We­sent­lich ist die Ent­schlüs­se­lung

N0ch J0h­ren zu­rück in Leip­zig und 0uf dem The0­ter: Ank0 B0ier-lie­be, Mit­grün­de­rin der Sch0u­büh­ne

Leipziger Volkszeitung - - Szene Leipzig - VON MARK DA­NI­EL

Es war so ein Ge­fühl. Als An­ka Bai­er-lie­be 2014 ei­ne Lau­da­tio zum 20-jäh­ri­gen Be­ste­hen der Schau­büh­ne Lin­den­fels hielt, spür­te sie, dass die Vor­stel­lung, nach lan­ger Zeit auf die Büh­ne zu­rück­zu­keh­ren, an­ge­neh­me Kon­tu­ren hat­te. „Sie ist wie­der da, die Lust zu spie­len“, sag­te sie vor den Gäs­ten. Kol­le­gen vom Schau­en­sem­ble und ihr Weg­ge­fähr­te von frü­her, Re­né Rein­hardt, be­stärk­ten sie, in ei­ner Pro­duk­ti­on mit­zu­ar­bei­ten. Seit An­fang Ok­to­ber taucht ihr Na­me wie­der im Spiel­plan des Hau­ses auf, das sie vor 22 Jah­ren als Teil ei­nes Teams schein­bar ver­rück­ter Idea­lis­ten aus dem Dorn­rös­chen­schlaf ge­holt hat. Von Don­ners­tag bis Sams­tag ist Bai­er-lie­be in „Land­schaft mit Kö­nigs­töch­tern“zu se­hen.

In den frü­hen 2000er Jah­ren war An­ka Bai­er, wie sie da­mals noch hieß, ei­nem an­de­ren Im­puls ge­folgt: Der Schau­spie­le­rin ging es dar­um, Po­ten­zia­le auf ei­nem Feld aus­zu­pro­bie­ren, das dem Thea­ter auf den ers­ten Ge­dan­ken fern liegt – in der Ho­möo­pa­thie. Doch die nun 50-Jäh­ri­ge hat gro­ße Ge­mein­sam­kei­ten aus­ge­macht: „So­wohl in der Be­hand­lung als auch auf der Büh­ne geht es dar­um, die Ge­schich­ten da­hin­ter auf­zu­spü­ren, das Schlum­mern­de“, er­klärt sie, „we­sent­lich in bei­den Fäl­len ist die Ent­schlüs­se­lung“. Wenn sie in­ten­siv be­schreibt, dann rei­ßen die Hän­de geo­me­tri­sche Fi­gu­ren in der Luft an, flat­tern vo­gel­haft, der Blick aus grau­blau­en Au­gen ver­fes­tigt sich in der Fer­ne des Raums. Dann ist An­ka Bai­er­lie­be tief in dem, was sie be­wegt und an­treibt.

2003 be­gann sie ih­re Aus­bil­dung als Ho­möo­pa­thin und Heil­prak­ti­ke­rin, ein Jahr spä­ter nahm sie des­halb ei­ne Büh­nen-aus­zeit. Da­mals fei­er­te die Schau- büh­ne Zehn­jäh­ri­ges. Ei­ne De­ka­de, die mit dem Na­men An­ka Bai­er eng ver­bun­den ist. Die Leip­zi­ge­rin, die von 1987 bis 1991 an der Ernst-busch-hoch­schu­le Schau­spiel stu­dier­te, bau­te zu­nächst zwei Jah­re lang zu­sam­men mit Re­né Rein­hardt ein En­sem­ble am Thea­ter­haus Je­na auf, das sich da­mals neu struk­tu­rier­te. „Ei­gent­lich träumt man nach dem Stu­di­um von der Ar­beit an gro­ßen Thea­tern“, sagt sie, aber Ber­lin war zu groß und Je­na zu klein.

Dann kam ei­ne Idee auf, die Rein­hardt und sie nicht mehr los­ließ: Das brach­lie­gen­de Haus in der Karl-hei­ne-stra­ße 50, in dem Bai­er als Kind ers­te Ki­no­fil­me er­lebt hat, eig­ne­te sich mit sei­nen Ver­an­stal­tungs­sä­len her­vor­ra­gend als Thea­ter. Aus fi­nan­zi­el­ler und un­ter­neh­me­ri­scher Sicht ein Irr­sinn, das Ge­bäu­de in­stand­set­zen und be­trei­ben zu wol­len – aber: „Wir wa­ren Mit­te 20, na­iv und fühl­ten ei­ne gro­ße Welt­ver­än­de­rungs­kraft.“Ei­ne Kno­chen­ar­beit be­gann, denn Bai­er, Rein­hardt, Jörg Schulz und Freun­de leg­ten selbst Hand an, um das Haus be­spiel­bar zu ma­chen. Nach gut ei­nem Jahr, am 15. Sep­tem­ber 1994, öff­ne­ten sie den präch­ti­gen al­ten Ball­saal mit der Pre­mie­re von „Der Go­lem“. Bai­er war an vie­len wei­te­ren Pro­duk­tio­nen be­tei­ligt, „King Le­ar“und die „Kur­ze Ko­mö­die vom Über­le­ben“ge­hör­ten zum Spiel­plan eben­so wie die „Kas­san­dra“nach Chris­ta Wolfs Er­zäh­lung, Re­gie führ­te sie im „Haus der Mö­wen“.

Tags­über sa­nie­ren, um För­der­mit­tel und Spon­so­ren kämp­fen, pro­ben, abends Vor­stel­lung ge­ben – das geht an die Sub­stanz. „Lang­fris­tig lei­det die Kunst dar­un­ter, des­halb ent­schloss ich mich zum Ab­schied“, so ih­re Be­grün­dung. Seit­dem ist ei­ne Men­ge ge­sche­hen. Ei­ne Hoch­zeit zum Bei­spiel. An­ka Lie­be, wie sie seit 2008 laut Aus­weis heißt, zog nach Ber­lin, wo sie mit ih­rem Ehe­mann ei­ne Pra­xis für Ho­möo­pa­thie und Bo­wen-fas­zi­en­the­ra­pie eta­blier­te. 2009 kam ih­re ge­mein­sa­me Toch­ter zur Welt. Die Pra­xis lief gut. Trotz­dem – im Hin­ter­kopf der Schau­spie­le­rin blie­ben Leip­zig und die Schau­büh­ne, der sie als Mit­glied im Auf­sichts­rat ver­bun­den blieb. „Ir­gend­wann woll­te ich wie­der nach Hau­se“, so viel war klar. Vor der Ein­schu­lung ih­res Kin­des fiel die Ent­schei­dung, den Haupt­wohn­sitz nach Leip­zig zu ver­le­gen. In Ber­lin prak­ti­ziert Bai­er-lie­be ein bis zwei mal im Mo­nat, in ih­rer Hei­mat­stadt baut sie nun ei­ne neue Pra­xis auf, ihr Pa­ti­en­ten­stamm wächst.

Und nun hat auch das Thea­ter sie wie­der: „Land­schaft mit Kö­nigs­töch­tern“fei­er­te Mit­te Ok­to­ber in der Schau­büh­ne Pre­mie­re. In die­ser von Klaus The­we­leits „Buch der Kö­nigs­töch­ter“in­spi­rier­ten Ins­ze­nie­rung Re­né Rein­hardts spielt Bai­er-lie­be er­neut die Kas­san­dra – ei­ne von meh­re­ren an­ti­ken Kö­nigs­töch­tern, die ne­ben ame­ri­ka­ni­schen Pen­dants aus der Re­al­ge­schich­te das Prin­zip männ­lich do­mi­nier­ter Ge­schich­te in Form von Krieg und Ge­walt in Zwei­fel stel­len. Die Wie­der-leip­zi­ge­rin fühlt sich wohl in dem Stück. Wei­te­re Pro­duk­tio­nen sind mög­lich, wenn sie nicht zu­viel Zeit fres­sen – und das Bauch­ge­fühl stimmt. Auf­füh­run­gen „L0ndsch0ft mit Kö­nigs­töch­tern“mor­gen bis S0ms­t0g in der Sch0u­büh­ne Lin­den­fels, K0rl-hei­ne-str0­ße 50, je­weils 0b 20 Uhr; K0r­ten und In­fos un­ter www.sch0u­bue­h­ne.com.

Fo­to: Gábor Hól­los

An­ka Bai­er-lie­be in „Land­schaft mit Kö­nigs­töch­tern“.

Fo­to: D0vid Reis­ler

Zu­rück in Leip­zig: An­ka Bai­er-lie­be, Schau­büh­ne-mit­grün­de­rin.

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