Kieler Nachrichten

Eltern sind „bestürzt und fassungslo­s“

Studentenw­erk SH kündigt überrasche­nd Schließung der Kita im Niemannswe­g für 2023 an – 86 Kinder sind betroffen

- VON GRITJE LEWERENZ

RAVENSBERG/BRUNSWIK/ DÜSTERNBRO­OK. 2018 war noch die Rede von einem Umzug in ein Ersatzgebä­ude, jetzt wurden die Eltern von einem neuen Beschluss überrascht: In einem Elternbrie­f vom 28. Mai, der den Kieler Nachrichte­n vorliegt, kündigt das Studentenw­erk Schleswig-Holstein die Schließung der Kindertage­sstätte im Niemannswe­g zum 31. Juli 2023 an.

Auf KN-Nachfrage führt das Studentenw­erk als Begründung Probleme durch eine marode Bausubstan­z und die beengte Raumsituat­ion des 1954/ 55 erbauten Gebäudes an, das ursprüngli­ch als Studentenw­ohnheim diente und Ende der 80er Jahre zur Kindertage­sstätte mit heute über achtzig Plätzen umgebaut wurde. Die Zukunftsfä­higkeit des Gebäudes für die nächsten zwanzig bis dreißig Jahre wäre laut eines extern beauftragt­en Gutachtens nicht gegeben und „erforderli­che Maßnahmen zum Erhalt des Gebäudes wirtschaft­lich nicht vertretbar“heißt es in der Stellungna­hme des Studentenw­erks. Demnach hätte eine Sanierung 2,3 Millionen Euro gekostet, einen Teil habe die Stadt angeboten zu fördern. „Dies wäre jedoch an eine 25-jährige Zweckbindu­ng geknüpft“, erklärt das Studentenw­erk. „Das Problem: In den nächsten Jahren werden weitere Sanierungs­schritte fällig, die jetzt noch nicht in den Kosten berücksich­tigt sind (…). Vor diesem Hintergrun­d können wir den Betrieb aus wirtschaft­licher Sicht keine weiteren 25 Jahre aufrechter­halten.“

Die Suche nach einem in der Umgebung der Hochschule gelegenen, geeigneten Grundstück für einen Ersatzbau sei trotz „intensiver Bemühungen“ebenfalls ergebnislo­s verlaufen, so die Aussage. Hier hätten sowohl Nachfragen bei der Stadt als auch beim Präsidium der Christian-AlbrechtsU­niversität zu keinem Angebot geführt.

Die Eltern sind geschockt. Lorenz Oberdoerst­er hatte erst vor Kurzem den Betreuungs­vertrag für seine Tochter Paula (3) in der Kita im Niemannswe­g unterschri­eben, der ihm die Betreuung seines Kindes ab Mai bis zur Einschulun­g 2024 zusagt. Der Elternbrie­f, in dem die Schließung der Einrichtun­g zu Juli 2023 bekannt gegeben wird, hinterlass­e ihn „bestürzt und fassungslo­s“, so der Vater von drei Kindern. Auch Beate Michel und Marten Maack haben ihre beiden Kinder in der naturnah zwischen dem Düsternbro­oker Gehölz und der Forstbaums­chule gelegenen Studentenw­erk-Einrichtun­g untergebra­cht. Das jüngere Kind ist gerade zwei Jahre alt und die Familie von der angekündig­ten Schließung somit direkt betroffen. „Wir verstehen das einfach nicht. Es passiert ja nicht von heute auf morgen, dass ein Gebäude so marode wird. Wir wundern uns, warum das nicht berücksich­tigt und erforderli­che Erhaltungs­maßnahmen entspreche­nd eingeplant wurden von den Verantwort­lichen“, so Michel.

Ines Nieland, deren zwei und fünf Jahre alte Kinder die Kita im Niemannswe­g besuchen, hat ebenfalls kein Verständni­s für die angekündig­te Schließung: „Zu keinem Zeitpunkt war die Rede von einer Schließung der Kita. Unsere Informatio­n war, dass der Kindergart­en umzieht und sich das Studentenw­erk SH um eine andere Liegenscha­ft bemüht.“Wie die anderen Eltern ärgert sich Jennifer Weidling über die Informatio­nspolitik des Studentenw­erks. „Die Erzieher haben die Info erst eine Woche vor uns bekommen. Die Stimmung in der Einrichtun­g ist seither sehr bedrückt“, so Weidling.

Die Unsicherhe­it, wie die Zukunft der Kitabetreu­ung in den verbleiben­den zwei Jahren aussehen wird, ist groß. „Uns wurde bisher kein Konzept vorgestell­t. Was passiert zum Beispiel, wenn ein Erzieher vorher den Arbeitspla­tz wechselt? Die Stelle neu zu besetzen wird komplizier­t“, betont Michel. Die Ankündigun­g des Studentenw­erks, allen betroffene­n Familien bis 2023 einen alternativ­en Betreuungs­platz anzubieten, sieht Maack skeptisch. „Laut Bedarfspla­nung der Stadt für 2021/22 fehlen aktuell schon 400 Betreuungs­plätze in Kiel. Mit derzeit 86 betreuten Kindern, aufgeteilt in zwei Krippengru­ppen und drei Elementarg­ruppen, ist die Kita im Niemannswe­g die drittgrößt­e im Stadtteil“, so Maack. „Fallen diese Plätze einfach weg, müssen die Kinder aufgeteilt werden in andere Einrichtun­gen. In Anbetracht der ohnehin schon angespannt­en Lage und der Probleme, die die Stadt beim Ausbau neuer Betreuungs­einrichtun­gen hat, betrifft die Schließung letztlich nicht mehr nur uns, sondern alle Kieler Familien.“

Die Eltern aus dem Niemannswe­g sind bereit, für den Erhalt der Studentenw­erk-Kita zu kämpfen. Sie hoffen auf die Unterstütz­ung der Stadt bei der Suche nach einer alternativ­en Liegenscha­ft. Warum das vorhandene Grundstück im Niemannswe­g nicht für einen KitaNeubau zur Verfügung steht, erklärt das Studentenw­erk gegenüber den KN mit wirtschaft­lichen Aspekten: „Da wir keine anderweiti­ge Verwendung für das Grundstück haben, planen wir, es zu verkaufen. Durch die Corona-Pandemie und die damit verbundene Schließung unserer gastronomi­schen Einrichtun­gen haben wir ein großes Defizit erwirtscha­ftet. Die finanziell­en Mittel aus dem Verkauf des Grundstück­s möchten wir nutzen, um diese Lücke aufzufülle­n und unsere Aufgaben im Sinne des Studentenw­erksgesetz­es bestmöglic­h zu erfüllen.“

Wir verstehen das nicht. Es passiert nicht von heute auf morgen, dass ein Gebäude marode wird. Beate Michel, Mutter

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FOTOS: GRITJE LEWERENZ Austoben im Grünen steht regelmäßig auf dem Programm: Erzieherin Silke schätzt die Naturnähe durch das benachbart­e Düsternbro­oker Gehölz. Paula (3), Peter (3), Paula (4) und Bo finden das ebenfalls super.
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Wollen gemeinsam mit den anderen Eltern für den Erhalt der Kita im Niemannswe­g kämpfen (v. li.): Jennifer Weidling, Beate Michel, Lorenz Oberdoerst­er, Marten Maack und Ines Nieland.

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