8. Ju­ni: May­day in Lon­don

Die bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May legt ei­ne 180-Grad-kur­ve hin: Sie will nun doch vor­ge­zo­ge­ne Neu­wah­len. Für die­ses über­ra­schen­de Ma­nö­ver hat sie sehr gu­te Grün­de.

Leipziger Volkszeitung - - Blickpunkt S - VON KA­TRIN PRI­BYL UND MARINA KORM­BAKI

Vor­ge­zo­ge­ne Neu­wah­len? Nein, die wird es nicht ge­ben. Im­mer wie­der seit ih­rem Amts­an­tritt im Ju­li vo­ri­gen Jah­res gab die bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May der Pres­se die­se Ant­wort. Zu­letzt moch­ten die Lon­do­ner Jour­na­lis­ten schon gar nicht mehr da­nach fra­gen. Das The­ma schien sich er­le­digt zu ha­ben, es war lang­wei­lig.

Nun die kras­se Kehrt­wen­dung: Am 8. Ju­ni sol­len die Bri­ten doch vor­zei­tig über ein neu­es Par­la­ment ab­stim­men, kün­dig­te die Re­gie­rungs­che­fin ges­tern völ­lig über­ra­schend an.

Es war ein Pau­ken­schlag für die bri­ti­sche Po­li­tik. May ist nach ei­ge­nen Wor­ten die Viel­zahl al­ter und neu­er po­li­ti­scher De­bat­ten rund um den Br­ex­it leid: Die Par­la­ments­wahl im Ju­ni soll ihr, ein Jahr nach dem Re­fe­ren­dum vom vo­ri­gen Jahr, mehr Macht und ge­nü­gend Zeit ver­schaf­fen, um das Aus­schei­den Groß­bri­tan­ni­ens aus der EU auch tat­säch­lich durch­zu­set­zen.

„Das Land rückt zu­sam­men“, sag­te May am Di­ens­tag, „aber West­mins­ter tut das nicht.“Noch im­mer ge­be es all­zu viel Durch­ein­an­der im Re­gie­rungs­vier­tel. Die „Un­ei­nig­keit“im Par­la­ment ma­che es schwie­rig für die Re­gie­rung, aus dem Br­ex­it „ei­nen Er­folg zu ma­chen“. Es droh­ten Un­si­cher­heit und In­sta­bi­li­tät, sag­te die Pre­mier­mi­nis­te­rin in ei­ner Er­klä­rung vor der be­rühm­ten Tür mit der Num­mer 10 in Dow­ning Street.

Tat­säch­lich gibt es im Lon­do­ner Par­la­ment wei­ter­hin kei­ne Mehr­heit für ei­nen Aus­tritt aus der EU. Nach wie vor sind die meis­ten Par­la­men­ta­ri­er pro­eu­ro­pä­isch ein­ge­stellt. Und in jüngs­ter Zeit stem­men sich vie­le von ih­nen ins­be­son­de­re ge­gen den von May ein­ge­schla­ge­nen Weg ei­nes har­ten Bruchs mit Brüssel. Die Re­gie­rungs­che­fin will not­falls so­wohl aus der Zoll­uni­on aus­tre­ten als auch den frei­en Zu­gang zum ge­mein­sa­men eu­ro­päi­schen Bin­nen­markt op­fern, um die Ein­wan­de­rung auf die In­sel kon­trol­lie­ren zu kön­nen.

Ei­nen klas­si­schen Grund, Neu­wah­len an­zu­set­zen, hat May ei­gent­lich nicht. Sie hat­te kei­ne Ab­stim­mungs­nie­der­la­gen, ih­re Kon­ser­va­ti­ven bli­cken auf ei­ne aus­rei­chen­de Mehr­heit, und die nächs­te Par­la­ments­wahl hät­te erst im Jahr 2020 an­ge­stan­den.

Ein klug ge­wähl­ter Zeit­punkt

Doch Mays Vor­ge­hen ist smart. Denn es gibt kei­nen bes­se­ren Zeit­punkt für ei­ne Neu­wahl als jetzt – und das hat meh­re­re Grün­de.

Noch im­mer ha­ben die bri­ti­schen Kon­ser­va­ti­ven Rü­cken­wind, noch im­mer be­fin­det sich die op­po­si­tio­nel­le La­bour Par­ty in ei­ner his­to­ri­schen Kri­se. Ak­tu­el­len Um­fra­gen zu­fol­ge wür­den 44 Pro­zent der Bri­ten für die To­ries un­ter May stim­men – was we­gen des bri­ti­schen Mehr­heits­wahl­sys­tems für ei­ne über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der Sit­ze im Par­la­ment rei­chen kann. May wür­de da­mit ih­re Macht­ba­sis noch ver­brei­tern.

En­de März hat­te May den Aus­tritts­an­trag in Brüssel ein­ge­reicht. Mit ei­nem jetzt nach­fol­gen­den fri­schen Vo­tum der Wäh­ler könn­te die Pre­mier­mi­nis­te­rin ih­re ei­ge­ne Au­to­ri­tät stär­ken und re­bel­li­sche Tei­le ih­rer ei­ge­nen Par­tei ru­hig­stel­len.

Noch im­mer ste­hen die ne­ga­ti­ven Kon­se­quen­zen des Eu-aus­tritts den Bri­ten nicht deut­lich vor Au­gen. Der Br­ex­it er­scheint der­zeit noch als schim­mern­des, hoff­nungs­vol­les Pro­jekt. Die da­mit ver­bun­de­nen Nach­tei­le da­ge­gen zeich­nen sich bis­lang nur in un­ge­fäh­ren Um­ris­sen ab, et­wa der Ab­zug von Eu-in­sti­tu­tio­nen, die nö­ti­ge Be­glei­chung bri­ti­scher Schul­den in Brüssel, das Aus­lau­fen von Eu-pro­gram­men in der For­schung und der Ab­zug von Fi­nanz­ar­beits­plät­zen aus Lon­don.

Aus Brüs­se­ler Kom­mis­si­ons­krei­sen ist zu hö­ren, die Br­ex­it-ver­hand­lun­gen könn­ten „noch sehr, sehr häss­lich wer­den“. Nie­mand in der Eu-kom­mis­si­on und auch kei­ner der füh­ren­den Eu-re­gie­rungs­chefs ha­be ein In­ter­es­se da­ran, den Bri­ten ei­nen für sie güns­ti­gen De­al an­zu­bie­ten. May müs­se sich dar­auf ein­rich­ten, in den kom­men­den Jah­ren auf ei­ne höchst un­kom­for­ta­ble Rüt­tel­stre­cke zu ge­ra­ten und ih­ren Wäh­lern vie­le un­an­ge­neh­me Wahr­hei­ten sa­gen zu müs­sen.

Auch in Ber­lin deu­tet man Mays An­sa­ge ei­nes vor­ge­zo­ge­nen Wahl­ter­mins we­ni­ger als Zei­chen von Stär­ke, son­dern eher als den Ver­such, in rau­er See so gut es geht die Schot­ten dicht zu ma­chen.

Nor­bert Rött­gen, Vor­sit­zen­der des Aus­wär­ti­gen Aus­schus­ses im Bun­des­tag, spricht so­gar von ei­nem Aus­druck stra­te­gi­scher Schwä­che: „Mays Wunsch nach Neu­wah­len zeigt, dass die bri­ti­sche Re­gie­rung nicht auf den Br­ex­it vor­be­rei­tet ist. Zu­dem spie­gelt er die Ein­sicht wi­der, dass die Ver­hand­lun­gen sehr schwie­rig wer­den und in ih­rem Aus­gang nicht vor­aus­seh­bar sind.“May ha­be da­her ver­mei­den wol­len, sich schon 2020 wie­der zur Wahl stel­len zu müs­sen. Dies ent­spre­che ei­nem in Lon­don mitt­ler­wei­le wach­sen­den Be­wusst­sein ei­ge­ner Schwä­che.

Zer­schla­gen ha­ben sich jetzt aus Ber­li­ner Sicht al­le lei­sen Hoff­nun­gen auf ei­nen schnel­len Exit vom Br­ex­it. „Das Ge­gen­teil trifft zu“, be­tont Rött­gen. „Mit der An­kün­di­gung von Neu­wah­len sind die Chan­cen für ei­nen Ver­bleib der Bri­ten in der EU auf Null ge­sun­ken.“Zum ers­ten Mal wür­den jetzt die brit­schen Kon­ser­va­ti­ven pro­gram­ma­tisch durch ih­re Pre­mier­mi­nis­te­rin auf den Br­ex­it fest­ge­legt.

Der Spd-ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Ka­ta­ri­na Bar­ley schwant schon Übles mit Blick auf den bri­ti­schen Wahl­ter­min am 8. Ju­ni: „Bis da­hin wird es noch or­dent­lich Eu-ba­shing ge­ben. Al­te Wahl­re­gel: Geg­ner au­ßen stärkt Rück­halt in­nen.“Tat­säch­lich müs­sen die Eu­ro­pä­er nun ein wei­te­res po­li­ti­sches Trom­mel­feu­er auf ih­re Ein­heit und ih­re In­sti­tu­tio­nen aus­hal­ten – ei­gent­lich hat­te man in den Haupt­städ­ten der EU ge­hofft, das Schlimms­te wer­de be­reits am 7. Mai über­stan­den sein, wenn nur ja je­mand an­de­res als die Rechts­po­pu­lis­tin Ma­ri­ne Le Pen in der Stich­wahl zum Prä­si­den­ten Frank­reichs ge­wählt wird.

Der deut­schen Kanz­le­rin passt die Neu­auf­la­ge der bri­ti­schen Br­ex­it-de­bat­te nicht ins Kon­zept. Sie hat­te May dar­um ge­be­ten, im Bun­des­tags­wahl­jahr erst mal den Ball flach zu hal­ten, da­nach wer­de man schon se­hen, wie es wei­ter­geht. Lon­don je­doch heg­te Miss­trau­en ge­gen­über Mer­kel: Man ver­däch­tigt die Kanz­le­rin, sie wol­le ein Ex­em­pel sta­tu­ie­ren und an­de­ren Na­tio­nen vor­füh­ren, wie sehr man un­ter Um­stän­den lei­den muss, wenn man die EU ver­las­sen will.

Der Lehr­film be­ginnt be­reits zu lau­fen. Städ­te über­all in Eu­ro­pa wer­ben der­zeit in ei­ner Art Schön­heits­wett­be­werb um die eu­ro­päi­sche Be­hör­de für Arz­nei­mit­tel­si­cher­heit, die mit ih­ren 1000 Mit­ar­bei­tern Groß­bri­tan­ni­en ver­las­sen wird. Und die Eu-kom­mis­si­on be­wies En­de März ih­ren ganz ei­ge­nen Sinn für Ti­ming, als sie am Tag des Br­ex­it-an­trags ein wett­be­werbs­recht­li­ches Ver­bot der Fu­si­on der Bör­sen von Lon­don und Frank­furt ver­häng­te. Die Bri­ten hat­ten sich zum Ent­set­zen Frank­furts und Hes­sens Lon­don als Sitz der fu­sio­nier­ten Bör­se vor­ge- stellt – in der hes­si­schen Staats­kanz­lei plopp­ten, als die EU ih­re Ent­schei­dung ver­kün­de­te, die Sekt­kor­ken. May pfeift auf dies al­les. Sie spricht über die Vi­si­on von ei­nem „wahr­haft glo­ba­len Groß- bri­tan­ni­en“, das sich im 21. Jahr­hun­dert aus ei­ge- ner Kraft zu völ­lig neu­en Ufern auf­macht – und sie ver­eint da­mit auf ver­blüf- fen­de Art Fort­schritts­gläu- bi­ge mit je­nen, die noch dem un­ter­ge­gan­ge­nen Em­pi­re nach­trau­ern: Bri- tain first. Doch wie lan­ge kann die­se rea­li­täts­fer­ne Eu­pho­rie an­dau­ern? Die Mehr­zahl der Öko­no­men pro­phe­zeit, dass Groß­bri­tan­ni­en die wirt­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen des Eu-aus­tritts noch auf schmerz­li­che Wei­se zu spü­ren be­kom­men wird. Brüssel han­tiert be­reits mit ho­hen Rech­nun­gen. Et­li­che Un­ter­neh­men den­ken laut über ei­nen Weg­zug aus dem Kö­nig­reich nach. Schon jetzt ist das Pfund stark ge­fal­len – dies ver­teu­ert für die Men­schen Le­bens­mit­tel eben­so wie Ur­lau­be im Aus­land. Wohl­stand und Ver- mö­gen vie­ler Bri­ten ha­ben zu sin­ken be­gon­nen.

Von der La­bour Par­ty in­des­sen droht May kei­ne Ge­fahr. De­ren Vor­sit­zen­der Je­re­my Cor­byn fin­det kei­nen kla­ren Kurs zum The­ma EU. Sei­ne So­zi­al­de­mo­kra­ten sind aus­ge­rech­net in je­nen ab­ge­häng­ten Re­gio­nen stark, die mehr­heit­lich für den Br­ex­it ge­stimmt ha­ben. May hofft, durch die Neu­wahl ei­ne wei­te­re Ge­gen­spie­le­rin matt­zu­set­zen: Die schot­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin Ni­co­la Stur­ge­on droht mit ei­nem Re­fe­ren­dum über den Aus­tritt Schott- lands aus dem Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich – doch ein Sieg der Kon­ser­va­ti­ven am 8. Ju­ni auch in Schott­land wür­de Stur­ge­on ei­nen ver­nich­ten­den po­li­ti­schen Schlag ver­set­zen.

Die bri­ti­sche Re­gie­rung ist auf den Br­ex­it­nicht vor­be­rei­tet. Nor­bert Rött­gen, Vor­sit­zen­der des Aus­wär­ti­gen Aus­schus­ses im Bun­des­tag

Fo­to: Get­ty

„Das Land kommt zu­sam­men, aber West­mins­ter tut das nicht“: Vor ih­rem Amts­sitz ver­kün­det The­re­sa May ges­tern Neu­wah­len – um po­li­ti­sche Klar­heit zu schaf­fen.

Pre­mier­mi­nis­te­rin May will bei­de Wi­der­sa­cher am 8. Ju­ni in die Schran­ken wei­sen: La­bour-chef Je­re­my Cor­byn und Schott­lands Pre­mier Ni­co­la Stur­ge­on.

Fo­tos: dpa, ap

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