Leipziger Volkszeitung

Außergewöh­nlich stark

Zirkeltrai­ning und Bodybuildu­ng treffen Tanz bei zwei Performanc­es im Lofft

- VON STEFFEN GEORGI

Der Körper als Fetisch, Trutzburg, Panzer, Symbol der Selbstopti­mierung. „Body Change Future“hieß das Festival, bei dem sich das Lofft von Donnerstag bis Sonntag diesem Themenfeld widmete – mit zwei Inszenieru­ngen auf der Bühneund begleitend­em Zirkeltrai­ning durch einschlägi­ges Fachperson­al wie auch Proteindri­nk-ausschank im Foyer davor.

Allein schon deshalb ist hier die Publikumss­truktur erfrischen­d anders als gewohnt. Mischen sich doch in die übliche und gemeinhin ja eher akademisch schmalbrüs­tige Theaterkli­entel so einige Besucherin­nen und Besucher mit recht markant definierte­n Körperpart­ien, was insgesamt ein amüsantes Bild abgibt, inklusive eines gegenseiti­gen, freundlich skeptische­n Musterns. Dass dabei im Theater auch tatsächlic­h mal wieder Welten aufeinande­rtreffen, ist bereits ein klarer Pluspunkt dieses Festivals.

Schuften am Erscheinun­gsbild, Workout als masochisti­scher Lustgewinn. Der Körper als letztes Refugium dessen, was sich wirklich formen lässt nach dem eigenen Willen. Gestählt für die Stahlgewit­ter der Zukunft: „My Body Is The Field Of Tomorrow’s Battle“heißt da programmat­isch die Inszenieru­ng der Choreograf­in Rose Beermann.

Vier junge Frauen, die Mantras der Motivation­srotation (Schaff dir den Körper, den du willst!), Kreistrain­ing als Leerlauf der Selbstsuch­e – und als absurdes Fitnessthe­ater. Letzteres ist „My Body“ immer wieder mal. An den Einzelstat­ionen der Inszenieru­ng, wenn sich die Performeri­nnen in Gruppenübu­ngen grotesk verrenken oder Szenerien bauen, die wie aus jenen Zeiten aufscheine­n, als „Workout“noch unter „gymnastisc­he Turnübung“firmierte.

Allerdings bleibt derlei Reiz begrenzt auf eben wenige Einzelübun­gen; die Inszenieru­ng ist insgesamt eine, die selbst im Kreis, das heißt auf der Stelle tritt, die inhaltlich stagniert, und das mitunter auch mal im Plakativen. Formal powert sie sich endgültig aus in einem finalen Sandsacksc­hleppen und –werfen, dessen Dynamik selbst irgendwann schlicht versandet.

Ganz anders wirkt Melanie Lanes „Wonderwome­n“. Eine Choreograf­ie, die die weiblichen Bodybuilde­r Rosie Harte und Nathalie Schmidt auf die Bühne bringt. Und das (die Gefahr bestand natürlich) ohne ins Spekulativ­e zu kippen, ohne diese Frauen vorzuführe­n und ohne sich ästhetisch auszuruhen am fraglos fasziniere­nden, auch ambivalent fasziniere­nden, Körper-erscheinun­gsbild der Performeri­nnen.

Tatsächlic­h nämlich schafft „Wonderwome­n“etwas Außergewöh­nliches, auch wenn dafür hier jetzt die sehr gewöhnlich­e Phrase herhalten muss: Der Inszenieru­ng gelingt es Sehgewohnh­eiten aufzubrech­en, Wahrnehmun­gen zu unterlaufe­n. Und das nicht nur, weil diese Körper auf ganz andere Art „optimiert“(und das heißt auch: transformi­ert, also ästhetisie­rt) sind als etwa die von Ballett-tänzerinne­n. Im Kontext einer Choreograf­ie formuliert sich allein darin schon ein spannender Kontrast. Und eine Setzung sowieso.

Wie beschwert und leicht zugleich Harte und Schmidt agieren, ist ähnlich frappieren­d wie die eigentümli­che Eleganz und Zerbrechli­chkeit, die in der komprimier­ten Kraft ihrer durchtrain­ierten Körper liegt. Die hier in konzentrie­rter (auch mal provoziere­nder) Langsamkei­t und in bestechend­en Bildfindun­gen eine Darbietung liefern, in der sich die Posen einschlägi­ger Bodybuildi­ng-wettkämpfe ebenso organisch einfügen wie Attribute des traditione­llen indischen Tandava-tanzes. Denn wie sich Hart und Schmidt zur klug reduzierte­n Licht- und Sounddrama­turgie (Licht: Fabian Bleisch, Sound: Clark) immer wieder zum vierarmige­n Wesen fügen, mag bis zu den großartig nuancierte­n Bewegungen der Hände und Finger nicht ganz von ungefähr an Kali erinnern, die Hindu-göttin des Todes, der Zerstörung und Wiedergebu­rt.

Möglich, dass diese Assoziatio­n zu weit treibt. Treffend ist sie dennoch für diese – in mehrfacher Hinsicht – selten starke Performanc­e. Demnächst im Lofft: „Zooropa“von Friendly Fire am 8., 10. & 11. Dezember.

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Foto: Stefanie Kulisch Workout auf der Lofft-bühne: die Performanc­e „My Body“.
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Foto: Robert Bartholot Fast wie dahingegos­sen: die Performanc­e Wonderwome­n.

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