Fo­to­rea­lis­mus von Franz Gertsch in Kiel

Die Kunst­hal­le Kiel zeigt die ge­wal­ti­gen Wer­ke des Fo­to­rea­lis­ten Franz Gertsch

Lübecker Nachrichten - - ERSTE SEITE - Von Pe­ter In­tel­mann

Por­träts auf drei mal drei Me­ter gro­ßen Lein­wän­den, und so prä­zi­se ge­malt, dass man sie für Fo­tos hält: Die Bil­der und Holz­schnit­te des Schwei­zers Franz Gertsch sind ge­wal­tig. In der Kie­ler Kunst­hal­le sind vier­zehn von ih­nen mit ei­ner Rei­he von Aqua­rel­len aus der Früh­zeit des Künst­lers zu se­hen.

Lü­beck. Sil­via zum Bei­spiel hat Franz Gertsch 1997 fo­to­gra­fiert. Ei­ne Schü­le­rin, sie war ihm im Tai-chi-kurs sei­ner Frau auf­ge­fal­len. Ein Jahr spä­ter hat er sie ge­malt. Und jetzt hängt sie hier, zwei­me­t­er­neun­zig mal zwei­me­ter­acht­zig, und lässt ei­nen nicht aus den Au­gen.

Die Kunst von Franz Gertsch ist ge­wal­tig. Wo an­de­re die klei­ne Form wäh­len, greift er zu gro­ßen For­ma­ten. Und doch ist dar­auf al­les bis ins Kleins­te ge­re­gelt. Er hat nicht vie­le die­ser raum­grei­fen­den Bil­der ge­schaf­fen, gut fünf Dut­zend, aber er kennt je­den Mil­li­me­ter dar­auf. Er hat sich mit je­der Ecke ver­traut ge­macht.

Von New York bis Pe­king

Fo­to­rea­lis­mus heißt die Kunst, die Gertsch be­treibt. Er nimmt ein Fo­to, pro­ji­ziert es als Dia auf ei­ne gro­ße Flä­che und schafft in ei­ni­ger Ver­grö­ße­rung ein neu­es Werk. Der Schwei­zer ist so zu ei­nem der nam­haf­tes­ten Künst­ler ge­wor­den mit Aus­stel­lun­gen von New York bis Pe­king. Jetzt sind in der Kie­ler Kunst­hal­le vier­zehn sei­ner Wer­ke zu se­hen. Da­zu 30 Aqua­rel­le aus den Sech­zi­ger­jah­ren, der Zeit al­so, be­vor er sich an die Na­cher­zäh­lung der Wirklichkeit im gro­ßen Stil ge­macht hat. Und die Wir­kung ist enorm.

Da­bei spielt es kei­ne Rol­le, ob Gertsch ei­nen Men­schen por­trä­tiert oder ei­nen Wald­weg na­he sei­nem Haus im schwei­ze­ri­schen Rü­schegg zum Ge­gen­stand nimmt. Ob er sich für ein Gras-schilf-ge­wim­mel ent­schei­det, für Pest­wurz-blät­ter oder für sei­ne Frau Ma­ria beim Son­nen­ba­den am Strand von Gua­de­lou­pe, ein Holz­schnitt im Üb­ri­gen, fast drei mal fünf Me­ter groß. Man staunt über die­se Tech­nik, die­se Fer­tig­keit. Man fragt sich, wie das geht, Bil­der sol­cher Grö­ße und Ge­nau­ig­keit zu schaf­fen, oh­ne un­ter­wegs die Ner­ven zu ver­lie­ren. Zu­mal es ja auch dau­ert. Als ihm das Fo­to ei­nes Herbst­wal­des in die Hän­de fiel, hat er mit an­dert­halb Jah­ren ge­rech­net, bis es fer­tig sein wür­de. Er ist dann ein we­nig schnel­ler ge­we­sen und hat nur et­wa ein Jahr ge­braucht, aber so ist das meist.

Gertsch’ Bil­der sind Übun­gen in De­mut. Es sind Lang­zeit­stu­di­en und ihm auch so et­was wie Le­bens­ab­schnitts­part­ner. Wer sich über Mo­na­te in die Ar­me ei­nes sol­chen Aben­teu­ers wirft, der soll­te wis­sen, was er tut. Aber es ist wohl ei­ne Art Not­wehr: „Mir tut je­der St­ein leid, den ich nicht por­trä­tiert ha­be“, wird er zi­tiert. „Ein Bild ist um­so bes­ser, je mehr dem Be­trach­ter die Wor­te feh­len.“

„Hua . . .!“

Gertsch hat En­de der Sech­zi­ger­jah­re be­gon­nen, na­tu­ra­lis­tisch nach Fo­to­gra­fi­en zu ma­len. „Hua . . .!“hieß das ers­te Bild, ein wil­der Rei­ter auf wei­ßem Pferd. Er ha­be be­grif­fen, „dass die Rea­li­tät heu­te nur noch mit dem Fo­to­ap­pa­rat fest­ge­hal­ten wer­den kann“, sag­te er. Und dann mach­te er im­mer so wei­ter.

In der Aus­stel­lung hängt „Ma­ria und Benz“von 1970, ent­stan­den nach ei­nem Fo­to von sei­ner Frau und sei­nem klei­nen Sohn. Ei­ne zu­fäl­li­ge Sze­ne, wie man sie auf je­dem Smart­pho­ne jun­ger El­tern fin­det. Da ist die Ma­le­rei noch et­was flä­chi­ger, nicht so fein­kör­nig wie auf den spä­te­ren Bil­dern. Aber es soll­te nicht lan­ge dau­ern bis zu sei­nem künst­le­ri­schen Durch­bruch. 1972 war das, als Ha­rald Szee­man ihn zur do­cu­men­ta nach Kas­sel ein­lud und sein Bild „Me­di­ci“zu­sam­men mit den Ar­bei­ten der ame­ri­ka­ni­schen Fo­to­rea­lis­ten Ro­bert Becht­le, Chuck Clo­se und Richard Es­tes aus­stell­te. Mit­te der Acht­zi­ger ließ Gertsch die Ma­le­rei vor­erst ru­hen und mach­te sich an Holz­schnit­te, al­ler­dings in den glei­chen Di­men­sio­nen. Mit fei­nen Hoh­l­ei­sen kerb­te er kleins­te Par­ti­kel aus Lin­den­holz­plat­ten, be­vor auf ei­gens ge­schöpf­tem Ja­pan­pa­pier mo­no­chro­me Ab­zü­ge ge­macht wur­den. Auch das war ei­ne Ent­de­ckung der Lang­sam­keit, ei­ne Me­di­ta­ti­on. Nach zehn Jah­ren aber griff er auch wie­der zum Pin­sel.

War­um macht man das? War­um nimmt man ein Fo­to, manch­mal wie bei „Meer“erst nach 46 Jah­ren, und malt es in rie­si­gem For­mat noch ein­mal neu? Wes­halb muss ei­ne ge­rif­fel­te Was­ser­ober­flä­che wie das Tryp­ti­chon „Schwarz­was­ser“2,76 mal 5,97 Me­ter in Holz ge­schnit­ten wer­den?

„Sie muss­ten ein­fach groß sein“, hat Franz Gertsch ein­mal ge­sagt. „War­um? Dar­über könn­te man stun­den­lang spre­chen.“Je­den­falls wer­den die kon­kre­ten Bil­der um­so abs­trak­ter, je nä­her man ih­nen kommt. In der kur­zen Dis­tanz lö­sen sie sich fast ganz auf. Aus ei­ni­ger Ent­fer­nung je­doch kann man in ih­nen spa­zie­ren ge­hen.

Wo­bei die Fo­tos aber nicht al­les vor­ge­ben. Sie müss­ten ihm die Mög­lich­keit las­sen, „ein Bild dar­aus zu ma­chen“, hat er ge­sagt. Es sei wie ei­ne „Par­ti­tur, die der Mu­si­ker um­set­zen und in­ter­pre­tie­ren muss“. Au­ßer­dem hat er kei­ne Pro­ble­me mit sei­nem Be­ruf: „Bei mir ist das Ma­len ei­ne Be­frie­di­gung, ei­ne Lust.“

FO­TO: HEL­MUT KUN­DE/HFR

Franz Gertsch vor dem Bild „Gro­ße Pest­wurz“, das in der Kie­ler Kunst­hal­le zum ers­ten Mal zu se­hen ist. Das Werk misst drei mal vier Me­ter.

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