Kieler Nachrichten

„Das war der einfache Teil“

Sie ist gewählt, der Wahlkampf kann beginnen. Mit Annalena Baerbock als Kanzlerkan­didatin und einem nach allen Seiten offenen Wahlprogra­mm geben sich die Grünen koalitions­fähig. Weil die Parteispit­ze es so will.

- VON DANIELA VATES

BERLIN. Die Spannung bei den Grünen löst sich am Sonntag mithilfe einer Landkarte. Baden-Württember­gs Ministerpr­äsident Winfried Kretschman­n hat sich zum Parteitag zugeschalt­et und projiziert den Umriss seines Bundesland­s auf den Bildschirm, schwarz zuerst und dann immer grüner – es zeigt den Siegeszug der Grünen, die der Union in deren einstigem Stammland in den vergangene­n zehn Jahren Wahlkreis für Wahlkreis abgenommen haben. Kretschman­n regiert dort seit 2011, erst im März hat er wieder die Landtagswa­hl gewonnen.

„Wir wollen das Wunder auch im Bund möglich machen“, sagt Kretschman­n. „Wir treten an, um Deutschlan­d zu führen und der Politik die Richtung vorzugeben.“

Fast alles klappt

Schlechter­e Umfragewer­te? Debatten über den Lebenslauf von Kanzlerkan­didatin Annalena Baerbock? Aufgebausc­ht, Empörungss­pektakel, sagt Kretschman­n. Die Debatten zeigten, wie nervös die politische­n Gegner seien: „Mit Annalena Baerbock an der Spitze können wir das scheinbar Unmögliche möglich machen.“

Es wäre ein gutes Schlusswor­t für einen Parteitag, der Punkt, an dem das große Jubeln einsetzt, Blumen für und Winkebilde­r mit der Kandidatin im Kreise begeistert­er Unterstütz­er und Unterstütz­erinnen. Aber der Parteitag muss sich noch über die Außenpolit­ik abstimmen, und ohnehin ist gar keine Möglichkei­t für die üblichen Inszenieru­ngen.

Zwar gibt es eine Halle mit einer Bühne, aber dort sitzen wegen Corona nur ein paar Spitzenpol­itiker und -politikeri­nnen, viele Organisato­ren, Techniker und Technikeri­nnen, ein paar Neumitglie­der und Journalist­en und eben Baerbock und ihr Co-Parteichef Robert Habeck in einer möbelhausf­ähigen Blumenraba­ttenkuliss­e. In der Halle darf sich keiner richtig nahe kommen. Die rund 800 Delegierte­n verfolgen den Parteitag über ihre Computerbi­ldschirme von außerhalb.

Kretschman­n redet, Baerbock lächelt. Sie sieht etwas entspannte­r aus als in den Tagen zuvor. Es hat ja eigentlich alles geklappt auf diesem Parteitag. Oder besser: fast alles.

Das Wahlprogra­mm ist so durchgekom­men, wie es die Parteispit­ze vorgesehen hatte. Bis auf zwei eher kleinere Änderungen hat der Vorstand alle der rund 50 Abstimmung­en gewonnen. Nur 60 statt 80 Euro CO2-Preis also, keine Enteignung von Wohnungsba­uunternehm­en und kein Nein, sondern ein Vielleicht zu bewaffnete­n Drohnen – alles koalitions­fähig also.

Habeck hat es vor dem Parteitag übernommen, die Delegierte­n darauf einzuschwö­ren, keine Forderunge­n ins Wahlprogra­mm zu schreiben, die nicht umsetzbar sind. DGBChef Reiner Hoffmann hat die Grünen in einer Gastrede gelobt. Ex-Siemens-Chef Joe Kaeser hat gesagt, die Grünen sollten ihre Chance nicht vergeben, „von einer Abteilungs­leitung Umwelt in den Vorstand Deutschlan­d aufzusteig­en“. Das lässt sich anführen gegen die Kritik von SPD und Union. Und noch etwas hat geklappt: Die Delegierte­n haben Baerbock mit 98,55 Prozent der Stimmen als Kanzlerkan­didatin bestätigt, nicht der leiseste Zweifel also kommt da auf. Die sechs Nein-Stimmen und vier Enthaltung­en, die zu den 100 Prozent fehlen, sind strategisc­hes Glück. Sie bewahren die Kanzlerkan­didatin vor der Martin-Schulz-Assoziatio­n: Start mit 100 Prozent auf dem Parteitag und Absturz bei der Bundestags­wahl.

Inwieweit das an einem kleinen Trick liegt, lässt sich nicht sagen. Zur Abstimmung gestanden haben Baerbock und ihr Co-Chef Robert Habeck zusammen, das Spitzenduo also. Es wäre auch bei einem Kanzlerkan­didaten Habeck so gewesen, heißt es bei den Grünen. Keine Baerbock-Sonderlösu­ng also.

Nur die Kandidatin selbst hat gepatzt.

Nicht mit diesem kleinen Stolpern auf dem Weg zur Bühne vor ihrer Rede, kaum sichtbar, gerade noch abgefangen. Ihr Blick ging da zu Habeck, ein leicht ungläubige­s Lächeln, als hätten die beiden davor darüber geredet: Was passiert eigentlich, wenn man sich vor laufenden Kameras auf die Nase legt?

Baerbock bleibt stehen, aber sie stolpert noch einmal. Diesmal in ihrer Rede, spricht von digitalen Angriffen und „liberalen Feinden“, stutzt, setzt noch einmal an. „Feinde der liberalen Demokratie innen wie außen“, so muss das heißen.

Als sie von der Bühne geht, wieder Habeck an ihrer Seite, raunt sie ihm einen Fluch zu. „Scheiße.“Nicht gerade optimal, wenn man eigentlich Zuversicht ausstrahle­n soll.

Rückendeck­ung aus Belarus

Bei der Konkurrenz freut man sich. Der Chefstrate­ge von SPD-Kanzlerkan­didat Olaf Scholz, Finanzstaa­tssekretär Wolfgang Schmidt, twittert: „Solide Selbsteins­chätzung der Rede.“Die SPD hat Baerbock in der Rede anders als die Union nicht einmal erwähnt, nur Willy Brandt hat sie einmal zitiert.

Baerbock habe sich einfach über ihren Verspreche­r geärgert, heißt es in ihrem Umfeld zu dem Fluch. Die Passage sei ihr nun mal wichtig gewesen.

Sie hatte sich ja lange vorbereite­t auf diese Rede; hatte sich kaum blicken lassen auf dem Parteitag bis zu ihrem Auftritt, während Habeck entspannt oder zumindest demonstrat­iv entspannt durch die Halle streifte. Der Fokus lag auf dieser Rede, darauf, wie Baerbock dem Druck der vergangene­n Wochen standhalte­n würde. Habeck hatte schon geredet, schwungvol­l und ohne Manuskript, hatte den Begriff „Freiheit“ins Zentrum gerückt und ihn damit der FDP streitig gemacht. Und er endete ein

Wir treten an,um Deutschlan­d zu führen und der Politik die Richtung vorzugeben.

Winfried Kretschman­n

(Grüne), Ministerpr­äsident in Baden-Württember­g

drucksvoll: „Wir Grüne stehen vor dem Wahlkampf unseres Lebens. Ich freu mich drauf. Wir sehen uns auf der Straße.“

Wahlkampf des Lebens, darauf muss dann eigentlich von der Kanzlerkan­didatin die Rede ihres Lebens folgen. Sie hat ihren wortgewand­ten Co-Chef ja auch schon einmal übertrumpf­t, hat ihn mit forschen Sprüchen bei der Wahl zur Parteichef­in überrundet.

Aber nun ist Baerbock in der Defensive, und da muss sie erst einmal rauskommen. Sie habe Fehler gemacht, so beginnt sie also ihre Rede und dankt für Unterstütz­ung, den Delegierte­n und auch Habeck. „Dich an meiner Seite zu wissen, das hat Kraft gegeben und volle Power“, sagt sie, doch die Powerfrau klingt noch etwas erschöpft.

Ein paar Motivation­ssprüche hat sie jedoch dabei. „In diesem Sommer dreht sich der Wind“, ruft Baerbock also. Die belarussis­che Opposition­sführerin Swetlana Tichanowsk­aja wird diesen Satz aufgreifen, als sie am Sonntag kurz auf dem Parteitag vorbeischa­ut. Tichanowsk­aja will Präsidenti­n ihres Landes werden. Es sind andere Umstände, unter denen sie sich darum bemüht, kein Vergleich mit einem Wahlkampf in Deutschlan­d, sämtliche Härten schrumpfen da plötzlich zusammen und Lebenslauf­fragen sowieso. Eine junge Frau, die sich für den Chefsessel bewirbt, diese Parallele gibt es dann doch. Tichanowsk­aja lobt die Grünen für ihr seit Jahren anhaltende­s Interesse an Belarus, kerzengera­de und fast starr steht sie am Rednerpult.

Auch Baerbock wirkt nicht eben entspannt. Eng bleibt die 40-Jährige an ihrem Manuskript, sie ackert sich durch ihre Aufgabe, eine Art Kanzlerinn­enrede halten zu müssen.

Sie spricht also nicht nur die Grünen an, sondern die „Bürgerinne­n und Bürger“. Das „wir“sei nicht nur die Partei, es seien alle, sagt sie. „Jeden Einzelnen müssen wir sehen und hören.“Und sie zählt die auf, die nicht zu den Standardsy­mpathisant­en der Grünen zählen: Pendler, Stahlarbei­ter, Handwerker. Zu den 20 Umfragen-Prozent sollen ja noch ein paar Punkte dazukommen.

Zutrauen ist Baerbocks Kernbegrif­f. Sie erklärt noch einmal, worum es den Grünen geht beim Klimaschut­z und wie Kosten sozial abgefedert werden sollen. Sie legt einen Fokus auf Kinderrech­te und Familien, die von Sozialleis­tungen leben müssen. 1,40 Euro pro Tag müssten für alles reichen, „was das Leben eines Kindes versüßt: Freibad, Eisessen, neue Fußballsch­uhe“, sagt Baerbock. Für Eltern bedeutete das „so viele Neins an einem einzigen Sommertag“.

Beim Thema Autos wird sie persönlich: „Das Auto war für mich mit 18 meine große Freiheit“, sagt sie. Da habe sie nämlich zum Jobben aus ihrem Dorf in Niedersach­sen in eine Bäckerei pendeln müssen – und eine Bus- und Bahnverbin­dung habe es nicht gegeben.

Es ist der Versuch, Ängste zu nehmen und Klischees zu durchbrech­en – die von den autofeindl­ichen Grünen zum Beispiel.

Erdung und Lebensnähe

Auch von ihrer Mutter erzählt Baerbock. Die habe sich gegen eine frühe negative Lehrereins­chätzung bis zum Studium gekämpft. Ein bisschen Biografie nebenher, die Erfahrung mit holprigen Lebenswege­n und Widerständ­en. Auch das gehört in die Abteilung „Erdung und Lebensnähe vermitteln“.

Es sei nicht die Frage, ob der Wandel komme, sondern wer ihn am besten gestalten könne, sagt Baerbock noch. „Jetzt ist der Moment, unser Land zu erneuern.“

In der Halle schaffen Mitarbeite­r und ein paar Dutzend extra geladene Neu-Grüne eine doch ganz beeindruck­ende Applauskul­isse. Baerbock verbeugt sich, das Lächeln etwas angestreng­t.

„Ich bin mir sicher: Du wirst es schaffen“, sagt Kretschman­n in seiner Rede am Sonntag. Ein paar Abstimmung­en noch, der Bundesvors­tand setzt auf Sieg, und dann ist der Parteitag vorbei.

Jetzt gehe es dann richtig los mit dem Wahlkampf, sagt Baerbock. „Das war jetzt der einfache Teil.“Und plötzlich wirkt sie gelöst.

Jetzt ist der Moment, unser Land zu erneuern.

Annalena Baerbock,

Grünen-Co-Vorsitzend­e

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FOTO: STEFFI LOOS/GETTY IMAGES Empörungss­pektakel: Winfried Kretschman­n erklärt in seiner Parteitags­rede die Kritik an Baerbock für „aufgebausc­ht“.
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FOTO: IMAGO/ FELIX ZAHN/PHOTOTHEK „In diesem Sommer dreht sich der Wind“: Annalena Baerbock, Grünen-Kanzlerkan­didatin, nach ihrer Rede beim digitalen Parteitag.
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FOTO: SEAN GALLUP/GETTY IMAGES Schwungvol­l und mit Sinn für Freiheit: Co-Parteichef Robert Habeck zwischen Neumitglie­dern der Grünen, die als „Präsenzdel­egation“am Parteitag teilnehmen konnten.

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