„Ob Pa­ti­ent ein Ba­ga­tell­fall ist, lässt sich sel­ten in zwei Mi­nu­ten ent­schei­den“

Der Leip­zi­ger Me­di­zin-öko­nom Wil­fried von Eiff hält die Ein­füh­rung der Ab­klä­rungs­pau­scha­le für falsch

Leipziger Volkszeitung - - Sachsen Und Mitteldeut­schland - In­ter­view: Ro­land He­rold

LEIP­ZIG. Seit 1. April wer­den Pa­ti­en­ten in Not­auf­nah­men von Kran­ken­häu­sern zu­nächst da­hin­ge­hend un­ter­sucht, ob sie tat­säch­lich ein Not­fall sind, zum Kas­sen­ärzt­li­chen Be­reit­schafts­dienst oder zu ih­rem Haus­arzt müs­sen. Ver­gü­tet wird da­bei al­ler­dings le­dig­lich ein zwei­mi­nü­ti­ges Arzt­ge­spräch. Da­ge­gen pro­tes­tie­ren nun die Kran­ken­häu­ser. Auch Wil­fried von Eiff, Pro­fes­sor und Me­di­zin-öko­nom an der HHL Leip­zig Gra­dua­te School of Ma­nage­ment, hält we­nig von der neu­en Ab­klä­rungs­pau­scha­le. Wie be­wer­ten Sie die neue Ab­klä­rungs­pau­scha­le? Die­se Re­ge­lung geht an der Rea­li­tät vor­bei, än­dert nichts an dem Grund­pro­blem der Über­be­las­tung der Not­auf­nah­men und be­schert den Kran­ken­häu­sern zu­sätz­li­che Kos­ten. Ob ein Pa­ti­ent als Ba­ga­tell-fall an­zu­se­hen ist, lässt sich nur in ganz we­ni­gen Fäl­len in­ner­halb von zwei Mi­nu­ten ent­schei­den. Fast 50 Pro­zent der Pa­ti­en­ten er­schei­nen in der Not­auf­nah­me mit un­kla­ren Sym­pto­men und ei­ne me­di­zi­nisch qua­li­fi­zier­te Ab­klä­rung nimmt min­des­tens 15 bis 20 Mi­nu­ten in An­spruch. In­ner­halb von zwei Mi­nu­ten lässt sich nicht ab­klä­ren, ob hin­ter grip­pe­ähn­li­chen Sym­pto­men ei­ne Ge­hirn­haut­ent­zün­dung steckt. Und die Rü­cken- schmer­zen, die ein Pa­ti­ent schon seit drei Mo­na­ten hat, könn­ten ein ge­deckt per­fo­rier­tes Aor­ten­a­neu­rys­ma (Riss der Haupt­schlag­ader, der durch ein an­de­res Or­gan noch ab­ge­deckt wird – d. Red.) sein. Ei­ne auf zwei Mi­nu­ten re­du­zier­te Ab­klä­rung mit an­schlie­ßen­der Ent­las­sung nach Hau­se birgt Ri­si­ken für den Pa­ti­en­ten und kann im Scha­dens­fall zu ei­nem ju­ris­ti­schen Nach­spiel füh­ren. Wel­che zu­sätz­li­chen Kos­ten ver­ur­sacht die­se Re­ge­lung bei den Kran­ken­häu­sern? Geht man da­von aus, dass zir­ka 10 Pro­zent der Pa­ti­en­ten, die in ei­ner Not­auf­nah­me um Hil­fe nach­su­chen, als Ba­ga­tell-fäl­le ein­zu­stu­fen sind, be­deu­tet dies ei­nen zu­sätz­li­chen fi­nan­zi­el­len Ver­lust von 25 Eu­ro je Ba­ga­tell-pa­ti­ent, was ei­ner Zu­satz­be­las­tung von 27 Mil­lio­nen Eu­ro für al­le Not­auf­nah­men ent­spricht. Wie ge­stal­tet sich der Auf­wand, den ei­ne Not­fall­auf­nah­me für ei­nen Pa­ti­en­ten be­trei­ben muss, im Ver­gleich zum Er­lös? Dem Er­lös von der­zeit 30 Eu­ro pro Pa­ti­ent ste­hen durch­schnitt­li­che Kos­ten von 126 Eu­ro ge­gen­über. Die­se Kos­ten fal­len an für den be­han­deln­den Arzt, der sich im Durch­schnitt 58 Mi­nu­ten um ei­nen Pa­ti­en­ten küm­mert, für Pfle­ge- und Funk­ti­ons­dienst, me­di­zi­ni­schen Sach­be­darf und In­fra­struk­tur so­wie für Rönt­gen und La­bor. Die Be­hand­lung äl­te­rer Pa­ti­en­ten kos­tet be­reits 160 Eu­ro, Ret­tungs­diens­tpa­ti­en­ten ver­ur­sa­chen 171 Eu­ro und für not­ärzt­lich be­glei­te­te Pa­ti­en­ten sind 242 Eu­ro zu kal­ku­lie­ren. Ins­ge­samt wer­den die Not­auf­nah­men der Kran­ken­häu­ser pro Jahr mit über 1 Mil­li­ar­de Eu­ro be­las­tet. Müss­te ei­ne Not­fall­ge­bühr her, um für Pa­ti­en­ten mit Ba­ga­tell-dia­gno­sen die Hemm­schwel­le zu er­hö­hen? Ei­ne Not­fall­ge­bühr ist der fal­sche Weg. Kein Pa­ti­ent darf aus fi­nan­zi­el­len Grün­den von ei­nem Arzt­be­such ab­ge­hal­ten wer­den und schon gar nicht wenn es um Not­fall­si­tua­tio­nen geht. In der Me­di­zin ist man nach­her im­mer schlau­er als vor­her, aber die­ser Er­kennt­nis­pro­zess er­for­dert qua­li­fi­zier­te Ärz­te, die aus­rei­chend Zeit ha­ben, sich um ei­nen Pa­ti­en­ten zu küm­mern. Nicht je­der ver­meint­li­che Not­fall­pa­ti­ent stellt sich auf den zwei­ten Blick als sol­cher her­aus. Wel­chen Sinn ma­chen Por­talpra­xen an Kli­ni­ken? Por­talpra­xen sind ei­ne sinn­vol­le Lö­sung für die Wei­ter­ver­sor­gung der Pa­ti­en­ten, die nach der Erst­un­ter­su­chung als „nicht dring­lich“oder „nor­mal“ein­ge­stuft wur­den, al­so zum Bei­spiel Pa­ti­en­ten mit leich­ten Schmer­zen, lo­ka­len In­fek­tio­nen oder ab­grenz­ba­ren Schwel­lun­gen. Al­ler­dings be­steht be­züg­lich der Aus­ge­stal­tung der Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Not­auf­nah­me und Por­talpra­xis noch er­heb­li­cher Re­ge­lungs­be­darf: Darf der Por­talarzt dia­gnos­ti­sche Leis­tun­gen wie Rönt­gen, Ul­tra­schall oder La­bor­wer­te im Kran­ken­haus ab­ru­fen? Wie wer­den Kon­si­le ge­re­gelt? Sol­len Tria­ge und Erst­un­ter­su­chung in der Por­talpra­xis durch­ge­führt wer­den? Ist der Por­talarzt ge­gen­über dem Not­fall­arzt wei­sungs­ge­bun­den? Jetzt gilt es, mit den Por­talpra­xen Er­fah­run­gen zu sam­meln, um dann neue wir­kungs­vol­le For­men der Not­fall­ver­sor­gung zu ent­wi­ckeln.

Fo­to: dpa

Wil­fried von Eiff, Me­di­zinö­ko­nom an der HHL, kri­ti­siert die Ab­klä­rungs­pau­scha­le.

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