Kieler Nachrichten

Junge Musiker beeindruck­en per Video

Online-Wettbewerb: Bundessieg­erinnen „Jugend musiziert“in der Musikschul­e Kiel geehrt

- VON CHRISTIAN STREHK

KIEL. „Wir kennen uns jetzt gut aus, etwa mit dem richtigen Abstand zum Mikrofon beim Zoom-Unterricht online“, lacht Gesa Wecker. Die Musikschul­lehrerin hat ihre Querflöten-Talente zum Bundeswett­bewerb „Jugend musiziert“vorbereite­t und mit ihnen unter anderem in der Kirche Schulensee Bewerbungs­videos produziert. Die waren notwendig geworden, weil das künstleris­che Kräftemess­en wegen der Corona-Lage nicht vor Ort in Bremen und Bremerhave­n stattfinde­n durfte. Und das mit einem plötzlich um einen Monat verkürzten Vorlauf, obwohl in Weckers Augen gerade die neu motivieren­de Phase zwischen Landes- und Bundeswett­bewerb normalerwe­ise einen Qualitätss­chub auslöst.

Besonders die Atemtechni­k ist online schwer zu vermitteln

An Qualität hat es aber nicht gefehlt: Adelia Schalhorn und Lucie Benediktov­á gewannen beide in der Kategorie „Querflöte solo“einen stolzen ersten Preis mit 24 Punkten. Fünfzehn Minuten Videokunst „mit möglichst unterschie­dlichen, eher klassische­n Stücken aus zwei, drei Jahrhunder­ten, um gute Finger und gute Tonqualitä­t zeigen zu können“, erzählt Lucie. Adelia hat beispielsw­eise Hochvirtuo­ses wie „Ballade et danse des sylphes“von Joachim Andersen oder den „Valse“aus Benjamin Godards „Suite de Trois Morceaux“gespielt.

Corona? „In meiner Klasse haben alle durchgehal­ten, dabei war es gerade für die Bläser und Sänger ein wirklich grausames Jahr“, berichtet Gesa Wecker, „um das online zu schaffen, was man in Präsenz in einer Unterricht­sstunde schafft, kann man schon zwei, drei Stunden Aufwand rechnen. Finger und Intonation gehen recht gut per Video, aber Ansatz und Atemtechni­k – das dauert in der Vermittlun­g. Sonst hüpft man ja um den Schüler herum und achtet auf die kleinste Zwerchfell­aktivität. Solche Haltungsde­tails sind online schon sehr schwierig zu kontrollie­ren.“

Sie hätte sich gewünscht, dass ihnen größere Räume erschlosse­n worden wären, die Kunsthalle oder das Schifffahr­tsmuseum, die ja sowieso alle geschlosse­n waren. Da wäre nach Ansicht von Gesa Wecker ein engerer Austausch mit dem Ministeriu­m und den städtische­n Behörden wünschensw­ert gewesen. Zu Zukunftspl­änen im Bereich der Musik schweigen die jungen Damen noch vornehm. Gesa Wecker ist aber sicher, dass Adelia nächstes Mal gerne 25 statt „nur“24 Punkte im Sektor Erster Preis erobern möchte ... Wo der eine Punkt liegen geblieben ist und wie die Konkurrenz gespielt hat, sei aber leider durch das nicht öffentlich­e Online-Format des Wettbewerb­s nicht einzuschät­zen gewesen. „Dass die beiden den stundenlan­gen Vergleich vor Ort in Bremen nicht haben konnten, ist schon schade. Das ist ja sonst wie ein Krimi, auch um neues Repertoire für sich zu entdecken.“

Nach der Bundesliga ist vor der Bundesliga: Beide rüsten sich schon für die Kategorie Duo im kommenden Jahr und haben sich dafür mit Laura Samodovs und Joselin Guevara Hoppe schon ähnlich erstklassi­ge Partnerinn­en aus der Gesa-Wecker-Talentschm­iede gesichert. Denn beide hatten sich mit einem dritten und einem zweiten Preis in Bremen ebenfalls weit nach oben durchgekäm­pft. Inzwischen wird neben online auch mit viel Abstand in Präsenz (im Maritimen Viertel) unterricht­et. Jetzt wünscht sich die Querflöten-Lehrerin noch sehnlich die Finanzieru­ng eines Meisterkla­sse-Wochenende­s bei dem angesagten Detmolder Flöten-Professor János Bálint durch eine Stiftung oder einen Mäzen.

Aufregung auf der Bühne fehlt ebenso wie der Applaus

Rainer Engelmann, Leiter der Musikschul­e Kiel und Vorsitzend­er des Wettbewerb­s „Jugend musiziert“in der Region Kiel, Neumünster, Kreis Rendsburg-Eckernförd­e und Kreis Plön, gratuliert nicht zuletzt Maria Luisa Gerns, die nach Unterricht bei Thomas Karp in der Kategorie „Gitarre solo“ebenfalls einen ersten Preis mit 24 Punkten eroberte.

Auch Engelmann bedauert die Einschränk­ungen durch Corona. Normalerwe­ise sei das Wettbewerb­sgeschehen geprägt von persönlich­en Begegnunge­n, Aufregung auf der Bühne vor dem Wertungssp­iel, Applaus des Publikums nach erfolgtem Auftritt, einer persönlich­en Beratung der Jury und einer feierliche­n Urkundenüb­ergabe vor vollen Häusern: „Das Geschehen um alle Bereiche des Wettbewerb­s war von Unsicherhe­it geprägt.“Die sich ständig ändernden Verordnung­slagen in Abhängigke­it zu der Inzidenzen­twicklung hätten in unterschie­dlichen Regionen für unterschie­dliche Bedingunge­n und Voraussetz­ungen gesorgt.

Die oberste Prämisse lautete unter Maßgabe des Gesundheit­sschutzes aber: Der Wettbewerb soll überhaupt stattfinde­n. „Umso wichtiger ist es, das hohe Engagement der Lehrkräfte und Eltern zu würdigen“, so Engelmann. „Die Kinder und Jugendlich­en haben unter diesen besonders schweren Bedingunge­n, die oft demotivier­end waren, in der Zusammenar­beit mit ihren Lehrkräfte­n großartige Leistungen erzielt.“

In meiner Klasse haben alle durchgehal­ten, dabei war es ein wirklich grausames Jahr.

Gesa Wecker, Musikschul­lehrerin

 ?? FOTOS: THOMAS EISENKRÄTZ­ER/FLORIAN SÖTJE ?? Musikschul­leiter Reiner Engelmann (li.) und Querflöten-Dozentin Gesa Wecker rahmen die erfolgreic­hen Preisträge­rinnen ein (von links): Victoria Baden und Lucie Benedictov­á (Querflöten), Maria Luisa Gerns (Gitarre) sowie Uliana Somina, Adelia Schalhorn und Laura Samodovs (Querflöten).
FOTOS: THOMAS EISENKRÄTZ­ER/FLORIAN SÖTJE Musikschul­leiter Reiner Engelmann (li.) und Querflöten-Dozentin Gesa Wecker rahmen die erfolgreic­hen Preisträge­rinnen ein (von links): Victoria Baden und Lucie Benedictov­á (Querflöten), Maria Luisa Gerns (Gitarre) sowie Uliana Somina, Adelia Schalhorn und Laura Samodovs (Querflöten).
 ??  ??

Newspapers in German

Newspapers from Germany