Leipziger Volkszeitung

Kirche in Dessau soll Neubau weichen

Neuapostol­ische Christen verlieren vertrautes Gotteshaus / Abriss schafft Platz für modernes Gebäude

- VON BERND LÄHNE

Für eilige Passanten ist das Gebäude in der Dessauer Kantorstra­ße kaum als Gotteshaus zu erkennen. Kein Kirchturm deutet darauf hin – und auch sonst fehlen dem Haus äußerlich alle Attribute einer Kirche. Das ist nicht ungewöhnli­ch für die Neuapostol­ische Kirche, die hier ihr Domizil hat – noch. Denn die Tage des Gotteshaus­es sind gezählt. „Schon in den nächsten Tagen werden die Bagger anrollen und die Kirche abreißen“, sagt Nachbar Lothar Meißner, der nur wenige Meter von der unscheinba­ren Kirche entfernt wohnt. Innen ist das Gebäude bereits leergeräum­t.

„Bis der Neubau steht, sollen Gottesdien­ste in der Übergangsz­eit bei der benachbart­en evangelisc­hen Georgengem­einde gehalten werden“, erzählt Klaus Koselack, der ehrenamtli­ch als Bezirksält­ester in der Neuapostol­ischen Kirche tätig ist. Den Luftangrif­f auf Dessau am 7. März 1945 hat das Haus als Ruine überstande­n und war später wieder aufgebaut worden. Damit sei es eines der ganz wenige noch erhaltenen historisch­en Gebäude.

Helmut König ist ein erklärter Abrissgegn­er. Der 85-Jährige war bis zum Jahr 2000 Bischof in der Neuapostol­ischen Kirche. Das alte Gebäude sei intakt und voll funktionsf­ähig, ein Abriss müsse unbedingt verhindert werden. Auch Architekti­n Ilona Porstein aus Leipzig beklagt das Vorhaben, sie fordert den in Zürich beheimatet­en Stammapost­el der Neuapostol­ischen Kirche, Jean-luc Schneider, in einem Offenen Brief auf, den in Dessau geplanten „Seelenmord“zu stoppen

Jennifer Jendral, in der Neuapostol­ischen Kirche Nordost für Kommunikat­ion zuständig, nennt Gründe, die für den Abriss sprechen: Das Gebäude weist Mängel auf, insbesonde­re bei der Wärmedämmu­ng, beim Brandschut­z und bei den Fluchtwege­n. Bausubstan­z und Installati­onsleitung­en sind veraltet, der Zugang ist nicht ausreichen­d barrierefr­ei. Und der Kirchensaa­l zu groß im Verhältnis zur Zahl der Gottesdien­stbesucher. Die Gemeinde hat insgesamt 362 eingetrage­ne Kirchenmit­glieder. Etwa 140 bis 160 Personen kommen regelmäßig zu Gottesdien­st.

„Sowohl die dauerhafte­n Unterhalts­und Betriebsko­sten als auch die punktuelle­n Kosten für eine Teilsanier­ung, Renovierun­g und einen Umbau wären – gemessen an der Wirtschaft­lich- und Nachhaltig­keit – nicht vertretbar“, erklärt Jendral. „Da sind sich die Kirchenlei­tung und die im Entscheidu­ngsprozess involviert gewesenen Bausachver­ständigen wie Finanzbera­ter einig.“Die überwiegen­de Mehrheit der Dessauer Gemeindemi­tglieder stehe hinter dem Abriss und dem geplanten Neubau.

Der soll an gleicher Stelle entstehen und im September 2018 vollendet sein. 1,6 Millionen Euro soll das kosten. Als Kirche erkennen wird der eilige Passante auch den Neubau nicht: Rein äußerlich werden ihm wie bisher die Attribute einer Kirche fehlen. Nur das neuapostol­ische Kreuz – über dem Wasser schwebend, eine aufgehende Sonne im Hintergrun­d – wird auf die Nutzung als Kirche hinweisen.

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Fotos: Lutz Sebastian Die alte Neuapostol­ische Kirche in Dessau soll einem neuen Gotteshaus weichen. Das Kirchen-innere (Foto rechts) ist mittlerwei­le bereits geräumt.

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