„Wir ha­ben die ge­mein­schaft­li­che Re­bel­li­on ge­lebt“

Die Fo­to­gra­fin Chris­tia­ne Eis­ler über ihr Fo­to-buch-pro­jekt „Wutanfall“– Aus­stel­lungs­er­öff­nung ist am 28. April in der Ga­le­rie Kub

Leipziger Volkszeitung - - Kultur / Szene Leipzig - In­ter­view: Kris­tin Var­di

Un­ter­stüt­zer lis­tet die Crowd­fun­ding­platt­form Vi­si­onbak­e­ry, 31 481 Eu­ro ha­ben sie zu­sam­men­ge­tra­gen. Sonst gä­be es die­ses Buch nicht: „Wutanfall“heißt es, 316 Sei­ten hat es als Ka­ta­log in Klap­pe­di­ti­on. Hin­zu kommt ei­ne Art Edi­ti­on in ei­ner klei­nen Auf­la­ge von nur 200 Bän­den in Schwei­zer Bro­schur. In­iti­iert hat es die Fo­to­gra­fin Chis­tia­ne Eis­ler, 1958 in Ber­lin ge­bo­ren, sie zeigt die Punk­be­we­gung in der DDR in den 80er Jah­ren, vor al­lem in Leip­zig und Ber­lin. Eis­ler hat ih­re Prot­ago­nis­ten bis heu­te fo­to­gra­fisch be­glei­tet und stellt den teil­wei­se ge­bro­che­nen Le­bens­läu­fen ih­re in 35 Jah­ren ge­schaf­fe­nen Bild­bio­gra­fi­en zur Sei­te. Ab 28. April sind die Bil­der in der Dop­pel-aus­stel­lung „War­schau­er Punk Pakt“/„wutanfall“zu se­hen. Dann er­scheint auch das Buch. Wie ist das Pro­jekt ent­stan­den?

Die Idee ist über Jah­re ge­wach­sen. Man will ja als Fo­to­graf all die Bil­der, die man ge­macht hat, gern mal prä­sen­tie­ren. Und so ein Buch ist noch nach­hal­ti­ger als ei­ne Aus­stel­lung. Doch ich hab es im­mer vor mir her­ge­scho­ben, weil es un­glaub­lich viel Ar­beit ist. Da­mals ha­be ich noch ana­log fo­to­gra­fiert, das Ma­te­ri­al muss­te ge­scannt wer­den, die Ne­ga­ti­ve sind teil­wei­se in ei­nem schlech­ten Zu­stand ge­we­sen, die Fil­me wa­ren mal un­ter-, mal über­be­lich­tet. Al­so ganz schön auf­wen­dig. Aber letz­tes Jahr war ein Punkt er­reicht, wo ich zur Ru­he ge­kom­men bin und es an­ge­hen konn­te. War­um über ei­ne Spen­den­ak­ti­on?

Mei­ne Vor­stel­lun­gen vom fer­ti­gen Buch wa­ren sehr an­spruchs­voll, und so war klar, dass das Pro­jekt auf­wen­dig und teu­er wer­den wür­de. Be­gon­nen ha­ben wir Mit­te letz­ten Jah­res. Schon vor Be­en­di­gung des Zeit­li­mits von 55 Ta­gen war die Ziel­mar­ke von 28 000 Eu­ro er­reicht, und es kam so­gar noch wei­ter Geld hin­zu. Da­ran merkt man, dass es doch ei­ne Form der Be­geis­te­rung gibt für das Buch. Den Un­ter­stüt­zern hat­te ich kon­kret den Aus­stel­lungs­ter­min des 28. April als Da­tum der Fer­tig­stel­lung des Bu­ches ge­nannt und das ein biss­chen un­ter­schätzt mit der Zeit. Wir hat­ten zwi­schen­zeit­lich dar­über nach­ge­dacht, den Ter­min zu ver­schie­ben. Aber was ich ver­spre­che, will ich hal­ten. Und wenn jetzt nichts mehr schief geht, toi toi toi, dann klappt das auch. Von wem kam die Un­ter­stüt­zung?

Es war ein ex­trem gu­ter Mix, vie­le Alt­punks und an der Sze­ne In­ter­es­sier­te, mei­ne gan­ze Fa­mi­lie, aber zum Bei­spiel auch mei­ne ehe­ma­li­gen Leh­rer an der HGB, wie Evelyn Rich­ter oder Harald Kir­sch­ner, al­so man kann es nicht schö­ner ha­ben. Auch vie­le an­de­re Fo­to­gra­fen­kol­le­gen ha­ben mich un­ter­stützt. Das ist et­was, was auch emo­tio­nal be­rührt und mir zeigt, dass sich die Leu­te auf die­ses Buch freu­en. Es ist vor­ab ei­ne klei­ne An­er­ken­nung und Wert­schät­zung mei­ner Ar­beit, die mir sehr viel be­deu­tet. Was zeich­net Ihr Buch aus?

Ge­dacht ist es als Ka­ta­log zum Leip­zi­ger Aus­stel­lungs­pro­jekt „Wutanfall“, das an­schlie­ßend in an­de­ren Städ­ten zu se­hen sein wird. In Leip­zig ist es ein­ge­bun­den in das Pro­jekt der Na­to über den „War­schau­er Pakt Punk“. Es war mein größ­ter Traum, mit mög­lichst we­nig Ein­schrän­kung von au­ßen ge­stal­te­risch und in­halt­lich nach ei­ge­nen Vor­stel­lun­gen ar­bei­ten zu kön­nen. Dar­um ha­be ich ein ei­ge­nes Pro­jekt dar­aus ge­macht, oh­ne Ver­lag. Sind un­ter den Bil­dern auch bis­lang un­ver­öf­fent­lich­te?

Ja, es sind fast 5000 Fo­tos, und die Mehr­heit da­von ist noch nicht ge­zeigt wor­den. Wer hat die Tex­te ge­schrie­ben?

Ich ha­be nur die je­wei­li­gen Ka­pi­tel ein­ge­lei­tet und ein Vor­wort ge­schrie­ben. Dann gibt es noch ei­nen in­ter­es­san­ten Ein­füh­rungs­text von Hen­ryk Ge­ri­cke, der in der Punk­sze­ne ak­tiv war und schon ei­ni­ge Bü­cher über Punk be­glei­tet hat. Und al­les an­de­re sind Tex­te der Prot­ago­nis­ten, man­che ha­ben selbst et­was ge­schrie­ben oder In­ter­views ge­ge­ben, die Tor­vid Kreis­ler und mei­ne Toch­ter in Schrift­form ge­bracht ha­ben. Mit wem ha­ben Sie zu­sam­men­ge­ar­bei­tet?

Ob­wohl ich ur­sprüng­lich aus Ber­lin kom­me, ha­be ich vie­le Be­zü­ge zu Leip­zig und fin­de es schön, wenn man sich ver­netzt und re­gio­nal mit­ein­an­der ar­bei­tet. Die Dru­cke­rei Andre­as Pö­ge und die Buch­bin­de­rei Mönch sind sehr en­ga­giert und auf mei­ne in­di­vi­du­el­len Wün­sche ein­ge­gan­gen. Auch die Gra­phi­ke­rin­nen Ha­li­na Kir­sch­ner und Si­mo­ne Mül­ler ha­ben Gro­ßes ge­leis­tet, vor al­lem weil uns die Zeit im Na­cken saß. Und toll war, dass die ehe­ma­li­gen Punks so mit­ge­zo­gen ha­ben. Sie sind al­so mit dem Er­geb­nis zu­frie­den?

Ich bin mit dem Buch sehr glück­lich, ja. Es war ei­ne sehr schö­ne Er­fah­rung, dass man sich auf den Kreis sei­ner ehe­ma­li­gen Kol­le­gen so gut ver­las­sen kann. Zum Bei­spiel Martin Jehnichen, der mir mit sei-

nem Know How bei den Scan-ar­bei­ten ge­hol­fen hat. Und Ma­ri­on Wen­zel, die es mir er­mög­licht hat, an der Uni­ver­si­tät die al­ten Ver­grö­ße­run­gen zu ma­chen. Bei den Bin­de­ar­bei­ten wä­re es oh­ne Hei­ke Schmidt auch nicht ge­gan­gen. Wie kam es zum Ti­tel „Wutanfall“?

Das ist ei­ne Er­fin­dung von Cha­os, dem Sän­ger und Grün­der der Band. Ein pas­sen­des Wort, weil es al­les aus­drückt, was ich woll­te, ich muss­te auch nichts hin­zu­fü­gen. Wie über­haupt die Na­men vie­ler an­de­rer Bands ein­fach ge­ni­al sind: Plan­los, Rest­be­stand, Na­men­los. Wie ist das für Sie, wenn Sie sich die­se Bil­der nach 35 Jah­ren an­se­hen? Na­ja, es steckt sehr viel Ge­fühl drin, weil man ja selbst mit drin steckt. Die­se 35 Jah­re ha­ben wir nicht ge­mein­sam ver­bracht, je­der hat sein Le­ben ge­lebt. Zu den we­nigs­ten gab es re­gel­mä­ßi­gen Kon­takt, man­che hat man im Ab­stand von zehn Jah­ren ge­se­hen. Es ist viel Zeit ver­gan­gen, für al­le von uns aber war die­se Zeit da­mals sehr, sehr nach­hal­tig. Ich glau­be, kei­ner von den Prot­ago­nis­ten wür­de sie mit et­was an­de­rem ver­glei­chen. Es bleibt un­ver­gess­lich. Wir ha­ben die­se ge­mein­schaft­li­che Re­bel­li­on ge­lebt, und die kam in der Art nie wie­der. Ich fin­de es rich­tig gut, bei den fo­to­gra­fi­schen Ver­glei­chen in zwei Ge­sich­ter, von da­mals und heu­te, schau­en zu kön­nen. Der Aus­druck in den Au­gen, die Fal­ten, die da­zu­ge­kom­men sind, die spre­chen ih­re ei­ge­ne Spra­che.

Fo­tos (2): Chris­tia­ne Eis­ler / tran­sit

... und heu­te.

Cha­os, Sän­ger der Leip­zi­ger Band Wutanfall, da­mals ....

Fo­to: Susanne Pfis­ter

Chris­tia­ne Eis­ler 2012.

Fo­to: Ar­chiv Tran­sit

Chris­tia­ne Eis­ler in den 80ern.

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