Cha­mä­le­on und Vie­leskön­ner

Begna­de­ter Mu­si­ker, Pro­du­zent, ewi­ges Spiel­kind: der Leip­zi­ger Hen­drik „Hen­ne“Bertram

Leipziger Volkszeitung - - Szene Leipzig / Kultur - VON MARK DA­NI­EL www.hen­drik-bertram.de

In ei­nem Raum­schiff muss es un­ge­fähr so aus­se­hen wie in die­ser Ka­bi­ne. Hen­drik Bertram sitzt vor ei­ner irr­wit­zi­gen Zahl klei­ner Reg­ler, Schal­ter und He­bel. Di­oden leuch­ten und blin­ken, da­ne­ben sind Bild­schir­me un­ter­schied­li­cher Grö­ße pos­tiert, auf Klang-dia­gram­men tür­men sich Wel­len oder ver­eb­ben. Und je­den Mo­ment könn­te es sein, dass die­se Kap­sel ab­hebt. Wenn es nach Bertram gin­ge, wä­re er der Letz­te, der nicht be­reit wä­re für die­ses Aben­teu­er, aber schließ­lich sitzt er ja doch nur in ei­nem Ton­stu­dio. In sei­nem Ton­stu­dio. Denn wenn Hen­drik „Hen­ne“Bertram nicht ge­ra­de mit ei­ner der vie­len Bands un­ter­wegs ist, mit de­nen er spielt, dann zau­bert er Ar­ran­ge­ments, küm­mert sich ums Mas­te­ring für neue Al­ben, be­ar­bei­tet Fil­me – oder gibt sei­nem Af­fen Zu­cker und spielt mit Stim­me und Ef­fek­ten.

Der 48-Jäh­ri­ge zählt in Ken­ner­krei­sen zu den bes­ten Bas­sis­ten, min­des­tens von Leip­zig, und des­sen Mu­si­ker­sze­ne ist be­kann­ter­ma­ßen ziem­lich groß. Auf sei­ner Web­site ste­hen fast 40 ver­schie­de­ne Pro­jek­te, an de­nen er be­tei­ligt war oder ist. Dar­un­ter fin­den sich Grö­ßen des Jazz wie Pe­ter Her­bolz­hei­mer, Ka­ba­rett-lieb­lin­ge wie Katrin Weber und Tom Pauls, das Va­rie­té in Stutt­gart oder Do­nald Birds „Black­bird“-jaz­zer in den USA. Hier­hin ver­schlug es den ge­bür­ti­gen Leip­zi­ger, der als Ju­gend­li­cher Gi­tar­ren- und Kla­vier-un­ter­richt nahm, in ers­ten Bands spiel­te, spä­ter an der Be­zirks­mu­sik­schu­le an Bass­gi­tar­re und Kon­tra­bass aus­ge­bil­det wur­de und kurz nach dem Mau­er­fall sein Stu­di­um an der Hoch­schu­le für Mu­sik und Thea­ter in den­sel­ben Fä­chern be­gann.

An der Jack­son Sta­te Uni­ver­si­ty in Mis­sis­sip­pi lernt er zwei Jah­re. „Ich war der ein­zi­ge Wei­ße un­ter vie­len schwar­zen Mu­si­kern“, er­in­nert er sich mit ei­nem Schmun­zeln, „das war schräg – und ei­ne un­glaub­lich tol­le, in­spi­rie­ren­de Zeit“, ei­ne Er­kun­dung durch die Ge­heim­nis­se der Klang­land­schaf­ten von Jazz, Gos­pel und Coun­try. „Ich lie­be al­le die­se Mu­sik­rich­tun­gen, ne­ben Klas­sik und Rock“.

Zu­rück in der Hei­mat macht Bertram sein Di­plom, lehrt zehn Jah­re lang an der Mu­sik­schu­le in Wur­zen. An­no 2002 er­füllt er sich ei­nen sei­ner größ­ten Wün­sche: Er er­öff­net ein Ton­stu­dio. „Mein Le­ben be­stand stets aus Mu­sik, und das hier war schon im­mer mein Traum“, schwärmt „Hen­ne“, und man glaubt ihm je­de Sil­be, wenn er hin­ter­her schiebt: „Ich ge­nie­ße je­den Tag, an dem ich hier sit­zen und ar­bei­ten kann. Ich bin dank­bar da­für, dass ich so tol­le In­stru­men­te ha­ben darf.“

Der Spaß, den er an al­lem spürt, führt ge­le­gent­lich zu Spiel­chen ab­seits der Pro­duk­ti­ons­auf­trä­ge. Aus Jux hat Bertram ei­nen Kra­cher im Rammstein-stil kom­plett selbst ge­baut – mit ent­spre­chend rat­tern­den Gi­tar­ren, ge­walt­fan­ta­sie­vol­len Tex­ten und ver­stell­ter Stim­me, die dem tie­fen Grol­len von Till Lin­de­mann fas­zi­nie­rend na­he kommt. „Ich mach halt gern Quatsch“, kom­men­tiert er grin­send und spielt noch ei­nen un­erns­ten Ki­no­trai­ler­spruch, ei­nen Aus­schnitt aus „ei­nem sinn­lo­sen Hör­spiel“und sich als Show­mas­ter im Sams­tag­abend-fern­seh-ap­plaus ab. Ach ja, und noch ei­ne Ra­dio­an­sa­ge in wasch­ech­tem Kau­gum­mi-ame­ri­ka­nisch.

Ein Spiel­kind, das es liebt, die Wirk­lich­keit zu imi­tie­ren. Ein Typ mit jun­gen­haf­tem Ge­sicht, der gern lä­chelt, be­reit ist für Strei­che wie für Groß­ta­ten, mit un­auf­ge­räum­tem Haar, als sei er ge­ra­de erst auf­ge­stan­den. Ein Cha­mä­le­on und ein Vie­leskön­ner. Auf Wunsch kre­iert Bertram Ra­dio­trai­ler, pro­du­ziert pro­fes­sio­nel­le Mu­sik­vi­de­os, Wer­be­fil­me oder Jingles. Ne­ben dem Bass spielt er Kla­vier, Trom­pe­te, Schlag­zeug und singt. Und all das ver­dammt gut.

„Hen­ne ist ver­mut­lich der mu­si­ka­lischs­te Mensch, den ich ken­ne“, kon­sta­tiert Kostas Kipu­ros, Gi­tar­rist der Band Zap­fen, die in Bert­rams Stu­dio mal ei­ne De­mo-cd ein­spiel­te, „er ent­lockt je­dem In­stru­ment ei­ne Me­lo­die. Am meis­ten haut mich sein Groo­ve um, da macht ihm kei­ner et­was vor. Und herr­lich her­umal­bern kann man mit ihm auch noch.“

Ein ziem­lich voll­ge­stopf­tes, hob­by­es­kes Be­rufs­le­ben hat die­ser Mann. Zwi­schen Stu­dio-auf­trä­gen – Kun­den kom­men aus al­len Spar­ten von Klas­sik bis Hea­vy Me­tal – und zwi­schen Mug­gen: für Pauls/weber, die Open Mic Band, für Micha­el Ar­nold & Fri­ends oder die in­ter­na­tio­nal tou­ren­de Chris Gen­te­man Group. Auf Ab­stand von al­lem geht „Hen­ne“, wenn er ur­laubt. Dann schal­tet er die tech­ni­sier­te Welt völ­lig ab, wan­dert oder fährt an die Ost­see.

Vi­el­leicht holt er dort dies­mal Luft für die Um­set­zung ei­ner wei­te­ren, lan­ge ge­plan­ten Her­zens­sa­che: Seit rund acht Jah­ren ste­cken Songs für ein ei­ge­nes Al­bum im Rech­ner, auf de­nen Bertram meis­ter­haft den loun­gi­gen Sound ze­le­briert: Smooth Jazz zum Hin­ein­le­gen. Kost­pro­ben hat er in ei­ne Sound­cloud sei­ner Web­site ge­hängt. „Die Stü­cke müs­sen noch ge­mas­tert wer­den, aber da­für brauch’ ich Zeit.“In die­sem Som­mer, hat er sich vor­ge­nom­men, will er das Lang­zeit­pro­jekt ab­schlie­ßen. Und vi­el­leicht steht ir­gend­wann und ir­gend­wo an­no 2017 die Hen­drik Bertram Band auf ei­ner Büh­ne, um ent­spannt zu jaz­zen. „Ja, das müss­te wirk­lich ge­macht wer­den“, fin­det „Hen­ne“und beugt sich wie­der über die Reg­ler sei­nes Raum­schiffs. „Aber jetzt ist erst­mal das Pro­jekt für Ste­phan Kö­nig und Micha Ar­nold dran.“Dann ent­schwin­det Hen­drik Bertram. Auf ins nächs­te Klan­g­uni­ver­sum.

Fo­to: HB

Spiel- und Ar­beits­feld mit un­zäh­li­gen Reg­lern: Hen­drik Bertram in sei­nem Stu­dio.

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