„Wir müs­sen über of­fe­ne Rech­nun­gen spre­chen“

60 Mil­li­ar­den Eu­ro für den Br­ex­it: Die Bri­ten kön­nen die Fol­gen des „Aben­teu­ers“gar nicht ab­schät­zen, glaubt Burk­hard Balz

Leipziger Volkszeitung - - Blickpunkt S - In­ter­view: Stefan Win­ter

Sie wa­ren gera­de erst zu Ge­sprä­chen in Lon­don, Herr Balz. Ha­ben Sie mit der Neu­wahl ge­rech­net? Grund­sätz­lich ja, aber so früh über­rascht es mich dann doch. Frau May will das Vo­tum der Wäh­ler ha­ben, be­vor die Aus­tritts­ver­hand­lun­gen in die hei­ße Pha­se ge­hen. Sie er­hofft sich da­von die Be­stä­ti­gung ih­rer har­ten Li­nie – die Wäh­ler könn­ten ihr aber auch die Gel­be Kar­te zei­gen. Das wer­den sie­ben span­nen­de Wo­chen. Kommt das Aus­tritts­the­ma noch ein­mal grund­sätz­lich auf den Tisch? Das hängt da­von ab, wie sich die Br­ex­itgeg­ner im Wahl­kampf po­si­tio­nie­ren. Die Re­gie­rung hat zwar den Aus­tritt aus der EU er­klärt, aber nach mei­nem Ein­druck kön­nen die Bri­ten die Fol­gen des Aben-

teu­ers bis­her nicht ein­mal im An­satz ab­schät­zen. Bis­her ist ih­nen vor al­lem ge­sagt wor­den, wie viel Geld ge­spart wer­den kann. Was nicht stimmt?

Die Ver­hand­lun­gen müs­sen da­mit be­gin­nen, dass man über of­fe­ne Rech­nun­gen spricht. Groß­bri­tan­ni­en ist ge­gen­über der EU Ver­pflich­tun­gen für die Zu­kunft ein­ge­gan­gen, die über den Aus­tritt hin­aus wir­ken. Das dürf­ten rund 60 Mil­li­ar­den Eu­ro sein, je nach Ver­hand­lungs­er­geb­nis auch mehr. Das ist der wun­des­te Punkt für die Bri­ten – aber das hat ih­nen na­tür­lich kein Br­ex­it-be­für­wor­ter ge­sagt. Da könn­ten sich die Ver­hand­lun­gen schon am ers­ten Punkt fest­fah­ren. Die Bri­ten woll­ten das The­ma nicht ans En­de der Ver­hand­lun­gen set­zen. Aber die­se Ei­ni­gung muss sein, wenn es ei­nen ei­ni­ger­ma­ßen ge­ord­ne­ten Aus­tritt ge­ben soll. Die Bri­ten wol­len trotz Br­ex­its be­son­ders en­ge Be­zie­hun­gen zur EU be­hal­ten. Be­vor man dar­über re­det, müs­sen die Aus­tritts­be­din­gun­gen ge­klärt sein. In zwei Jah­ren tritt der Br­ex­it so oder so in Kraft. Kann man die Ver­hand­lun­gen bis da­hin ab­schlie­ßen? Vor der Bun­des­tags­wahl im Sep­tem­ber wür­de ich oh­ne­hin nicht mit gro­ßen Wei­chen­stel­lun­gen rech­nen, dann muss man sich auf die Ver­hand­lungs­agen­da ei­ni­gen, die Geld­fra­gen – in­ner­halb von zwei Jah­ren wird es ex­trem schwer. Aber der Zeit­druck ist in ers­ter Li­nie ein Pro­blem der Bri­ten. Das sieht man schon da­ran, dass sie ver­su­chen, gleich zu Be­ginn Über­gangs­re­geln aus­zu­han­deln. Die Re­de ist da­von, dass die bri­ti­schen Ban­ken nach ei­nem Br­ex­it zehn Jah­re pri­vi­um­sonst ZUR PER­SON Burk­hard Balz, Jahr­gang 1969, ist seit 2009 Ab­ge­ord­ne­ter in der Evp-frak­ti­on des Eu­ro­pa­par­la­ments. Der Bank­kauf­mann und Ju­rist be­glei­tet die Br­ex­it-ver­hand­lun­gen als Mit­glied im Aus­schuss für Wirt­schaft und Wäh­rung. Balz ist Frak­ti­ons­spre­cher der Christ­de­mo­kra­ten.

Bis­her ist den Bri­ten vor al­lem ge­sagt wor­den, wie viel Geld ge­spart wer­den kann. Burk­hard Balz

le­gier­ten Zu­gang zur Eu­ro­zo­ne be­kom- men. Dann kön­nen wir die Ver­hand­lun- gen gleich ab­bre­chen, das The­ma ist ein wich­ti­ger Trumpf der EU. Was hat für Sie Prio­ri­tät?

Wir müs­sen erst ein­mal aus­ver­han­deln, was das al­les für die Men­schen be­deu­tet. Es le­ben mehr als drei Mil­lio­nen EU-AUS- län­der in Groß­bri­tan­ni­en, knapp zwei Mil­lio­nen Bri­ten im Rest der EU. An die müs­sen wir den­ken. Aber ehr­lich: Die Re­gie­rung May scheint nicht ge­nau zu wis­sen, wo die Ver­hand­lun­gen en­den sol- len. Hal­ten Sie noch ei­nen „Exit vom Br­ex­it“für denk­bar? Man kann je­den­falls je­der­zeit den Aus- tritts­an­trag zu­rück­neh­men. Es kann ja sein, dass die Dy­na­mik des Ver­hand- lungs­pro­zes­ses zu neu­em Nach­den­ken führt.

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