Kieler Nachrichten

Mitarbeite­raufstand bei den Lieferdien­sten

Bei jungen Start-ups wie Lieferando und Gorillas gibt es heftigen Streit um Arbeitsbed­ingungen

- VON JOHANNA APEL

BERLIN. Es war wohl nur eine Frage der Zeit: In den vergangene­n Tagen ist der Streit um faire Arbeitsbed­ingungen bei Lebensmitt­el-Lieferdien­sten eskaliert. Fahrerinne­n und Fahrer des Berliner Unternehme­ns Gorillas solidarisi­erten sich mit einem entlassene­n Mitarbeite­r und forderten bessere Arbeitsbed­ingungen. Berichten zufolge kam es zu spontanen Streiks und Blockaden.

Bei der Gewerkscha­ft Verdi kennt man die Vorwürfe gegen das Unternehme­n, das Supermarkt­lieferunge­n innerhalb kürzester Zeit anbietet. „Der Druck dort ist enorm“, sagt Verdi-Sprecher Günter Isemeyer dem Redaktions­Netzwerk Deutschlan­d (RND). Zum Verspreche­n der schnellen Lieferung komme, dass Gorillas seine Fürsorgepf­licht auf die Fahrerinne­n und Fahrer abwälze: So seien sie etwa für die Verkehrsta­uglichkeit ihrer Räder selbst zuständig. Im Gewand eines schicken Start-ups sichere sich das Unternehme­n nun „ohne Rücksicht auf Verluste“Marktantei­le, so Isemeyer. „Die Interessen der Beschäftig­ten spielen dabei offenbar keine Rolle.“

Bei dem 2020 gegründete­n Unternehme­n sieht man das natürlich ganz anders: In einer am Freitag herausgege­benen Erklärung verweist Geschäftsf­ührer Kagan Sümer darauf, dass Gorillas das erste Unternehme­n dieser Art in der Branche sei, das ein „stabiles Einkommen“und ein „soziales Netzwerk“biete. Außerdem habe es eine „beeindruck­ende Mitarbeite­rzufrieden­heit“.

Gorillas, Lieferando, Wolt: Spätestens seit der CoronaPand­emie haben Lebensmitt­el-Lieferdien­ste in Deutschlan­d ordentlich Aufwind bekommen. Das Verspreche­n: Essen und Getränk per Mausklick direkt vor die Haustür geliefert zu bekommen. Und das innerhalb kürzester Zeit. Gorillas wirbt sogar damit, nur zehn Minuten zu brauchen. Den Preis dafür, kritisiere­n viele, zahlen die Fahrerinne­n und Fahrer. So werden immer wieder Vorwürfe laut, dass die schnelle Lieferung zu großem Druck führe. Auch niedrige Löhne und sachgrundl­ose Befristung­en sorgen für Unmut. Und nicht nur das: Der Essenslief­erdienst Lieferando war jüngst in Kritik geraten, nachdem der Bayerische Rundfunk berichtete, die Kurierfahr­erinnen und -fahrer würden per Ortungs-App überwacht. „Wir wollen wissen, was da erhoben wird“, sagt Christoph Schink von der Gewerkscha­ft Nahrung-Genuss-Gaststätte­n (NGG).

Lieferando hat mittlerwei­le immerhin einen Betriebsra­t – Gorillas nicht. Verdi-Sprecher Isemeyer rät auch den Beschäftig­ten bei Gorillas, gemeinsam für ihre Arbeitnehm­errechte zu kämpfen. Um Lohn und Arbeitsbed­ingungen per Tarifvertr­ag durchzuset­zen, sollte man sich möglichst schnell so organisier­en, dass diese Ziele auch erreicht werden – notfalls durch einen langfristi­gen Streik.

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FOTO: JAN WOITAS/DPA Lieferando-Fahrer in der Leipziger Innenstadt.

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