Bei der In­te­gra­ti­on läuft et­was schief

Leipziger Volkszeitung - - Erste Seite - VON MARINA KORM­BAKI po­li­tik@lvz.de

F ür ih­ren Weg von Istan­bul nach Mün­chen brauch­ten die Gas­t­ar­bei­ter­zü­ge in den frü­hen Sech­zi­gern mehr als ei­ne Wo­che. Manch ein Pas­sa­gier und sei­ne Nach­fah­ren sind bis heu­te nicht in Deutsch­land an­ge­kom­men – die­sen Schluss zie­hen jetzt vie­le aus der Zu­stim­mung, die das au­to­ri­tä­re Prä­si­di­al­sys­tem des Re­cep Tay­yip Er­do­gan bei Deut­schtür­ken fin­det. Der Aus­gang des Ver­fas­sungs­re­fe­ren­dums hat bei ih­nen den Ein­druck auf­kom­men las­sen, die Tür­ken in Istan­bul, An­ka­ra und Iz­mir stün­den ih­nen nä­her als die Lands­leu­te in Es­sen, Han­no­ver und Mün­chen. Wäh­rend die Bür­ger der tür­ki­schen Me­tro­po­len den All­machts­ge­lüs­ten ih­res Prä­si­den­ten mehr­heit­lich ein Nein ent­ge­gen­setz­ten, wur­den die Deut­schtür­ken aus be­que­mer Ent­fer­nung zu Er­fül­lungs­ge­hil­fen ei­nes Po­li­ti­kers, der sei­ne Kri­ti­ker zu Ter­ro­ris­ten er­klärt und sie als sol­che be­han­delt. Wenn 63 Pro­zent der Deut­schtür­ken ei­nen Mann un­ter­stüt­zen, der die Bun­des­re­pu­blik mit Na­zideutsch­land gleich­setzt, ist In­te­gra­ti­on ge­schei­tert, lau­tet jetzt die gän­gi­ge Ana­ly­se. Doch sie ist zwei­fach un­zu­tref­fend.

Ers­tens: Es ha­ben nicht 63 Pro­zent al­ler Deut­schtür­ken für Er­do­gan und sei­nen Staats­um­bau ge­stimmt. In Deutsch­land le­ben 3,5 Mil­lio­nen Men­schen mit tür­ki­schen Wur­zeln. Da­von ha­ben 1,5 Mil­lio­nen die tür­ki­sche Staats­bür­ger­schaft, sind al­so ab­stim­mungs­be­rech­tigt. Von ih­nen gin­gen nur 46 Pro­zent ins Wahl­lo­kal – die wie­der­um zu 63 Pro­zent für die Ver­fas­sungs­än­de­rung stimm­ten. Ge­wiss: Die Zah­len sa­gen nichts dar­über aus, wie je­ne Deut­schtür­ken den­ken, die nicht ab­stim­men durf­ten oder woll­ten. Sie las­sen aber auch nicht den Schluss zu, dass die rund 435 000 Ja-sa­ger „die Tür­ken“re­prä­sen­tier­ten, die nun in ih­rer Ge­samt­heit zu be­stra­fen sei­en, et­wa mit dem Ent­zug der dop­pel­ten Staats­bür­ger­schaft.

Zwei­tens: Un­ter den tür­ki­schen Ja­sa­gern in Deutsch­land fin­den sich kei­nes­wegs nur die Ab­ge­häng­ten. Die gibt es auch. Aber auf den Wer­be­ver­an­stal­tun­gen im Vor­feld des Re­fe­ren­dums wim­mel­te es von jun­gen Aka­de­mi­kern; Un­ter­neh­mer zäh­len zu den rüh­rigs­ten Lob­by­is­ten von Er­do­gan und sei­ner AKP. Wie in der Tür­kei fin­det Er­do­gan auch in Deutsch­land gro­ßen Zu­spruch bei Auf­stei­gern. Hin­ter for­ma­le In­te­gra­ti­ons­kri­te­ri­en wie Bil­dung und Be­schäf­ti­gung kann man bei die­sen Leu­ten ei­nen di­cken Ha­ken set­zen.

Ih­re So­zia­li­sa­ti­on zeigt al­ler­dings auf, wo Bund, Län­der und Kom­mu­nen drin­gend an­set­zen müs­sen. Ih­re Wer­te­er­zie­hung ha­ben Er­do­gans An­hän­ger in Deutsch­land dort er­hal­ten, wo der Staat au­ßen vor bleibt: in den Mo­sche­en des Ver­eins Ditib, von Ima­men und Sprach­leh­rern, die von der tür­ki­schen Re­gie­rung ent­sandt sind. Für den deut­schen Staat war es be­quem, den Sprach- und Re­li­gi­ons­un­ter­richt der tür­ki­schen Ge­mein­de zu über­las­sen. Doch wer sich ernst­haft um die In­te­gra­ti­on der Deut­schtür­ken sorgt, muss das än­dern.

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