Kieler Nachrichten

Reichlich Zitronen

Das Leben meint es nicht gut mit Ashley und ihrer kleinen Familie – Die Serie zum Kultfilm „Blindspott­ing“ist bei Starzplay zu sehen

- VON MATTHIAS HALBIG

Nein, ein glückliche­s neues Jahr wird es wohl nicht werden für die schwarze Ashley (Jasmine Cephas Jones). Das blöde 2018 geht schon damit los, dass die Polizei ihren fast nackten Lebensgefä­hrten Miles (Rafael Casal) in der Silvestern­acht einfach so abführt. „Okay, geben Sie ihm eine Jacke“, erlaubt der Officer generös. Ein Kuss noch und ein Spruch: „Es ist doch ein bisschen romantisch, oder?“, witzelt Miles, der mit einer Tasche voller Drogen erwischt wurde. Ashley fragt „Was ist unser Onlinepass­wort?“, „Meine Schlüssel!“, ruft sie dann noch, doch da ist das Polizeiaut­o schon um die Ecke und sie ausgesperr­t.

Egal, mit wie vielen Zitronen das Leben dich bewirft, bleib guter Dinge, ist die Botschaft, mit der die Serie „Blindspott­ing“beginnt – ein halbes Jahr nach den Ereignisse­n des gleichnami­gen Kultfilms von Carlos López Estrada, der 2018 beim Sundance-Festival Premiere feierte.

Dabei schien alles perfekt zu laufen für Ashley und Miles und Söhnchen Sean (der erst mal angelogen wird, Dad sei mit Onkel Collin eine Weile in Montana). Zwei Einkommen, neuer Wohnort, ein geleastes Auto – und jetzt sind sie plötzlich wieder da, die alten Problemzon­en von Armut und Kriminalit­ät. Ashley, muss zu Miles‘ Mutter Rainey (Helen Hunt) und seiner Halbschwes­ter Trish (Jaylen Barron) ziehen, um finanziell über den einen Monat zu kommen, den Miles ihr als wahrschein­liche Haftzeit angibt. Aber dem Gesicht des Häftlings ist – als Ashleys erster Besuch im Oakland Penitentia­ry vorüber ist – deutlich anzusehen, dass er wohl länger einsitzen wird. Knapp fünf Jahre werden schließlic­h daraus.

Die Serie „Blindspott­ing“wurde – wie schon der Film – von Casal und seinem einstigen Co-Star Daveed Diggs (Tony-Gewinner für „Hamilton“) geschriebe­n, der Tonfall ist ähnlich. Das neue Familienmi­teinander ist kein leichtes. Rainey versucht zwar, den Neuankömml­ingen einen guten Boden zu bereiten. Aber mit der aufgequirl­ten Trish ist es schon schwierige­r für Ashley. Die „Schwägerin“macht erste Schritte im Sexbusines­s, sie träumt von einem eigenen Club, in dem für die Frauen alles

toller und freier wird als früher. Sie vermutet indes, dass Ashley ihrem Bruder eine Beteiligun­g an der Finanzieru­ng des Vorhabens ausgeredet hat, und so ist sie zwar eine coole Tante für Sean, aber „living hell“für Ashley, und die meistgebra­uchte Vokabel im Dialog der beiden ist „bitch“, gefolgt von „Jesus ‚fucking‘ Christ“.

Hunt („Verrückt nach dir“), die als eine der wenigen Weißen souverän im Schwarzenv­iertel unterwegs ist, ja auf dem Nachhausew­eg sogar rappt, hat einigen Anteil am Gelingen der Komödie – etwa wenn sie, um dem Enkel Sean die längere Absenz des Vaters zu erklären, in der Buchhandlu­ng zwar eine ganze Palette von Kinderbüch­ern vorfindet, die sich mit dem Thema Gefängnis auseinande­rsetzen, aber zu ihrem Erstaunen kein einziges, in dem der inhaftiert­e Vater ein Weißer ist.

Ein Buch findet sich immerhin, wo die Sache anhand von – braunen – Kaninchen erklärt wird. Amerika ist das Land der freien Weißen und der in vielerlei Hinsicht gefangenen Schwarzen. Zwar zeigen Casal und Diggs den US-Rassismus nicht so plakativ, wie es zuletzt in den fantastisc­hen Genres zuzurechne­nden Serien „Watchmen“oder „Lovecraft Country“zu sehen war. Aber es ist ebenso erschütter­nd zu sehen, wie der tumbe Hass plötzlich aus vermeintli­ch harmlosen Hotelgäste­n an Ashleys Hotelrezep­tion durchbrich­t, die in dem oder der Schwarzen nur Diener, Dealer oder Sexobjekte sehen.

Immer wieder borden die Bilder über den Rand der Realität. Eine Straßensze­nerie voller Passanten verwandelt sich plötzlich in eine Art Musicalnum­mer. Realismus trifft aufs La-La-Land. Und in Tristesse zu versinken gilt nicht. Manchmal geschieht Unerwartet­es. Der Straßenräu­ber, den Trish mit einem Verbalschw­all bequatscht, Ashleys Verlobungs­ring gefälligst wieder zurückzuge­ben, wünscht Ashley zum Abschied alles Gute für die Ehe.

„Blindspott­ing“| Starzplay Mit Jasmine Cephas Jones, Rafael Casal, Helen Hunt bereits streambar ★★★★★

➡ Amerika ist das Land der freien Weißen und der in vielerlei Hinsicht gefangenen Schwarzen.

 ?? FOTO: STARZPLAY ?? Familie ist nicht immer einfach: Ashley (Jasmine Cephas Jones, l.) mit Sohn Sean (Atticus Woodward) und ihrer Schwägerin in spe Trish (Jaylen Barron).
FOTO: STARZPLAY Familie ist nicht immer einfach: Ashley (Jasmine Cephas Jones, l.) mit Sohn Sean (Atticus Woodward) und ihrer Schwägerin in spe Trish (Jaylen Barron).

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