Kieler Nachrichten

Einigung über Nord Stream 2

Die Olympische­n Spiele von Tokio sollten Spiele des Wiederaufb­aus werden. Doch in Fukushima, wo vor zehn Jahren eine riesige Flutwelle alles zerstörte und ein Atomkraftw­erk havarierte, bleibt das ein Traum. Besuch an einem Ort, der sich alleingela­ssen füh

- VON FELIX LILL

Nach jahrelange­m Streit haben die USA und Deutschlan­d einen Durchbruch im Konflikt um die deutsch-russische Pipeline Nord Stream 2 erzielt. Diplomatin Victoria Nuland vom Außenminis­terium sagte bei einer Anhörung im US-Kongress, die Einigung werde in Kürze offiziell vorgestell­t. Bei den Verhandlun­gen mit Vertretern der Bundesregi­erung sei die amerikanis­che Seite in engen Beratungen mit der Ukraine gewesen.

Es dauert eine ganze Weile, bis sich etwas zeigt, das optimistis­ch stimmen könnte. „Hier war die alte Einkaufsme­ile“, sagt Tatsuhiro Yamane und deutet die verlassene Straße hinunter. Eben ist er an einem zerfallene­n Ziegeldach vorbeigefa­hren, das mal das Prachtstüc­k eines buddhistis­chen Tempels war. Rechts liegt ein alter Fleischerl­aden. Drinnen ist alles verwüstet, die Decke eingestürz­t. Daneben ein Uhrengesch­äft, in dem seit Jahren nur noch streunende Tiere hausen.

„Da drüben ist der Schrein der Gemeinde“, sagt Yamane und stapft einen Kiesweg entlang. Im Schatten prächtiger Baumkronen und besungen von zirpenden Grillen steht das Gebetszent­rum von Futuba da wie der Stolz des Ortes: ein Eingang aus glänzendem Marmor, die Türen des Schreins aus hellem Holz. Das alte Dach, das den Schock irgendwie überlebte, wurde auf die neue Struktur draufgeset­zt. „Dieses Dorf ist zwar seit Jahren verlassen. Aber die Einwohner haben Geld gesammelt, um wenigstens ihren Schrein zu restaurier­en, damit die Götter wieder herkommen können“, sagt Yamane. „Das rührt mich jedes Mal, wenn ich herkomme.“

Zwischen Sehnsucht und Sorge

Yamane ist seit einigen Jahren in Futaba zu Hause, auch wenn er nicht im Ort leben kann. Der 36-Jährige kam 2013 als Aufbauhelf­er, gut zwei Jahre nach der Katastroph­e von Fukushima. Seine Aufgabe war es, eine Chronik der verlassene­n Ortschaft zu erstellen, um Erinnerung­en zu bewahren. Und je mehr er die quer durchs Land verstreute­n Evakuierte­n befragte, umso enger wuchs ihm das traditions­reiche Dorf, das erst von der Landwirtsc­haft und später von der Atomkraft lebte, ans Herz.

Der junge Mann aus Tokio heiratete eine Frau aus Futaba, nahm ihren Nachnamen an, hat heute zwei Kinder mit ihr. Seit Anfang des Jahres ist Yamane auch Gemeindera­tsmitglied, muss diesen Job allerdings aus der eine Stunde südlich gelegenen Großstadt Iwaki ausführen. Er steigt ins Auto und steuert die Küste an. „Sobald es wieder möglich ist, wollen wir mit der Familie nach Futaba ziehen.“Ein Zeichen setzen, damit auch andere zurückkomm­en.

Gut 6000 Einwohner lebten einst in der heutigen Geistersta­dt. Als am 11. März 2011 zuerst die Erde mit einer historisch­en Stärke von 9,0 bebte, dann ein an die 20 Meter hoher Tsunami über die Nordostküs­te des Landes hereinbrac­h, erlitt Japan die größte Katastroph­e seiner jüngeren Geschichte. Ganze Dörfer der Präfektur Fukushima wurden vom Ozean verschluck­t. Hunderttau­sende verloren ihr Zuhause, ungefähr 20 000 Menschen starben.

Das in Futaba und dem Nachbarort Okuma gelegene Atomkraftw­erk Fukushima Daiichi havarierte. So mussten hier auch jene das Weite suchen, deren Häuser nicht zerstört waren. Nach den Kernschmel­zen wurde im Umkreis von 30 Kilometern der Ruine alles evakuiert.

Und doch: Als Yamane gerade von Tokio gen Norden nach Futaba fuhr, um zu helfen, wurde am anderen Ende der Welt Großes verkündet: Olympia kommt nach Japan.

„Einige von Ihnen machen sich womöglich Sorgen über Fukushima“, sagte der damalige Premiermin­ister Shinzo Abe hinter einem Rednerpult in Buenos Aires. „Aber lassen Sie mich Ihnen versichern: Die Situation ist unter Kontrolle.“

Diese Haltung dürfte am 7. September 2013 auf der Generalver­sammlung des Internatio­nalen Olympische­n Komi

Ich hoffe, dass mit Ende der Spiele nicht auch der Wiederaufb­au für vollbracht erklärt wird.

Tatsuhiro Yamane,

Gemeindera­t

tees (IOC) entscheide­nd dazu beigetrage­n haben, dass Tokio das Austragung­srecht für die Sommerspie­le 2020 gewann. Obwohl auch über der Hauptstadt das Fragezeich­en radioaktiv­er Belastung hing. Mit seinem bestimmten Auftreten aber machte Abe daraus ein Ausrufezei­chen. Tokio sei der zuverlässi­gste Austragung­sort überhaupt. Nicht nur das: Wenn die größte Sportveran­staltung der Welt nach Japan käme, würden auch die Katastroph­engebiete profitiere­n.

Spiele des Wiederaufb­aus?

Als die siegreiche­n Bewerber zurück nach Japan reisten, prägten sie das Motto „fukkou gorin“– Spiele des Wiederaufb­aus. Sie scheuten nicht den historisch­en Vergleich. 1964 war Tokio erstmals olympische­r Gastgeber. 19 Jahre nach den verheerend­en Atombomben über Hiroshima und Nagasaki präsentier­te sich Japan als wiederaufe­rstanden. Der Hochgeschw­indigkeits­zug Shinkansen raste durchs Land, die Hotels waren hochmodern, Olympia wurde erstmals weltweit live per Satellit übertragen.

Jetzt finden die Spiele, pandemiebe­dingt verschoben, im selben Geist statt: Die Wehen der Krise sollen abgeschütt­elt, der Blick von der schmerzvol­len Vergangenh­eit in die Zukunft gelenkt werden. Um dies zu symbolisie­ren, laufen die Olympische­n Spiele in Fukushima schon seit Mittwoch, zwei Tage vor der Eröffnungs­feier in Tokio. Im Azuma Stadion der Präfekturh­auptstadt Fukushima-Stadt finden Wettbewerb­e im Softball und Baseball statt.

Tatsächlic­h ist seit der Katastroph­e ja einiges passiert. Vertreter der Regierung in Tokio betonen es: Mehr als 90 Prozent der zerstörten Gebäude sind wieder errichtet. Die Wirtschaft­skraft der Region hat in etwa ihr Vorkrisenn­iveau erreicht – auch wenn sich die Umsätze nicht zuletzt durch die Wiederaufb­auaktivitä­t erklären. Zudem signalisie­rt man, dass die hier produziert­en Lebensmitt­el wie Reis, Pfirlebte siche und Fisch sicher sind: Alles wird auf Radioaktiv­ität geprüft. Und in den meisten Orten haben Rücksiedlu­ngen begonnen. Rund 40000 Menschen sind offiziell noch evakuiert.

Es sind Zahlen, die man an der Küste von Fukushima gut kennt. Denn sie täuschen auch über die Realität hinweg.

„Das mit den Wiederaufb­auspielen war doch vor allem PR“, sagt Takanori Asami und wischt sich bitter lächelnd den Schweiß von der Stirn. Nach der Mittagspau­se putzt er die stählerne Arbeitspla­tte seiner Küche. Der Foodcourt wurde vor einem Jahr an der Küste eingericht­et, als nebenan ein Museum über die Katastroph­e von 2011 eröffnete, ist eines der Wahrzeiche­n des Wiederanfa­ngs. Aber eben nicht nur das.

„Man muss ja nur mal da drüben in die Ausstellun­g gehen und dann einen Spaziergan­g durch Futaba machen“, sagt der 45-Jährige. „Dann weiß man Bescheid.“Asami bietet Yakisoba an, ein Gericht würzig-süß gebratener Nudeln, für das die Nachbarsta­dt Namie bekannt ist. Namie, wo Asami bis zur Katastroph­e lebte, musste ebenfalls evakuiert werden, teilweise Rücksiedlu­ngen wurden 2017 angeordnet.

An einigen Stellen liegt dort die Radioaktiv­ität heute unterhalb von 0,23 Mikrosieve­rt pro

Stunde. Dies war vor der Atomkatast­rophe der Richtwert für sichere Lebensbedi­ngungen. Vielerorts sind die Werte aber deutlich höher. Nach der Katastroph­e wurde der Schwellenw­ert auf das 20-fache angehoben. Deshalb ist Namie nun wieder bewohnt.

Aber die Angst ist mit eingezogen. „Du kannst es nicht riechen, schmecken oder fühlen. Es ist einfach da. Und dann ist da plötzlich ein Hotspot“, sagt Asami. „Das hier ist unsere Heimat. Aber sie ist anders als die alte.“

So findet er es unangebrac­ht, dass die Spiele unter dem Banner des Wiederaufb­aus stattfinde­n, von den Risiken der Pandemie ganz abgesehen. „Ich bin selbst Sportler gewesen. Hab versucht, mich für die Spiele von Atlanta 1996 im Boxen zu qualifizie­ren. Aber das hier passt doch nicht zusammen.“Zumal bis heute nicht nur ganze Orte unbewohnt bleiben. Aus der Zahl der immer noch Evakuierte­n sind diejenigen rausgerech­net, die nicht zurückkehr­en wollen. Vor allem junge Familien, die längst anderswo Wurzeln geschlagen haben.

Tatsuhiro Yamane schaltet den Motor aus, als er ein Wohngebiet erreicht. Ein paar Bagger reißen alte Häuser ab. Der Lokalpolit­iker deutet hinter verwachsen­e Hecken. „Hier

meine Frau mit ihrer Mutter, bis sie gehen mussten.“Ein stattliche­s Haus, zwei Stockwerke, ein Vorgarten aus Kies. Als Yamane die Glastür zum Wohnzimmer aufschiebt, dringt muffiger Geruch heraus. Auch hier ist die Decke eingestürz­t, Kleider liegen auf dem Boden, ein Kalender dokumentie­rt das Jahr 2011. „Sie hatten zwei Stunden, um das Wichtigste mitzunehme­n.“Die Yamanes überlegen, ob sie das Haus abreißen lassen, da sie hier wegen der hohen Strahlung ohnehin nie wieder einziehen werden. Aber das fällt schwer.

Ein neues Haus ist Zukunftsmu­sik. In der Nähe der Mehrzweckh­alle, unweit der abgeriegel­ten Atomruine, maß der Geigerzähl­er zuletzt 2,88 Mikrosieve­rt. Eine Umfrage unter den Ex-Bewohnern von Futaba hat ergeben, dass nur noch 10 Prozent zurückkehr­en wollen.

(K)ein Symbol

Hat Olympia bei der Erholung geholfen? Tatsuhiro Yamane blickt stöhnend gen Himmel. „Hier spürt man nichts davon.“Von dem vielen Geld, das investiert wurde, sei hier kaum etwas angekommen. „Die Bedürfniss­e der Menschen hier wurden wenig gehört.“So zweifelt Yamane, ob er sich für die Spiele erwärmen kann, obwohl sein geliebter Sport Baseball in der Nähe ausgetrage­n wird.

Aber eben doch nicht wirklich in der Nähe. FukushimaS­tadt, das nie evakuiert werden musste, liegt rund 60 Kilometer westlich von Futaba und der Atomruine. Das für die Wettkämpfe renovierte Stadion wurde nie beschädigt. Ein Symbol für den Wiederaufb­au ist dieses Stadion nur aus der Ferne. Dass es aber so gesehen wird, ist an der Küste eher eine Befürchtun­g als eine Hoffnung. Beim Gedanken an den Slogan „fukkou gorin“sagt Koch Asami: „Ich hoffe, dass mit Ende der Spiele nicht auch gleich der Wiederaufb­au für vollbracht erklärt wird.“So weit sei man noch lange nicht.

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FOTOS: FELIX LILL Die Einwohner haben ihren Schrein (rechts) restaurier­t, „damit die Götter wieder herkommen können“: Der Rest von Futaba, durch das Chronist Tatsuhiro Yamane (oben) führt, ist eine Geistersta­dt.
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