An der Na­del

Leipziger Volkszeitung - - Kultur - VON JÜR­GEN KLEINDIENS­T

D ie Lang­sam­keit. Beim Plat­ten­hö­ren muss­te sie nicht erst ent­deckt wer­den, sie lag in der Na­tur der Na­del: Erst ein­mal muss­te man die LP im Heu­hau­fen su­chen, was manch­mal al­lein schon ei­ne Sing­le lang dau­er­te. Dann zog man sie aus der Hül­le, blies Staub bei­sei­te, leg­te sie auf den Tel­ler, in­spi­zier­te den Ton­ab­neh­mer, be­vor man ihn ab­senk­te.

So­weit das Vor­spiel, was dann kam – war das Vor­spiel, das mu­si­ka­li­sche näm­lich: Bis sich et­wa Ro­bert Plant be­quem­te, „The­re’s a la­dy who’s su­re all that glit­ters is gold ...“in Led Zep­pe­lins „Stair­way To Hea­ven“zu sin­gen, muss­te man al­ler­lei Gi­tar­ren- und Flötentöne über sich er­ge­hen las­sen. Und so et­was wie ei­nen Re­frain brauch­te zu­min­dest die­ser Song gar nicht.

Und heu­te? Gibt es die Schall­plat­te noch, kann man al­so wei­ter die Trep­pe zum Him­mel hoch­krie­chen. Die Vi­nyl-ni­sche ist der Ju­ras­sic Park der Mu­sik­re­zep­ti­on. Rund­um herrscht auch hier das Dik­tat der Be­schleu­ni­gung, wie jetzt ei­ne Stu­die der Us-ame­ri­ka­ni­schen Ohio Sta­te Uni­ver­si­ty be­legt.

Da­für hat der Mu­sik­wis­sen­schaft­ler Hu­bert Lé­veil­lé Gau­vin laut ei­nem Be­richt des In­ter­net-ma­ga­zins „Te­le­po­lis“gut 300 Ti­tel aus den Top Ten der Us-charts von 1986 bis 2015 un­ter­sucht – mit kla­rem Er­geb­nis: Die Songs ei­len im­mer schnel­ler dem Re­frain ent­ge­gen. Und wäh­rend der Ge­sang 1986 im Durch­schnitt erst nach 23 Se­kun­den ein­setz­te, dau­er­te das In­tro 2015 nur noch 5 Se­kun­den. Das, so Gau­vin, lie­ge an Strea­m­ing-di­ens­ten, bei de­nen die Hö­rer so­fort zum nächs­ten Song wech­seln, wenn ih­nen ei­ner nicht zu­sagt. Und die­ser di­gi­ta­len Un­ge­duld pas­se sich die Mu­sik an.

Gibt es ei­gent­lich John Ca­ges Or­gel­stück „ORGAN2/ASLSP“bei Spo­ti­fy? Das dau­ert. 639 Jah­re um ge­nau zu sein.

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