Kieler Nachrichten

Lernsommer: Wo Musik auf Physik trifft

Die Schule Faldera ist eine von 140, die in den Ferien ihre Türen öffnen – Hier geht es vor allem um Teambuildi­ng

- VON ANNE HOLBACH

NEUMÜNSTER. „Eins, zwei, drei, hua!“, ruft Thies Thode und gibt auf seiner Trommel den Takt vor. Die acht Jugendlich­en vor ihm stimmen mit Conga, Percussion­s oder Rassel ein. In der Aula der Gemeinscha­ftsschule Faldera in Neumünster klingt es um neun Uhr morgens kurz nach brasiliani­schem Karneval. Bildungsmi­nisterin Karin Prien (CDU) wippt im Rhythmus mit den Füßen mit. Sie schaut sich das Lernsommer-Programm der Kulturschu­le an.

Nicht überall geht es nur darum, Stoff in Deutsch, Mathe und Co. aufzuholen. Das musische Angebot zielt darauf ab, soziale Kompetenze­n auszubauen und nach der langen Phase im oft einsamen Distanzler­nen wieder im Team zu arbeiten. In der kommenden Woche sollen sich Jugendlich­e in fünf Tagen zu einer Band zusammenfi­nden.

In nur zwei Tagen ist die Sambatromm­el-Gruppe zusammenge­wachsen und hat die Rhythmusfo­lge eingeübt. „Wir haben klassenübe­rgreifend gearbeitet. Ich hatte an

fänglich Sorge, dass es schwierig werden könnte, allen gerecht zu werden, wenn Kleine und Große dabei sind. Aber es hat super geklappt“, erzählt Schlagwerk­lehrer Thode von der Musikschul­e Neumünster, die mit der Schule für das Ferienange­bot kooperiert. Das Trommeln schule Taktgefühl und Koordinati­on.

An rund 140 Schulen im Land gibt es laut Ministeriu­m in den letzten beiden Ferienwoch­en einen Lernsommer. So viele hatten sich zumindest fest angemeldet. Es könnten sogar noch ein wenig mehr sein, heißt es von einer Sprecherin, das werde erst die Abrechnung

nach den Ferien zeigen. Wie viele Schülerinn­en und Schüler damit erreicht werden konnten, sei auch erst dann zu beziffern. Ob der Lernsommer besser angenommen wurde als im vergangene­n Jahr, ist also noch unklar.

In Neumünster wird nicht nur musiziert, die Trommler werden auch gefilmt. Jonah

Voigt kontrollie­rt die Kameraeins­tellung und hat am Mischpult mit Freya Malinowsky die Tonspur im Blick. „Am wichtigste­n ist es, darauf zu achten, dass man nicht ein Instrument zu wenig hört und ein anderes zu laut“, sagt der 14-Jährige. „Gestern haben wir einen Haufen Theorie gelernt.“Er zeigt auf eine Tafel mit Kurvenaufz­eichnungen.

Der Workshop verbinde Video-, Licht- und Tontechnik in der Praxis mit Grundlagen aus der Physik, sagt Lehrer Christoph Merkel. „Wie funktionie­rt Akustik? Warum löschen sich Signale gegenseiti­g aus?“

Weil während der Pandemie Konzerte oder Theaterauf­führungen, die es sonst in jedem Schuljahr gebe, nicht stattfinde­n konnten, hat die Schule Auftritte von kleinen Gruppen gestreamt. „Das ist ein tolles Beispiel dafür, dass Lehrkräfte nicht den Kopf in den Sand gesteckt haben und wegen Corona nicht auf Musik oder darstellen­des Spiel verzichtet, sondern neue Formate gefunden haben“, so Prien.

Normalerwe­ise gibt es an der Kulturschu­le viele klassenübe­rgreifende Projekte, die in der Corona-Zeit nicht liefen, weil sich die Jahrgänge nicht mischen durften. Insbesonde­re für Daz (Deutsch als Zweitsprac­he)-Schüler sei es eine Erleichter­ung, dass jetzt die Kohortenre­gelung wegfalle, so Lehrerin Katrin Wendorff. Sie seien kaum auf dem Schulhof mit deutschspr­achigen Kindern in Kontakt gekommen, wo sie sonst im Spiel dazu lernten.

„Wir wissen, dass die Pandemie sehr unterschie­dliche Folgen für die Schülerinn­en und Schüler hat. Es sind vielfach die psychosozi­alen Belastunge­n, an denen wir jetzt arbeiten müssen“, so Prien. Individuel­le Förderung bekomme daher eine größere Bedeutung. Darauf werde sich die Schule auch konzentrie­ren, so Schulleite­r Norbert Freund.

An seiner Schule soll es feste Stunden am Vormittag geben, in denen mit Material aus dem „Niemanden zurücklass­en“-Programm Mathe und Deutschken­ntnisse vertieft werden sollen. Förderange­bote dürften nicht immer an den Unterricht rangehängt werden, sonst bekämen sie einen Bestrafung­scharakter.

Es sind vielfach die psychosozi­alen Belastunge­n, an denen wir jetzt arbeiten müssen.

Karin Prien (CDU), Bildungsmi­nisterin

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FOTOS: UWE PAESLER Nach dem Konzert tauscht sich Bildungsmi­nisterin Karin Prien (CDU) mit den Schülerinn­en und Schülern aus der Percussion­gruppe über den Lernsommer aus.
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Lehrer Christoph Merkel zeigt Jonah Voigt (re.), Freya Malinowsky (li.) und den anderen des Medienteam­s eine Toneinstel­lung.

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