Skur­ri­le Alt­last: War­um die USA „Hühn­chen­steu­er“auf Au­tos er­he­ben

Alt­l6st 6us yen 60ern könn­te Vor­ti­ly für Trumps Zöl­le we­ry­en / Duy­en­höf­fer sieht vor 6llem Por­sche in Ge­f6hr

Leipziger Volkszeitung - - Wirtschaft - VON HAN­NES BREUSTEDT, ANDRE­AS HO­ENIG UND FRANK JOHANNSEN

WA­SHING­TON/NEW YORK.

Der „Hüh­ner­krieg“ist lan­ge vor­bei, doch sei­ne Fol­gen spürt die Wirt­schaft bis heu­te. Ein Han­dels­streit um Bil­lig­hühn­chen, den sich Ame­ri­ka in den 1960ern mit Frank­reich und Deutsch­land lie­fer­te, hat noch im­mer star­ke Aus­wir­kun­gen auf den Us-markt für Pick-ups und Trans­por­ter. Die „Chi­cken Tax“, bei der Im­port­hür­den für Hüh­ner mit Straf­zöl­len auf be­stimm­te Au­tos ver­gol­ten wur­den, gilt als skur­ri­le Fuß­no­te der Wirt­schafts­ge­schich­te. Doch an­ge­sichts des han­dels­po­li­ti­schen Sä­bel­ras­selns von Prä­si­dent Do­nald Trump könn­te sie kaum ak­tu­el­ler sein.

Rückblick: Ab 1960 er­obern bil­li­ge Hühn­chen aus den USA die eu­ro­päi­schen Märk­te. Bis da­hin war das Ge­flü­gel hier ei­ne teu­re De­li­ka­tes­se, nun lässt die Hüh­ner-flut aus Ame­ri­ka die Prei­se fal­len. Land­wir­te fürch­ten um ih­re Exis­tenz. Um die hei­mi­sche Bran­che zu schüt­zen, re­agie­ren Frank­reich und die Bun­des­re­pu­blik mit ho­hen Ein­fuhr­zöl­len. Doch die Re­van­che lässt nicht lan­ge auf sich war­ten – die USA zie­he ih­rer­seits Han­dels­bar­rie­ren für land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­te hoch.

Doch da­mit nicht ge­nug. Um die Han­dels­geg­ner dort zu tref­fen, wo es schmerzt – et­wa beim VW-BUS, dem da­ma­li­gen Ex­port­schla­ger Deutsch­lands – er­hebt Us-prä­si­dent Lyn­don B. John­son die 25-pro­zen­ti­ge „Hühn­chen-steu­er“kur­zer­hand auch für leich­te Nutz­fahr­zeu­ge. So wur­de der Markt für die bei Us-ver­prit­schen­wa­b­rau­chern be­lieb­ten gen – die Pick-up-trucks – zu ei­ner „Ma­de in Ame­ri­ca“-do­mä­ne.

Ex­per­ten be­män­geln, dass die Usher­stel­ler ihr In­no­va­ti­ons­stre­ben in die­sem ab­ge­schot­te­ten Seg­ment schlei­fen lie­ßen, wor­un­ter die Pro­dukt­qua­li­tät lei­de. Auf der an­de­ren Sei­te be­steht kein Zwei­fel, dass die „Hühn­chen-steu­er“Us-jobs ge­schützt und ge­schaf­fen hat. So bau­ten die gro­ßen ja­pa­ni­schen Au­to­kon­zer­ne nicht zu­letzt des­halb Fa­b­ri­ken in den USA, um dem Straf­zoll aus­zu­wei­chen. Al­ler­dings kam es auch schon zu ei­ni­gen bi­zar­ren Um­ge­hungs­ma­nö­vern.

Das ers­te, was der Bran­che zur Ver­mei­dung der „Chi­cken Tax“ein­fiel, war nur we­nig krea­tiv: Die be­trof­fe­nen Fahr­zeu­ge wur­den in Kom­po­nen­ten zer­legt ein­ge­führt und dann in den USA wie­der zu­sam­men­ge­baut. So ka­men et­wa Fahr­ge­stell und La­de­flä­che se­pa­rat über die Gren­ze, erst in den USA wur­den dar­aus wie­der Pick-ups. 1980 schob die Us-re­gie­rung dem je­doch ei­nen Rie­gel vor. Ab jetzt war Fan­ta­sie ge­fragt: Su­ba­ru ver­pass­te sei­nem Prit­schen­wa­gen „Brat“ zwei nach hin­ten ge­rich­te­te Plas­tik­sit­ze mit Pan­ora­ma­blick auf der La­de­flä­che, um ihn so als Pkw ein­füh­ren zu kön­nen.

Spä­ter soll­te auch ein Us-au­to­bau­er die ku­rio­sen Fol­gen der „Hühn­chenS­teu­er“auf die Spit­ze trei­ben: Ford im­por­tier­te den kos­ten­güns­tig im Aus­land ge­fer­tig­ten Mini­trans­por­ter „Tran­sit Con­nect“mit Rück­sit­zen und -fens­tern – die dann im Hei­mat­land wie­der aus­ge­baut wur­den, um den Fahr­zeug­typ um­wid­men zu kön­nen. Das gab aber Är­ger mit den Us-zoll­be­hör­den, die der Pra­xis 2013 St­ei­ne in den Weg leg­ten.

Daim­ler be­geg­net der Steu­er schon län­ger auf recht gro­tes­ke Art. Die Stutt­gar­ter ver­kau­fen in den USA ih­ren Sprin­ter. Die Trans­por­ter wer­den im Düs­sel­dor­fer Werk fer­tig ge­baut – dann aber in grö­ße­re Tei­le zer­legt, ver­schifft und in ei­nem Werk im Us-bun­des­staat North Ca­ro­li­na wie­der zu­sam­men­mon­tiert. Das ein­zi­ge Teil aus Us-pro­duk­ti­on: die Bat­te­rie. Auf die­se Wei­se wer­den nur Ein­fuhr­zöl­le von 2,5 Pro­zent fäl­lig. Doch die­ses im Fach­jar­gon „Se­mi-kno­cked-down“ge­nann­te Ver­fah­ren, ist auf­wen­dig. Wirt­schaft­li­cher wä­re es für Daim­ler, vor Ort zu fer­ti­gen. Doch soll­te Us-prä­si­dent Trump Ernst ma­chen mit sei­nen Straf­zöl­len auf US-IM­por­te, so könn­te die „Hühn­chen-steu­er“für die Autobranch­e bald zur Rand­no­tiz wer­den. Die Droh­ku­lis­se sieht Ein­fuhr­steu­ern von 35 Pro­zent vor. Bis­lang ist schwer ein­zu­schät­zen, ob Trump blufft oder nicht. Ge­gen die Stahl­bran­che ist er aber be­reits vor­ge­gan­gen. Auch Salz­git­ter muss seit En­de März Straf­zöl­le zah­len – we­gen an­geb­li­cher Dum­ping-prei­se. „Man muss Trump und sei­ne Bor­der Tax sehr ernst neh­men“, warnt Au­to­ex­per­te Fer­di­nand Du­den­höf­fer von der Uni Duis­burg-es­sen ge­gen­über der LVZ. „Ich ge­he da­von aus, dass die Zöl­le in der zwei­ten Jah­res­hälf­te kom­men.“Sor­gen ma­chen müss­ten sich vor al­lem VW und Por­sche, die kaum oder gar nicht in den USA pro­du­zie­ren. „Por­sche und der VWKon­zern müs­sen ei­ne Stra­te­gie er­ar­bei­ten, um sich ge­gen­über den Trump-ri­si­ken ab­zu­si­chern.“Das könn­te auch ei­ne Por­sche-pro­duk­ti­on in den USA er­for­der­lich ma­chen. Sonst, so warnt Du­den­höf­fer, könn­ten 50 Pro­zent des Usab­sat­zes weg­bre­chen. BMW und Daim­ler da­ge­gen müss­ten sich kaum Sor­gen ma­chen, glaubt Du­den­höf­fer. „Bei­de bau­en in USA mehr Au­tos als dort ver­kauft wer­den.“BMW gilt so­gar als größ­ter Au­to­ex­por­teur der USA. Das Werk in Spartan­burg in South Ca­ro­li­na ist das größ­te im Kon­zern und führt mehr Fahr­zeu­ge aus als Ford und Ge­ne­ral Mo­tors zu­sam­men. „Bei BMW muss man sich in Leip­zig kei­ne Sor­gen ma­chen.“

Fo­tos: VW, yp6

Der VW Bul­li (Fo­to links) war in den 50ern und 60ern in den USA ein Ver­kaufs­schla­ger. Ver­schifft wur­den die Au­tos in Ham­burg (rechts ein Fo­to von 1963).

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