Mit dem Ohr im Os­ten

Co­py & was­te su­chen ab heu­te den „Kampf Club Ost“in Reud­nitz mit ei­nem Au­dio­par­cours

Leipziger Volkszeitung - - Kul­tur - VON DI­MO RIESS

Die Auf­kle­ber gibt es schon. Wei­ße Buch­sta­ben auf schwar­zem Grund: „Ce­ci n’est pas un Hy­pe!“Heißt: Das ist kein Hy­pe. Und be­zieht sich auf den Hy­pe, der um Leip­zig seit ei­ni­ger Zeit ge­macht wird. Und nicht nur dank der An­spie­lung auf das in sich wi­der­sprüch­li­che Werk Re­né Mag­rit­tes „Ce­ci n’est pas une pipe“geht es los mit den Fra­gen. Gibt es den Hy­pe über­haupt? Rea­li­tät oder Slo­gan? Selbst­wahr­neh­mung oder von au­ßen über­ge­stülpt? Wird der Hy­pe ge­macht, oder ist er ein­fach ge­kom­men?

Für das Ber­li­ner Thea­ter-kol­lek­tiv co­py & was­te, das sich gern mit Stadt­räu­men und Stadt­ent­wick­lun­gen be­schäf­tigt, ist der Hy­pe der An­knüp­fungs­punkt für ei­ne zwei­jäh­ri­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit Leip­zig in Ko­ope­ra­ti­on mit dem Leip­zi­ger Schau­spiel, an­ge­legt auf ins­ge­samt vier Pro­duk­tio­nen. Ge­för­dert wird die ge­mein­sa­me Ar­beit von der Bun­des­kul­tur­stif­tung, die über den Fonds „Dop­pel­pass“Stadt­thea­ter mit frei­en Grup­pen zu­sam­men­bringt.

Die Kon­tak­te zwi­schen Schau­spiel-in­ten­dant En­ri­co Lüb­be und den co­py-&-was­te-ma­chern rei­chen noch in die Chem­nit­zer Zeit Lüb­bes zu­rück. Seit­her gab es im­mer wie­der künst­le­ri­sche Be­geg­nun­gen. In Leip­zig hat zu­letzt Stef­fen Kle­war das se­hens­wer­te Re­tor­ten­mensch-dra­ma „Der Mi­nus­mensch“in­sze­niert. Und Jörg Al­brechts Text „My lo­ve was a ghost. And your lo­ve, your lo­ve was lea­ving this rot­ten town“wur­de als Auf­trags­werk vor drei Jah­ren am Schau­spiel ur­auf­ge­führt. Bei­de ar­bei­ten jetzt zu­sam­men mit den co­py-&-was­te-kol­le­gen Sil­ke Bau­er und Lenard Gim­pel an „Kampf Club Ost“. Der fei­ert als thea­tra­ler Au­dio­walk heu­te Pre­mie­re. Und da­für geht es nach Reud­nitz. Weil die Künst­ler die Durch­mi­schung des Vier­tels reizt, das en­ge ar­chi­tek­to­ni­sche Ne­ben­ein­an­der von Stuck und Plat­te, von Sa­nie­rung und Zer­fall. Und vor al­lem weil das Vier­tel mit­ten im po­la­ri­sie­ren­den Gen­tri­fi­zie­rungs­pro­zess steckt.

Die Künst­ler ha­ben sich in­ten­siv um­ge­schaut, Sta­tis­ti­ken durch­pflügt, mit An­woh­nern ge­spro­chen. „Zwei Bra­chen woll­ten wir vor zwei Mo­na­ten noch be­spie­len“, sagt Stef­fen Kle­war. „Jetzt sind sie weg.“Ver­schwun­den hin­ter Bau­zäu­nen. „Sol­che Dy­na­mi­ken in­ter­es­sie­ren uns“, sagt Al­brecht. Und: „Na­tür­lich gibt es ganz un­ter­schied­li­che Po­si­tio­nen. Die ei­nen voll­zie­hen den Hy­pe em­pha­tisch nach, an­de­re füh­len sich ab­ge­hängt.“Ge­gen­sät­ze pral­len auf­ein­an­der. Dar­auf be­zieht sich auch der Ti­tel „Kampf Club Ost“. „Gibt es“, fragt der An­kün­di­gungs­text viel­sa­gend, „ei­nen ver­bor­ge­nen Club, der die so­zia­len Kämp­fe aus­ficht, die wo­an­ders nicht mehr zu se­hen sein sol­len?“

Die Künst­ler wol­len hin­ter das of­fi­zi­el­le Bild schau­en, das von Leip­zig kre­iert wird und vom Au­ßen­blick der Nicht-leip­zi­ger pro­fi­tie­ren. Den Zu­gang ha­ben sie sich auch über das Schau­spiel-en­sem­ble er­ar­bei­tet und fest­ge­stellt, dass Ver­tre­ter ver­schie­de­ner Ge­ne­ra­tio­nen ganz un­ter­schied­li­che Leip­zig-bil­der trans­por­tie­ren. Zu­letzt hat das kom­plet­te En­sem­ble die Stim­men für den Au­dio­par­cours ein­ge­spro­chen.

Auch an­de­re Künst­ler ha­ben sich schon in­ten­siv mit dem Wan­del in Reud­nitz über Vor-ort-re­cher­chen und ei­nem Au­dio­walk aus­ein­an­der­ge­setzt. Jüngst war der im ver­gan­ge­nen Ok­to­ber be­gon­ne­ne Walk der Leip­zi­ger Künst­le­rin Dia­na Wes­ser wie­der zu er­le­ben, die sich eben­falls mit Stadt­räu­men, Ve­rän­de­rungs­pro­zes­sen und oft sub­lo­ka­len Iden­ti­tä­ten aus­ein­an­der­setzt. Ak­tu­ell ar­bei­tet sie an „Ei­ne Fra­ge des Glau­bens“, ein Walk im Leip­zi­ger Os­ten über die ge­leb­te re­li­giö­se Viel­falt, der im Rah­men des Kir­chen­tags zu er­le­ben ist.

Auf der Ba­sis von In­ter­views hat sie in Reud­nitz meh­re­re Pro­jekt um­ge­setzt, Sta­tio­nen wie Mühl­stra­ße 14 oder der La­den Koral­len­nest wa­ren schon bei ihr An­lauf­punkt und sind es jetzt bei „Kampf Club Ost“wie­der. Den­noch, vom Vor­wurf Co­py und Pas­te wol­len co­py & was­te nichts wis­sen. „Wir ha­ben uns das an­ge­schaut und es gibt ein paar Über­schnei­dun­gen bei in­ter­es­san­ten Or­ten“, sagt Schau­spiel-dra­ma­tur­gin Kat­ja Her­le­mann. Re­cher­che­quel­le war das do­ku­men­ta­risch an­ge­leg­te Pro­jekt von Wes­ser durch­aus, aber nur ei­ne un­ter an­de­ren. Man ha­be sich, so Her­le­mann, auch von his­to­ri­schen Stadt­spa­zier­gän­gen in­spi­rie­ren las­sen. Künst­le­risch wol­len co­py & was­te ei­ne ganz an­de­re Rich­tung ein­schla­gen.

„Ich glau­be, dass sich das er­gänzt, weil wir mit der Fik­ti­on spie­len“, sagt Kle­war. Über die rea­le Stadt­ku­lis­se wird ei­ne Ro­man­hand­lung ge­legt, die in die Ver­gan­gen­heit führt, in die spä­ten Ddr-jah­re. Die Ge­schich­te streift in ei­nem der Ge­bäu­de et­wa ein Kon­zert – das zwar nicht zu se­hen, über die Kopf­hö­rer wohl aber zu hö­ren sein wird. So wer­den rea­le Räu­me mit Fik­ti­on über­malt, dop­pel­te Bö­den er­schaf­fen. Kle­war: „Wir ar­bei­ten mit den Mit­teln des Thea­ters. Die Stadt wird zur Büh­ne.“Rund ei­ne St­un­de und 45 Mi­nu­ten soll die Tour dau­ern, die auch bei Re­gen statt­fin­det. Kampf Club Ost: Pre­mie­re heu­te, 20 Uhr; Start­punkt: 4rooms, Täub­chen­weg 26, Rest­kar­ten gibt es an der Abend­kas­se (im 4rooms); kom­men­de Ter­mi­ne: 20. bis 22. April, 20 Uhr

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