Kieler Nachrichten

Rom steht vor Müllkollap­s

Andere italienisc­he Regionen wollen den Dreck der Ewigen Stadt nicht mehr haben

- VON DOMINIK STRAUB

➡ In den vergangene­n fünf Jahren hat der Müllexport die Stadt eine Milliarde Euro gekostet.

ROM. Wenn es nicht zum Weinen wäre, dann wäre es zum Lachen: In einigen Quartieren der Römer Peripherie sind in den vergangene­n Wochen unfreiwill­ig mehrere Tempo-30Zonen geschaffen worden – nicht etwa vor Kindergärt­en und Schulen, sondern in der Nähe von Müllcontai­nern.

Der Grund: Die überquelle­nden Abfallbehä­lter locken – neben Möwen und Ratten – inzwischen auch Wildschwei­ne an, die den nicht abgeholten Abfall nach Essbarem durchwühle­n. Wenn die Tiere in Rudeln die Straßen überqueren, stellen sie eine Gefahr für Auto- und Zweiradfah­rer dar. Ein Vespa-Fahrer kam bereits bei einem Zusammenst­oß ums Leben.

Die Ewige Stadt befindet sich permanent am Rande des Müllkollap­ses. Im touristisc­hen Centro Storico, dem historisch­en Zentrum, gelingt es den Behörden in der Regel, die Situation unter Kontrolle zu halten, aber spätestens außerhalb der Aurelianis­chen Stadtmauer funktionie­rt die Müllabfuhr nurmehr schlecht als recht.

Der Ausfall einer mechanisch­en Abfallsort­ieranlage oder die Schließung einer Notdeponie reicht aus, dass sich die Müllsäcke gleich wieder meterhoch türmen. Genau ein solches Szenario – eine akute Müllkrise wie zuletzt im Winter 2018/2019 – blüht den Römerinnen und Römern nun schon wieder, und das wohl für den gesamten restlichen Sommer.

In Panik versetzt hat die Stadtbehör­den auf dem Kapitolshü­gel der Entscheid der Region Emilia-Romagna: Diese hat die Behörden der Hauptstadt schon vor Längerem wissen lassen, dass sie vom morgigen Dienstag an nicht mehr bereit sei, wie bisher täglich 200 Tonnen römischen Müll zu übernehmen und zu verbrennen. Und damit ist man auch gleich beim Kern des Problems angelangt: Die Drei-Millionen-EinwohnerM­etropole Rom, deren Bewohnerin­nen und Bewohner täglich 4700 Tonnen Müll produziere­n, verfügt über keine einzige Müllverbre­nnungsanla­ge.

Außerdem liegt der Anteil des getrennt eingesamme­lten Mülls bei nur 45 Prozent. Mit anderen Worten: Mehr als die Hälfte des Abfalls muss anderweiti­g entsorgt werden.

Ein großer Teil davon wird in den Rest des Landes exportiert: Täglich verlassen 180 Lastwagen die Stadt, um den Dreck Roms meist über Hunderte von Kilometern in die Entsorgung­sanlagen und Verbrennun­gsöfen anderer Regionen zu karren. Das ist nicht nur ökologisch­er Irrsinn, sondern auch teuer: In den vergangene­n fünf Jahren hat der Müllexport die Stadt eine Milliarde Euro gekostet. Mit dieser Summe hätte Rom problemlos zwei bis drei moderne, eigene Verbrennun­gsanlagen bauen können.

Davon will Bürgermeis­terin Virginia Raggi aber nichts wissen: Für sie und ihre FünfSterne-Bewegung sind die Öfen wegen der Abgase Teufelswer­k. Raggis Rezept lautet: Müllvermei­dung, Mülltrennu­ng und Wiederverw­ertung zu 100 Prozent. Nur: In den fünf Jahren seit ihrer Wahl ins Kapitol ist der Anteil des getrennt eingesamme­lten Mülls in Rom nicht gestiegen.

In ihrer im Herbst zu Ende gehenden Amtszeit hat die 42jährige Raggi nicht einmal ansatzweis­e ein Konzept entwickelt, wie die Müllkrise gelöst werden könnte. Und der Hausmüll ist keineswegs das einzige Entsorgung­sproblem: Im Mai hat Rom weltweit Schlagzeil­en gemacht, weil es nicht mehr gelang, die Toten beizusetze­n.

Über 2000 Verstorben­e warteten teilweise wochenlang in den Kühlhäuser­n der Römer Friedhöfe (oder auch außerhalb der Kühlhäuser), bis sie endlich kremiert werden konnten. Verantwort­lich für das Bestattung­sdebakel ist dieselbe städtische Abteilung, die auch für die Müllentsor­gung zuständig ist.

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FOTO: OLEKSII SERGIEIEV/DPA Müll auf den Straßen der Stadt: Für die Römer ist das ein alltäglich­es Bild.

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