„In der Phi­lo­so­phie gibt es kei­ne Ta­bus“

Wie weiß der Ap­fel­kern, dass aus ihm ein Baum wird? Der­ar­ti­gen Fra­gen geht Kris­ti­na Cal­vert in ih­ren Kin­der-phi­lo­so­phie-kur­sen nach. Die Päd­ago­gin setzt sich auch für den phi­lo­so­phi­schen Drei­schritt an Schu­len ein: Sel­ber­den­ken, Mit­ein­an­der­den­ken, Wei­terd

Leipziger Volkszeitung - - Familie - In­ter­view: Kerstin Hergt

Es gibt in Deutschland vie­le An­bie­ter von Phi­lo­so­phie­kur­sen für Kin­der. Auch Sie ge­ben wel­che. Da­bei ha­ben Kin­der doch ein ganz na­tür­li­ches Ver­hält­nis zur Phi­lo­so­phie: Sie sind Meis­ter dar­in, ihr Le­bens­um­feld stän­dig zu hin­ter­fra­gen. Wo­zu brau­chen sie noch Work­shops und Se­mi­na­re?

Weil sie zu Hau­se nicht im­mer be­frie­di­gen­de Ant­wor­ten auf ih­re Fra­gen be­kom­men. Mal fehlt El­tern bei al­ler Lie­be die Zeit da­für, mal die Ge­duld, mal auch die Fä­hig­keit, die Fra­gen ih­res Kin­des rich­tig ein- und wert­zu­schät­zen. Das fra­gen­de Kind will nicht im­mer nur Ant­wor­ten, es sucht auch das Ge­spräch, die Dis­kus­si­on. Da­bei geht es um das Sel­ber­den­ken, das Mit­ein­an­der­den­ken und das Wei­ter­den­ken. Das be­zeich­net man als phi­lo­so­phi­schen Drei­schritt.

Wie kön­nen El­tern im All­tag das Sel­ber­und Wei­ter­den­ken för­dern?

El­tern soll­ten sich kei­nes­falls als Bil­dungs­be­auf­trag­te ver­ste­hen und The­men vor­ge­ben. Sie soll­ten viel­mehr Sen­si­bi­li­tät da­für ent­wi­ckeln, was das Kind mit sei­ner je­wei­li­gen Fra­ge ver­folgt: Sucht es Nä­he und Auf­merk­sam­keit, will es ei­ne prag­ma­ti­sche Lö­sung, will es über ein The­ma län­ger nach­den­ken und sich aus­tau­schen? El­tern kön­nen die­ses The­ma dann auf viel­fäl­ti­ge Wei­se ver­tie­fen. Im Ge­spräch oder auch, in­dem sie viel­leicht ei­ne pas­sen­de Ge­schich­te da­zu vor­le­sen. Dar­aus er­ge­ben sich dann Ant­wor­ten oder auch wie­der an­de­re Fra­ge­stel­lun­gen.

Er­wach­se­ne nei­gen da­zu, Kom­men­ta­re von Kin­dern zu be­wer­ten oder Fra­gen ver­meint­lich bes­ser be­ant­wor­ten zu kön­nen. Wie wer­den sie zu gu­ten Zu­hö­rern?

Das ist ei­ne Fra­ge der Ge­sprächs­tech­nik. Auch da­zu gibt es Kurs­for­ma­te. Häu­fig ver­fal­len El­tern ins Mo­no­lo­gi­sie­ren, wenn sie Kin­dern et­was er­klä­ren. Dann schwei­fen sie auch ab von der ei­gent­li­chen Fra­ge oder mei­nen, die­se oder je­ne Fra­ge zu ei­nem be­stimm­ten The­ma sei doch viel bes­ser. In mei­nen Se­mi­na­ren stop­pe ich die El­tern dann im­mer und bit­te sie aus­drück­lich, sich auf die ei­gent­li­che Fra­ge zu be­zie­hen. Es ist wich­tig, Kin­der beim Wort zu neh­men und nicht im­mer ir­gend­et­was in ih­re For­mu­lie­run­gen her­ein­zu­in­ter­pre­tie­ren. Er­wach­se­ne müs­sen ler­nen, mit zwei Oh­ren zu­zu­hö­ren und nicht im­mer au­to­ma­tisch das drit­te Ohr, das ver­meint­lich im­mer al­les wis­sen­de, ein­zu­schal­ten.

„Al­les Phi­lo­so­phie­ren be­ginnt mit dem Stau­nen“, hat Pla­ton ge­sagt. Ge­fähr­den Di­gi­ta­li­sie­rung und Me­di­en­kon­sum die Fä­hig­keit zum Stau­nen?

Ganz klar: Nein! Kin­der spie­len Com­pu­ter­spie­le, kon­su­mie­ren Fil­me, Co­mics und Vi­de­os. Das ist heu­te nor­mal. Die Kunst des Phi­lo­so­phie­rens be­steht dar­in, die ge­gen­wär­ti­ge Deu­tungs­ho­heit mit ein­zu­be­zie­hen. Phi­lo­so­phie­ren be­deu­tet wört­lich über­setzt „Freund der Weis­heit“. Ich stel­le den Kin­dern im­mer die Fra­ge: Wel­che Wei­sen kom­men denn in eu­ren Bü­chern oder Spie­len vor? In der Re­gel sind das ei­ne gan­ze Men­ge. Ein Pa­ra­de­bei­spiel ist Meis­ter Yo­da aus „Star Wars“.

Sind phi­lo­so­phie­ren­de Kin­der ein ty­pisch bil­dungs­bür­ger­li­ches Phä­no­men?

Nein. Mei­ne em­pi­ri­schen Un­ter­su­chun­gen für mei­ne Dok­tor­ar­beit ha­be ich auf der Ree­per­bahn un­ter­nom­men. Ich ar­bei­te auch viel mit Ver­ei­nen und Schu­len in so­zia­len Brenn­punk­ten. Nach 25 Jah­ren Be­rufs­er­fah­rung kann ich sa­gen, dass die Fä­hig­keit und der Spaß am Phi­lo­so­phie­ren rein gar nichts mit dem Bil­dungs­ni­veau zu tun ha­ben. Gera­de Kin­der mit ei­ner schwie­ri­gen Bio­gra­fie, neh­men Sie zum Bei­spiel Flücht­lin­ge, ha­ben tief­ge­hen­de Fra­gen.

Hilft denn Phi­lo­so­phie, mit erns­ten All­tags­pro­ble­men fer­tig­zu­wer­den?

Phi­lo­so­phie ist kei­ne The­ra­pie­form, aber sie be­fä­higt da­zu, mich mei­nes Ver­stan­des zu be­die­nen. Das kann Halt ge­ben und in­ne­re Zuf­rie­den­heit.

Aber braucht es nicht Zu­hö­rer oder bes­ser noch ei­nen Mo­de­ra­tor, um die­se Fä­hig­keit zu för­dern und zu fes­ti­gen? Wer un­ter­stützt Kin­der, de­ren El­tern nicht in der La­ge da­zu sind?

Die Schu­len sind ge­fragt. Ich bil­de ja auch selbst Leh­rer aus. Un­ab­hän­gig vom Fach soll­te sich je­der Leh­rer auf das phi­lo­so­phi­sche Er­ör­tern von Fra­gen sei­ner Schü­ler ein­las­sen. „Wie weiß der Ap­fel­kern, dass aus ihm ein Ap­fel­baum wird?“Solch ei­ne Fra­ge kann so­wohl bio­lo­gisch als auch zu­sätz­lich phi­lo­so­phisch er­ör­tert wer­den. Es hilft, den Lehr­stoff bes­ser zu durch­drin­gen und zu ver­in­ner­li­chen.

Wie weit ver­brei­tet ist denn be­reits das Phi­lo­so­phie­ren im Un­ter­richt?

Es soll­te wei­ter als in­ter­dis­zi­pli­nä­rer Be­stand­teil aus­ge­baut wer­den. Aber wir sind be­reits auf ei­nem gu­ten Weg.

Das In­ter­net ist ein Rat­ge­ber-el­do­ra­do. Wie fin­de ich Freun­de, wie wer­de ich glück­lich? Der­art phi­lo­so­phi­sche Fra­gen kann man goo­geln und fin­det tau­sen­de Ant­wor­ten. Wie lässt sich Kin­dern ver­mit­teln, ei­ge­ne Ant­wor­ten zu fin­den?

Die Kin­der ler­nen schnell, dass sie letzt­lich die Ant­wor­ten auch hin­ter­fra­gen müs­sen. Stimmt das? Was ist wahr? Was ist über­haupt Wahr­heit? Schon sind sie wie­der im ei­ge­nen Denk­pro­zess. Das führt auch zu Frus­tra­ti­on, wenn man trotz vie­ler Ant­wort­mög­lich­kei­ten nicht wirk­lich wei­ter kommt. Aber es hilft eben auch, ei­ne ge­wis­se Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz zu ent­wi­ckeln. Am En­de ist das In­ter­net viel­leicht auch nicht im­mer das rich­ti­ge Me­di­um. Die Kin­der kom­men dann ganz von selbst drauf, dass sie mit ei­nem Buch viel­leicht bes­ser be­dient sind.

Das Fra­gen­stel­len und For­mu­lie­ren von ei­ge­nen Ant­wor­ten er­for­dert doch auch Mut und Selbst­be­wusst­sein. Wie kann man gera­de äl­te­re Kin­der da­zu brin­gen, sich dies­be­züg­lich nicht zu scheu­en?

Schon die al­ten Grie­chen ha­ben sich Fra­gen wie „Gibt es ei­nen Wort­ma­cher?“ge­stellt. Tri­via­le, kind­li­che Fra­gen ma­chen das We­sen der Phi­lo­so­phie aus. Es gibt kei­ne Ta­bus, son­dern gren­zen­lo­sen Denk­frei­raum.

Be­steht nicht gera­de bei Fra­gen rund um Tod oder Lie­be auch Angst vor Ant­wor­ten?

Angst ha­ben vor al­lem die Er­wach­se­nen. Wer phi­lo­so­phiert, muss sich klar­ma­chen, dass man über ein The­ma spricht. Das ist in Sa­chen Tod in un­se­rer Kul­tur lei­der nicht selbst­ver­ständ­lich. Kin­der ge­hen da un­ver­krampft her­an, wäh­rend Er­wach­se­ne da­zu nei­gen, in ei­nen Be­trof­fen­heits­tau­mel zu ver­fal­len.

Wie viel Emo­ti­on ver­trägt denn Phi­lo­so­phie?

Die Phi­lo­so­phie lädt da­zu ein, Emo­tio­nen in Wor­te zu fas­sen oder auch an­de­re Aus­drucks­for­men zu fin­den. Sie ist ein Hort der Krea­ti­vi­tät. Schon Goe­the hat sich sein Wis­sen nicht nur er­le­sen. Um die Wol­ken zu ver­ste­hen, hat er sie auch ge­malt und ein Ge­dicht über sie ge­schrie­ben. Es ist die Er­wei­te­rung un­se­res Ver­stan­des, wenn wir uns ei­ner Fra­ge auf viel­fäl­ti­ge Wei­se nä­hern.

Gibt es The­men, die Kin­der und Ju­gend­li­che im­mer wie­der be­schäf­ti­gen?

Tat­säch­lich sind es zwei The­men, die im Vor­der­grund ste­hen: die Fra­ge nach der ei­ge­nen Iden­ti­tät: Wer bin ich? Und die Aus­ein­an­der­set­zung mit Freund­schaft: Was ist ein Freund? Da hat sich seit Aris­to­te­les, der sich auch schon in­ten­siv da­mit be­fass­te, nicht viel ge­än­dert.

Fo­to: istock

Die gro­ßen Fra­gen des Le­bens: „Wer bin ich?“und „Was ist ein Freund?“be­schäf­ti­gen auch heu­te noch, wie einst schon Aris­to­te­les, vie­le Kin­der.

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