Ja­sa­ger ent­fa­chen In­te­gra­ti­ons­de­bat­te

Kri­tik An ho­her Un­ter­stüt­zung un­ter Deut­schtür­ken für Prä­si­dent Er­do­gan

Leipziger Volkszeitung - - Politik - VON MARINA KORM­BAKI

BER­LIN.

Die gro­ße Zu­stim­mung der Deut­schtür­ken zum Prä­si­di­al­sys­tem in der Tür­kei hat ei­ne brei­te De­bat­te über In­te­gra­ti­ons­de­fi­zi­te aus­ge­löst. Po­li­ti­ker al­ler im Bun­des­tag ver­tre­te­nen Par­tei­en äu­ßer­ten am Di­ens­tag Be­dau­ern so­wie Un­ver­ständ­nis für das Mehr­heits­vo­tum der Deut­schtür­ken, die sich zu 63 Pro­zent für ei­ne Aus­wei­tung der Macht­be­fug­nis­se des tür­ki­schen Prä­si­den­ten aus­ge­spro­chen hat­ten.

Aus der CSU wer­den er­neut For­de­run­gen nach der Ab­schaf­fung des Dop­pel­pas­ses laut. „Wir brau­chen die Rück­kehr zum be­währ­ten Op­ti­ons­mo­dell. Der deut­sche Pass ist kein Ram­schar­ti­kel, den man ne­ben der Staats­bür­ger­schaft des Her­kunfts­lan­des mal noch mit­nimmt“, sag­te Csu-ge­ne­ral­se­kre­tär Andre­as Scheu­er. Die In­te­gra­ti­ons­be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung, Ay­dan Özo­guz (SPD), warn­te hin­ge­gen vor pau­scha­len Ant­wor­ten und be­män­gel­te Ver­säum­nis­se in der In­te­gra­ti­ons­po­li­tik der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te.

Grü­nen-chef Cem Öz­de­mir er­klär­te, wer wol­le, dass die Zahl der Er­do­gan-an­hän­ger zu­rück­ge­he, der sol­le sich Ge­dan­ken um die Bil­dungs­po­li­tik ma­chen, „da­mit Kin­der, die in Deutsch­land auf die Schu­le ge­hen, er­folg­rei­cher wer­den“. Er sieht aber auch die Deut­schtür­ken in der Pflicht: „Ein Teil der Deut­schtür­ken muss sich kri­ti­sche Fra­gen ge­fal­len las­sen.“Sie ge­nös­sen in Deutsch­land die Vor­tei­le der De­mo­kra­tie, rich­te­ten in der Tür­kei aber ei­ne Dik­ta­tur ein. Der Bun­des­re­gie­rung riet Öz­de­mir im Deutsch­land­funk zu ei­nem Kurs­wech­sel im Um­gang mit An­ka­ra: „Al­les, was nach An­ka­ra geht, was dem Er­do­gan-re­gime nutzt, so­fort auf null.“Dies um­fas­se so­wohl Eu-struk­tur­hil­fen, die der Tür­kei als Bei­tritts­kan­di­dat zu­ste­hen, als auch mi­li­tä­ri­sche Zu­sam­men­ar­beit, et­wa am Luft­waf­fen­stütz­punkt In­cir­lik.

Da­mit han­del­te sich der Grü­nen-chef Kri­tik von un­er­war­te­ter Stel­le ein. Die Tür­ki­sche Ge­mein­de Deutsch­land (TGD), selbst um Kri­tik an Er­do­gan und der AKP nicht ver­le­gen, wirft Öz­de­mir ei­ne Mit­ver­ant­wor­tung für das Ab­stim­mungs­ver­hal­ten vie­ler Deut­schtür­ken beim tür­ki­schen Ver­fas­sungs­re­fe­ren­dum vor. „Statt mit tür­ki­scher In­nen­po­li­tik soll­te sich Öz­de­mir mehr mit der Si­tua­ti­on der Tür­kei­stäm­mi­gen in Deutsch­land be­schäf­ti­gen. Sei­ne mit­un­ter pau­scha­le Kri­tik an der Tür­kei hat vie­le Tür­ken in Deutsch­land erst da­zu be­wo­gen, für Er­do­gan zu stim­men“, sag­te der Vor­sit­zen­de Gö­kay So­fuog­lu dem Re­dak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land (RND). Zwar be­grü­ße er Öz­de­mirs Vor­stoß, mehr in Bil­dung zu in­ves­tie­ren. „Aber Cem Öz­de­mir ist Vor­sit­zen­der ei­ner Par­tei, die in elf Bun­des­län­dern mit­re­giert – die Grü­nen hät­ten längst mehr tun kön­nen für die Bil­dungs­chan­cen und die In­te­gra­ti­on der Tür­kei­stäm­mi­gen.“

Zu­gleich warn­te auch er vor Pau­schal­ur­tei­len. Er­do­gan ge­nie­ße in ganz un­ter­schied­li­chen deutsch-tür­ki­schen Mi­lieus Rück­halt: „Die Ja­sa­ger in Deutsch­land las­sen sich nicht über ei­nen Kamm sche­ren. Un­ter ih­nen sind Bil­dungs­fer­ne, die vie­le St­un­den am Tag da­mit zu­brin­gen, Er­do­gans Het­ze ge­gen Eu­ro­pa im tür­ki­schen TV zu ver­fol­gen. Zu sei­nen Un­ter­stüt­zern zäh­len aber auch vie­le Aka­de­mi­ker und Un­ter­neh­mer, die sich aus ih­rer Nä­he zur AKP Vor­tei­le er­hof­fen.“

Wäh­rend Csu-po­li­ti­ker die Ein­schrän­kung der Rech­te von Tür­kei­stäm­mi­gen for­dern, sind von den Grü­nen Stim­men zu hö­ren, die ei­ne stär­ke­re Ein­bin­dung fa­vo­ri­sie­ren. So schlägt Bun­des­tags­vi­ze­prä­si­den­tin Clau­dia Roth vor, das kom­mu­na­le Wahl­recht nicht nur Eu-bür­gern zu­zu­ge­ste­hen, son­dern auch Men­schen tür­ki­scher Her­kunft: „Das wä­re ein Zei­chen der Gleich­be­rech­ti­gung.“

Die Tür­ki­sche Ge­mein­de Deutsch­land un­ter­stützt die­sen Vor­stoß. Die Po­li­tik in Deutsch­land sol­le auf hier le­ben­de Er­do- gan-be­für­wor­ter zu­ge­hen und sie nicht aus­gren­zen oder gar an­pran­gern, meint ihr Vor­sit­zen­der So­fuog­lu. „Um die Er­run­gen­schaf­ten der De­mo­kra­tie wert­schät­zen zu kön­nen, muss man von ih­nen Ge­brauch ma­chen dür­fen. Die Aus­wei­tung des Kom­mu­nal­wahl­rechts wä­re hier­zu ei­ne Mög­lich­keit“, sag­te So­fuog­lu dem RND und be­ton­te: „Ganz be­stimmt nicht hilf­reich sind hin­ge­gen Auf­for­de­run­gen zur Rück­kehr in die Tür­kei.“

Der Wahl­for­scher Joa­chim Schul­te sieht das Ab­stim­mungs­ver­hal­ten der Deut­schtür­ken nicht als Be­leg für ei­ne ge­schei­ter­te In­te­gra­ti­on. Un­ter dem Strich ha­be nur ein klei­ner Teil tat­säch­lich Ja ge­sagt, sag­te der Ge­schäfts­füh­rer des deutsch-tür­ki­schen Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts Da­ta 4U. Nur die Hälf­te der Wahl­be­rech­tig­ten ha­be ab­ge­stimmt.

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