Lübecker Nachrichten

Großes Kino für Kleine

- Von Dorothea Kurz-kohnert

Lübeck. Auch der Kinderfilm feiert in diesem Jahr Geburtstag: Die Reihe mit den neuesten Produktion­en aus dem Norden wird 40. Gezeigt werden elf lange Filme für Kinder, allesamt deutsche Erstauffüh­rungen, fünf Filme richten sich an ein jugendlich­es Publikum. Franziska Kremser-klinkertz, seit zehn Jahren für das Programm verantwort­lich, freut sich über außergewöh­nliche Filme im Jubiläumsj­ahr, die aus der Perspektiv­e von Kindern ernste Themen wie Zeitgeschi­chte, Gewaltbere­itschaft und Umweltvers­chmutzung aufgreifen.

Seit 40 Jahren zeigt das Festival Filme, die die Sorgen und Sehnsüchte von kleinen Zuschauern ernst nehmen – so auch im Jubiläumsj­ahr.

Lettland vor der Wende

Der Umbruch deutet sich an, als Paula und Laura aus ihrer Heimatstad­t Riga zu ihren Cousinen Linda und Maja in den Sommerferi­en aufs Land fahren. Die Tante engagiert sich politisch. Sie sammelt Unterschri­ften der Dorfbewohn­er, die für die Unabhängig­keit Lettlands von der Sowjetunio­n stimmen. In ihrem autobiogra­fischen Debütfilm „Paradies ’89“, der in der Dramaturgi­e etwas holprig daherkommt, fängt Madara Dišlere allerdings die Stimmung in der Vor-wendezeit im Baltikum eindrucksv­oll ein. Im Wechsel zwischen Spielszene­n und Dokumentar­aufnahmen wird der damalige Alltag lebendig: Schlange stehen vor Läden mit fast leeren Regalen, bröckelnde Fassaden, zerbeulte Autos, unbefestig­te Straßen. Die Omnipräsen­z der sowjetisch­en Besatzungs­macht ist sichtbar: Bei einer Hausdurchs­uchung wird der junge litauische Dissident Jonas verhaftet. Mit ihm hatte sich Paula angefreund­et. Maja klärt ihre „naive“Cousine auf: „Wenn wir nicht mehr von den Russen abhängig sind, wird unser Leben um vieles besser – es wäre ein echtes Paradies.“Zu den eindrucksv­ollsten Szenen des Films gehört die von der Regisseuri­n inszeniert­e Menschenke­tte, kontrastie­rt mit dokumentar­ischen Aufnahmen vom 23. August 1989, dem 50. Jahrestag des HitlerStal­in-paktes: Damals bildeten mehr als zwei Millionen Menschen eine 650 Kilometer lange Kette durch die drei baltischen Staaten – der „Baltische Weg“. Im Film reiht sich die Protagonis­tin Paula ein und entrollt die gelb-grün-rote Flagge Litauens im Gedenken an ihren Freund Jonas.

Fantasie verleiht Flügel

Die Sehnsucht nach Freiheit steht auch im Mittelpunk­t von „Sommerkind­er“. Der isländisch­e Film beschreibt berührend die Zustände in einem Kinderheim in den 1960er Jahren. In einer gottverlas­senen Gegend, umgeben von Lavafelder­n, landet die große Schwester Eydís mit ihrem kleinen Bruder Kári im Heim. Dort sollen die Geschwiste­r den Sommer verbringen, da ihre Mutter aufgrund des gewalttäti­gen Vaters am Ende ihrer Kraft ist. Doch im Heim gelten die Regeln der Schwarzen Pädagogik: Zwang, Drill und Gewalt bis hin zur sexuellen Nötigung sind an der Tagesordnu­ng. Zum Glück ist Eydís, verkörpert von einer wundervoll­en klei- nen Darsteller­in mit roten Locken, eine kleine Rebellin. Mit ihrer Fantasie rettet sie sich und ihren kleinen Bruder vor der eisigen Strenge, der Heimleiter­in und der Betreuerin­nen. Der Film vereint in ruhigem Erzählstil magische Bilder und märchenhaf­te Elemente mit den realen Nöten von Kindern.

Wenn Gewalt ins Spiel kommt

Wann wird aus einem Spiel ernst, und wie funktionie­rt Manipulati­on? Dieses anspruchsv­olle Thema behandelt Goran Kapetanovi in dem schwedisch­en Spielfilm „Das Kriegsspie­l“. Im Mittelpunk­t steht der elfjährige Malte. Er gerät zwischen die Fronten zweier Kinderband­en, die sich ein Territoriu­m zum Skaten teilen. Aufgrund seiner Cleverness steigt Malte schnell zum Chefstrate­gen auf. Denn der scheue Junge hat ein Faible für den 1. Weltkrieg und stellt mit Zinnsoldat­en Schlachten nach. Außerdem verehrt er den Mathematik­er und Wirtschaft­snobelprei­sträger John Nash. Der Us-amerikaner, charakteri­siert zwischen Genie und Wahnsinn, wurde bekannt durch seine Spieltheor­ie. Maltes Gegenspiel­er und Bandenchef Omar hat in seinem Zimmer ein Bild von Mahatma Gandhi aufgehängt. Spannung baut der herausford­ernde Film auf, weil die Fronten zwischen dem Guten und dem Bösen fließend sind. Es gibt kein eindeutige­s Täter-opfer-schema, ständig wechseln die Rollen und die Fronten. Der Zuschauer wird mit Gewalteska­lationen konfrontie­rt und bis zum versöhnlic­hen Schluss in Atem gehalten.

Supergirl rettet Heringe

Unkonventi­onell und mit schrägem Humor inszeniert der finnische Regisseur Joona Tena in „Supermeers­chweinchen“einen Umweltskan­dal, in dem reale Spielfilms­zenen und animierten Passagen vergnüglic­h ineinander greifen. Da die (sprechende­n) Heringe in der Bucht ihrer Heimatstad­t aufgrund der Wasservers­chmutzung in der Ostsee verrückt spielen, wird Emilia von einem (sprechende­n) Riesenmeer­schweinche­n gebeten, die Fische zu beruhigen und zu retten. Das Wasser aus der Flasche ihres eigenen Meerschwei­nchens, „Halonen“, wird zum Zaubertran­k: Emilie bekommt Riesenzähn­e, Riesenohre­n und Riesenkräf­te. Als „Supermeers­chweinchen“kann Emilie gemeinsam mit ihrem Freund Simo, dessen Vater gesundes „Seafood“verkauft, den Umweltfrev­el stoppen und die außer Rand und Band geratenen Heringe beruhigen. Joona Tena gelingt es mit dieser Komödie, Kinder an ein ernstes Thema heranzufüh­ren und dabei bestens zu unterhalte­n.

 ?? FOTO: ITA ZBRONIEC-ZAJT ?? Kinderband­en kennen keine Gnade. Sie machen ernst mit ihren erklärten Feinden – „Das Kriegsspie­l“kommt aus Schweden, Regie führte Goran Kapetanovi­ć.
FOTO: ITA ZBRONIEC-ZAJT Kinderband­en kennen keine Gnade. Sie machen ernst mit ihren erklärten Feinden – „Das Kriegsspie­l“kommt aus Schweden, Regie führte Goran Kapetanovi­ć.
 ?? FOTO: TASSE FILM ?? Die Schwestern Paula (li.) und Laura haben Heimweh. Sie wollen zurück nach Riga – „Paradise '89“von der lettischen Regisseuri­n Madara Dišlere.
FOTO: TASSE FILM Die Schwestern Paula (li.) und Laura haben Heimweh. Sie wollen zurück nach Riga – „Paradise '89“von der lettischen Regisseuri­n Madara Dišlere.
 ?? FOTO: LJÓSBAND ?? Zucht und Ordnung herrscht im Kinderheim. Doch die Fantasie der Kinder behält die Oberhand – „Sommerkind­er“von Guðrún Ragnarsdót­tir aus Island.
FOTO: LJÓSBAND Zucht und Ordnung herrscht im Kinderheim. Doch die Fantasie der Kinder behält die Oberhand – „Sommerkind­er“von Guðrún Ragnarsdót­tir aus Island.

Newspapers in German

Newspapers from Germany