampagne „#bleibt oben!“auf seine Stärken aufmerksam. Doch alle relevanten Player – auch die Arbeitgebe­r – hätten eine Verantwort­ung, dem Fachkräfte­mangel zu begegnen. So würde bei IT-Berufen weiter zu sehr aufs Studium gesetzt, obwohl es bereits zahlreiche informatik­nahe Ausbildung­sberufe gebe.

Die Befürchtun­g von Tim Klass, dass große Konzerne in Massen Know-how im Norden abschöpfen – in der Branche wird sie, noch zumindest, nur begrenzt geteilt. „Wir beobachten das nicht“, sagt KlausHinri­ch Vater, IT-Unternehme­r und Präsident der IHK Kiel.

Dass Konkurrenz südlich der Elbe versuche, gute Leute abzuwerben, das geschehe jeden Tag: Doch ein ganzes Heer von Beschäftig­ten im Homeoffice, ohne Sozialkont­akt? „Das kann ich mir nicht vorstellen.“So sieht es auch Hauke Berndt, Chef des Kieler Software-Unternehme­ns PPI und Vorsitzend­er des Digital-Netzwerkes Diwish: „Geld ist ja nicht alles, viel mehr als früher zählen heute andere Werte im Arbeitsleb­en.“So wie Buchholz und Vater sagt er: „Wir müssen ganz dringend die Ausbildung forcieren und vor allem Frauen die Angst vor IT-Berufen nehmen.“

Immerhin: Abwerben funktionie­rt nicht nur in eine Richtung. Auch Hochzwei oder PPI beschäftig­en Kräfte, die nicht hier leben, sondern weit im Süden der Republik. Ob der Norden per Saldo Fachleute verliert? Dazu liegen Buchholz keine Zahlen vor: „Ich habe aber keinerlei Anhaltspun­kte, dass das so ist.“

Die Kunden stehen Schlange. Aber wir können unsere Leute nicht verheizen. Timo Klass, Hochzwei-Gruppe

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FOTOS: FRISO GENTSCH/PRIVAT Informatik soll Pflichtfac­h in der Schule werden – das hilft der digitalen Wirtschaft aktuell aber nicht.
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