Und die Band spielt wei­ter

Come­dy un­ter der Was­ser­li­nie: „Lei­nen los und ein­ge­schifft“ist ein Aca­de­mi­xer-pro­gramm oh­ne Kurs und Kom­pass

Leipziger Volkszeitung - - Kultur - VON MARK DANIEL

Der Satz kommt ge­gen Mit­te der zwei­ten Hälf­te. „Wie lan­ge noch?“will Ca­ro­lin Fi­scher als Le­bens­mü­de wis­sen. Ei­ne Fra­ge, die schon ei­ne Wei­le im Saal der Aca­de­mi­xer hängt. Da hat „Lei­nen los und ein­ge­schifft“net­to et­wa 80 Mi­nu­ten auf der Uhr. Die ge­fühl­te Über­län­ge ist noch das ge­rings­te Pro­blem der neu­en Aca­de­mi­xer-pro­duk­ti­on, die am Os­ter­mon­tag zur Pre­mie­re kam.

Im Prin­zip gleicht das Pro­gramm ei­ner Ka­pi­tu­la­ti­on – es ist nur nicht klar, wo­vor. Vor der Re­pu­ta­ti­on, die Ka­ba­rett mal an die­sem be­deu­ten­den Ort hat­te und die nicht wie­der­hol­bar scheint? Vor der ei­ge­nen Rat­lo­sig­keit? Vor den Zu­schau­ern, von de­nen man no­to­risch an­nimmt, sie woll­ten nichts an­de­res als sich vor La­chen die Schen­kel blau zu hau­en?

Die An­sa­ge im Vor­feld kam klar und ehr­lich: In „Lei­nen los und ein­ge­schifft“steckt kei­ne Po­lit­sa­ti­re, son­dern Un­ter­hal­tung pur. Und Un­ter­hal­tung muss kein Ma­kel sein, wenn sie durch­dacht ist. Doch die in­halt­li­che Sch­licht­heit in dem Kon­strukt rund um ei­ne Schiffs­kreuz­fahrt ist der­art gra­vie­rend, dass Fra­gen blei- ben, denn Ziel und Sinn lie­gen im dich­ten Ne­bel. Statt ei­ner „MS Deutsch­land“als Spiel­flä­che in­ner­deut­scher Ris­se zwi­schen ers­ter und letz­ter Klas­se, Aus­beu­tung und Reich­tum bei schwe­rem See­gang auf dem Oze­an der un­ter­schied­li­chen Wahr­hei­ten schlin­gert die „MS Aca­de­mi­xer“oh­ne Kurs und Kom­pass. Of­fen­bar hat nie­mand den Eis­berg aus über­wie­gend schwa­chen Tex­ten vol­ler Plat­ti­tü­den und Län­gen ge­se­hen, was die im Haus ad ac­ta ge­leg­te Fra­ge nach ei­nem kri­ti­schen künst­le­ri­schen Lei­ter neu auf­wirft.

Ca­ro­lin Fi­scher und An­ke Geiß­ler käu­en hor­nal­te Wit­ze wie­der oder ka­lau­ern, bis das Tau reißt. Was es­sen Pi­ra­ten am liebs­ten? Ka­pern. Ein Com­pu­ter­vi­rus ist wurscht, denn „ich bin ge­impft“. – „Wenn ich tran­spi­rie­re, schwitz’ ich so doll.“Und Sex-tan­ten wer­de mit Sext­an­ten ver­wech­selt. End­gül­tig S. O. S. funkt das Ni­veau bei ei­ner Reim­zei­le im Schluss­lied: Ist „der Mann im Him­mel“, sucht sich die Wit­we „ei­nen Neu­en mit gro­ßem .... Haus“. Für Jung­ge­sel­lin­nen­aus­stän­de mit ei­ner Men­ge Al­ko­hol könn­te sich das eig­nen. Für ei­ne re­nom­mier­te Büh­ne, in der einst ver­läss­lich pfif­fig-klu­ger Hin­ter­sinn prak­ti­ziert wur­de, reißt sol­che Come­dy auf nied­rigs­tem Ni­veau ein ge­fähr­li­ches Leck ins Aca­de­mi­xer-schiff. Doch die Band spielt wei­ter. Und an Pe­ter Ja­ku­bik, Chris­toph Schen­ker und Ek­ky Meis­ter liegt es wahr­lich nicht – für ih­re ex­zel­len­te, groß­ar­tig ar­ran­gier­te Mu­sik ern­ten sie mehr­fach Ex­tra-ap­plaus.

Über die Büh­ne hin­ge­gen tobt ein sze­ni­sches „Bumms­fall­e­ra“aus Ko­s­tüm­wech­seln und ver­ba­lem Ge­pol­ter. In den Tex­ten (Geiß­ler, Ralf Bär­wolff – auch Re­gie – , Wer­ner Koc­z­wa­ra, Ju­lie Bu­kow­ski und Conny Mol­le) geht es um nichts bis we­nig, wenn mehr­heit­lich de­bi­le Omas mit oder oh­ne Ur­nen ih­rer ver­bli­che­nen Män­ner kräch­zen wie kran­ke Mö­wen. Geiß­ler tut das, was sie meis­tens tut. Mi­mi­sche Ver­ren­kun­gen, Pfeif­ge­räu­sche und tum­bes Säch­sisch ver­brau­chen sich je­doch, wenn sie ein aus­ta­rier­tes Maß über­schrei­ten.

Das Pu­bli­kum lacht, wo es kann. Teils aus Amü­se­ment; teils, weil es Ein­tritt be­zahlt hat; teils aus Paw­low­schem Re­flex: Die müs­sen doch lus­tig sein, sind doch die Fi­scher und die Geiß­ler. Man­che Gäs­te re­agie­ren gar nicht.

Den ein­zi­gen ka­ba­ret­tis­ti­schen An­satz zeigt „Lei­nen los und ein­ge­schifft“in der schwarz­hu­mo­ri­gen Num­mer über Del­fi­ne im Meer aus Plas­tik­müll. Übels­ter Aus­rut­scher: Nach der kru­den Lo­gik ei­ner (na­tür­lich al­ten) Pas­sa­gie­rin soll man das Bord­büf­fet plün­dern, da­mit das Schiff ge­nug Mas­se fürs Gleich­ge­wicht be­kommt. Des­halb ken­tern ja auch Boo­te mit un­ter­ernähr­ten Flücht­lin­gen schnel­ler. „Man muss sich eben auch mal zwin­gen, was zu es­sen“, lau­tet der gu­te Rat. Das ist nicht lus­tig, son­dern ge­schmack­los. Es mag wi­der­sin­nig schei­nen, das Fa­zit – doch auch im Flach­was­ser kann ein Schiff ken­tern.

Nächs­te Vor­stel­lung am 17. Mai, 20 Uhr, Kar­ten­te­le­fon 0341 21787878.

Fo­to: Dirk Kn­ofe

Viel Ver­klei­dung, viel Mi­mik, we­nig Sub­stanz: Ca­ro­lin Fi­scher (l.) und An­ke Geiß­ler in „Lei­nen los und ein­ge­schifft“.

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