Bei Sach­sens Lin­ken dreht sich das Per­so­nal­ka­rus­sell

Klaus Bartl (66) ver­lässt den Frak­ti­ons­vor­stand / Par­tei­chef Geb­hardt will Flü­gel un­ter ei­nen Hut brin­gen

Leipziger Volkszeitung - - Sachsen Und Mitteldeut­schland - VON JÜR­GEN KOCHINKE

DRES­DEN.

In Kür­ze be­ginnt in Sach­sen die zwei­te Hälf­te der Le­gis­la­tur, und pas­send zur Halb­zeit dreht sich bei den Lin­ken im Land­tag das Per­so­nal­ka­rus­sell. In rund ein­ein­halb Wo­chen wäh­len die 27 Ab­ge­ord­ne­ten ei­ne neue Frak­ti­ons­füh­rung, da­bei steht ein Wech­sel mit Tie­fen­wir­kung auf dem Pro­gramm. Zwar tritt Frak­ti­ons­chef Ri­co Geb­hardt er­neut an und hat al­ler­bes­te Chan­cen, be­stä­tigt zu wer­den. Eben­so gilt Sa­rah Bud­de­berg als Frak­ti­ons­ma­na­ge­rin ge­setzt. Schließ­lich wur­de sie erst vor Kur­zem Nach­fol­ge­rin von Se­bas­ti­an Scheel, der seit Fe­bru­ar als frisch ge­kür­ter Staats­se­kre­tär für Woh­nen im Ber­li­ner Se­nat fun­giert. In der zwei­ten Rei­he al­ler­dings, auf der Ebe­ne der Frak­ti­ons­vi­ze, tut sich ei­ni­ges. Gleich zwei neue Stell­ver­tre­ter­pos­ten sind zu be­set­zen – min­des­tens.

Grund ist zum ei­nen, dass Bud­de­berg bis­her Frak­ti­ons­vi­ze war, nach ih­rem Wech­sel aber ist die­ser Pos­ten nun frei. Zum an­de­ren ver­lässt das letz­te lin­ke Ur­ge­stein die Frak­ti­ons­füh­rung. Klaus Bartl heißt er, stammt aus Chem­nitz und hat so ziem­lich al­le Äm­ter in­ne ge­habt, die die lin­ke Trup­pe zu bie­ten hat. Zu Wen­de­zei­ten war er Ver­tre­ter der SED am Run­den Tisch im Be­zirk Karl-marx-stadt, 1990 wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter der Pds-frak­ti­on in der Volks­kam­mer und auch kurz mal Lan­des­vor­sit­zen­der in Sach­sen. Eben­falls ab 1990 führ­te Bartl für vier Jah­re die Frak­ti­on Lin­ke Lis­te/ PDS im Land­tag, war „ne­ben­bei“als An­walt tä­tig und Mit­glied in di­ver­sen Aus­schüs­sen und Ar­beits­krei­sen. Bis heu­te fun­giert er als Frak­ti­ons­vi­ze hin­ter Geb­hardt.

Un­um­strit­ten war Bartl nie. Schließ­lich war der Ju­rist zu Ddr-zei­ten tief ins Sedre­gime ver­strickt – bis hin zur Sta­si-tä­tig­keit. Al­ler­dings hat sich der Chem­nit­zer schon früh­zei­tig ge­ou­tet und im Herbst 1990 selbst auf sein Mfs-en­ga­ge­ment hin­ge­wie­sen. Das un­ter­schei­det Bartl von an­de­ren, ehe­ma­li­gen Spit­zen­Lin­ken aus dem Frei­staat, die we­gen Sta­si-ver­ban­de­lun­gen erst auf öf­fent­li­chen Druck hin zäh­ne­knir­schend das po­li­ti­sche Feld räum­ten – Ex-frak­ti­ons­chef Pe­ter Porsch zum Bei­spiel, oder auch der Leip­zi­ger Vol­ker Kü­low.

Bartl wie­der­um war sich so­wohl für po­li­ti­sche Klein­ar­beit als auch den gro­ßen Auf­schlag nie zu scha­de. So ver­trat er zum Bei­spiel als An­walt den ehe­ma­li­gen Cdu-frak­ti­ons­chef Her­bert Go­liasch vor dem Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt, nach­dem die­sem das Land­tags­man­dat ent­zo­gen wer­den soll­te – eben­falls we­gen Sta­si-tä­tig­keit. Fu­ro­re mach­te Bartl auch als Chef des Un­ter­su­chungs­aus­schus­ses zum „Sach­sen-sumpf“rund um Ver­fas­sungs­schutz-ak­ten, wo­nach rang­ho­he Ju­ris­ten in kor­rup­ti­ve Netz­wer­ke im Frei­staat ver­strickt wa­ren.

Nun ver­lässt Bartl den Frak­ti­ons­vor­stand, und das ist al­le­mal ein Ab­schied auf Ra­ten. Denn klar ist, dass der mitt­ler­wei­le 66-Jäh­ri­ge 2019 dem Land­tag den Rü­cken kehrt. Un­ab­hän­gig da­von aber hat bei den Lin­ken das Rin­gen um die zwei­ten Plät­ze be­gon­nen. Da­bei zeich­net sich ab, dass zwei der ins­ge­samt vier Stell­ver­tre­ter-pos­ten im Land­tag mit den bis­he­ri­gen Kräf­ten be­setzt wer­den. So gel­ten die bei­den Vi­ze Ja­na Pin­ka und Lui­se Neu­haus-war­ten­berg als ge­setzt. Span­nend wird da­ge­gen die Neu­be­set­zung der bei­den wei­te­ren Pos­ten. Im Ge­spräch da­bei sind vor al­lem die Chem­nit­ze­rin Susanne Scha­per so­wie der aus Leip­zig kom­men­de Mar­co Böh­me. Zu­wei­len taucht auch der Na­me des In­nen­po­li­ti­kers En­ri­co Stan­ge auf, der be­reits im Vor­feld als Frak­ti­ons­ma­na­ger im Ge­spräch war. Al­ler­dings hat er sich auf Drän­gen von Geb­hardt wie­der von die­sem Plan ver­ab­schie­det – und sich da­mit kei­nen Ge­fal­len ge­tan.

In­ter­es­san­ter als die ge­nann­ten Per­so­nen selbst aber ist die Fra­ge, zu wel­chem Flü­gel sie ge­rech­net wer­den. Ins­ge­samt vier Grup­pen gibt es bei den Lin­ken in Sach­sen. Da­zu ge­hört ers­tens der so­ge­nann­te Re­form­flü­gel rund um das Fo­rum De­mo­kra­ti­scher So­zia­lis­mus (FDS), als des­sen bun­des­wei­te Vor­zei­ge­ver­tre­ter Diet­mar Bartsch oder auch Ben­ja­min-im­ma­nu­el Hoff gel­ten. Der ei­ne ist ne­ben Sah­ra Wa­genk­necht Chef der Links­frak­ti­on im Bun­des­tag, der an­de­re fun­giert als Staats­kanz­lei­mi­nis­ter in Thü­rin­gen und ist so­mit rech­te Hand von Mi­nis­ter­prä­si­dent Bo­do Ra­me­low (Lin­ke).

Ne­ben die­sem Re­form­flü­gel exis­tiert ei­ne zwei­te Grup­pe aus eher tra­diert bis ra­di­kal auf­ge­stell­ten (Alt-)lin­ken, die sich mit Vor­lie­be hin­ter Wa­genk­necht ver­sam­meln. Hin­zu kom­men, drit­tens, an­ti­fa­schis­tisch ori­en­tier­te Jung-lin­ke – ein Flü­gel, zu dem in Sach­sen vor al­lem die Leip­zi­ger Ab­ge­ord­ne­te Ju­lia­ne Na­gel ge­hört. Und schließ­lich gibt es noch ei­ne gan­ze Rei­he von frei flot­tie­ren­den Kräf­ten, die ent­we­der nach­hal­tig frus­triert sind, weil sich ih­re je­wei­li­gen Kar­rie­re­ge­lüs­te zer­schla­gen ha­ben, oder die sonst­wie kei­nem der La­ger zu­ge­ord­net wer­den kön­nen.

Geb­hardt plant nun nach La­ge der Din­ge al­le die­se ver­schie­de­nen Grup­pen un­ter ei­nen Hut zu be­kom­men. Ganz of­fen­sicht­lich soll je­der der in­ter­nen Flü­gel im zu­künf­ti­gen Frak­ti­ons­vor­stand be­dacht wer­den. So fun­giert die al­te und vor­aus­sicht­lich neue Vi­ze Neu­haus-war­ten­berg nicht zu­fäl­lig als Bun­des­spre­che­rin beim re­form­ori­en­tier­ten FDS. Pin­ka wie­der­um ist nicht klar zu­zu­ord­nen, ge­hört kei­nem der be­ste­hen­den Flü­gel an – ganz im Ge­gen­teil zu den bei­den wei­te­ren, mög­li­chen Kan­di­da­ten. So wird der Leip­zi­ger Böh­me der bun­ten Jung-trup­pe um Na­gel zu­ge­rech­net, Scha­per wie­der­um ver­tritt eher die tra­dier­ten Lin­ken. Da­zu ge­hört nicht zu­letzt Bartl selbst, der wie sei­ne mög­li­che Nach­fol­ge­rin aus Chem­nitz stammt.

Für Geb­hardt hät­te all dies ei­ni­ge Vor­tei­le. Denn soll­te sein Plan auf­ge­hen, kann er als al­ter und neu­er Frak­ti­ons­chef wei­ter sei­ne Rol­le als Kon­sens-mann und lin­ker Mo­de­ra­tor spie­len.

Fo­tos (2): dpa

Wäh­rend Klaus Bartl (66, r.) den Vor­stand der Lin­ken-frak­ti­on ver­lässt, will de­ren Vor­sit­zen­der Ri­co Geb­hardt (53) die Flü­gel der Par­tei zu­sam­men­brin­gen.

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