Zer­stö­rung, Lie­be, Hoff­nung

In „Stirb nicht im War­te­raum der Zu­kunft“er­zählt Tim Mohr von ost­deut­schen Punks – am Mon­tag stellt er das Buch in Leip­zig vor

Leipziger Volkszeitung - - Kultur / Szene Leipzig - VON JANINA FLEISCHER

Es gibt sie noch. Je­den Win­ter tre­ten Die Art in der Leip­zi­ger Mo­ritz­bas­tei auf, je­den Win­ter spie­len sie dann auch die gu­ten al­ten Lie­der, die für den Herbst so wich­tig wa­ren, den Herbst 1989. „Wi­de Wi­de World“war so ein Hit, mit dem Al­bum „Dry“il­le­gal auf un­zäh­li­gen pri­vat ko­pier­ten Kas­set­ten im Um­lauf. Aber: „Dank ih­rer Spiel­erlaub­nis konn­ten Die Art mit dem Stück auf of­fi­zi­el­len Ver­an­stal­tun­gen wie dem Pfings­tref­fen der FDJ auf­tre­ten, wo sie es auf ei­ner gro­ßen Open-air-büh­ne vor 15 000 Zu­schau­ern spiel­ten.“

So er­zählt es Tim Mohr in sei­nem Buch „Stirb nicht im War­te­raum der Zu­kunft. Die ost­deut­schen Punks und der Fall der Mau­er“, das er am Mon­tag in der Na­to vor­stellt. Ei­ni­ge der Fo­tos im Buch und auch das auf dem Co­ver stam­men von Fo­to­gra­fin Chris­tia­ne Eis­ler, die die Sze­ne mit der Ka­me­ra be­glei­tet hat.

Tim Mohr war nicht da­bei. Der ame­ri­ka­ni­scher Au­tor, Jour­na­list und Über­set­zer hat in den 90er Jah­ren als Club-dj in Ber­lin ge­ar­bei­tet, hat als Über­set­zer Wolf­gang Herrn­dorfs „Tschick“, Char­lot­te Ro­ches „Feucht­ge­bie­te“, Ro­ma­ne von Ali­na Bronsky und Do­ro­thea Dieck­manns „Guan­ta­na­mo“aus dem Deut­schen über­setzt. Er hat, wie beim Le­sen schnell klar wird, ge­nau den rich­ti­gen Blick auf je­ne Zeit, auf Men­schen und Um­stän­de. Wohl auch, weil er nicht al­les zu wis­sen glaubt. Das er­spart sei435 nem Buch je­ne Flos­keln, Res­sen­ti­ments und Ab­zieh­bil­der, mit de­nen sich an­sons­ten his­to­risch wie kul­tu­rell Au­ßen­ste­hen­de mit an­ge­maß­ten Ur­tei­len der Kul­tur des Os­tens nä­hern – so­wohl ih­rer Ver­gan­gen­heit als auch ih­rer Ge­gen­wart, wie sie aus dem Ge­we­se­nen ge­wach­sen ist.

Das Buch be­ginnt in den spä­ten 70er Jah­ren, als die ers­ten Punks in Ber­lin, Leip­zig oder Dres­den sich manch­mal noch als Ein­zi­ge ih­rer Art in ih­rer Stadt wähn­ten. Sie hat­ten Mu­sik der Sex Pis­tols ent­deckt, Fo­tos in der „Bra­vo“ge­fun­den und sich plötz­lich ver­stan­den, wenn nicht so­gar ge­meint ge­fühlt mit ih­rer Un­si­cher­heit, ih­rer Wut, ih­rem Frei­heits­drang. „Aus dem un­po­li­ti­schen Ni­hi­lis­mus der Ost-punks ent­wi­ckel­te sich bald ei­ne Hard­core-ideo­lo­gie, die das be­son­de­re Um­feld der Ju­gend­li­chen wi­der­spie­gel­te“, schreibt Tim Mohr. Doch wäh­rend die Punks im Wes­ten da­von san­gen, als Un­der­dogs in der ka­pi­ta­lis­ti­schen Ge­sell­schaft „No Fu­ture“zu ha­ben, schien über die Zu­kunft im Os­ten be­reits ent­schie­den zu sein, hieß das Pro­blem „Too Much Fu­ture“. Ein ge­wal­ti­ger Un­ter­schied.

Mohr er­zählt von Ma­jor aus Ber­lin, die ei­gent­lich Brit­ta hieß, die sich die Haa­re ab­schnitt und die Kla­mot­ten zer­riss und „De­s­troy“drauf­schrieb und sich aus Si­cher­heits­na­deln Punk-epau­let­ten bau­te. Dar­um der Na­me Ma­jor. „Als Punk ge­wann sie auf zwei Ebe­nen Macht über das ei­ge­ne Le­ben. Zum ei­nen ver­lieh die Mu­sik ih­rer Wut ei­ne Stim­me und gab ihr die Kraft, in dem ver­hass­ten Sys­tem zu über­le­ben. Zum an­de­ren konn­te sie al­lein durch ihr Äu­ße­res bei je­dem Schritt vor die Tür ih­re op­po­si­tio­nel­le Ein­stel­lung de­mons­trie­ren.“Ein wie­der­keh­ren­des Mo­tiv. Am 27. Au­gust 1978 leg­te die Sta­si ei­ne Ak­te über Ma­jor an. Fast al­le Prot­ago­nis­ten des Bu­ches wer­den über­wacht, ein­ge­schüch­tert, wer­den im­mer wie­der ver­haf­tet, ver­hört, zu Haft­stra­fen ver­ur­teilt.

So wie Ja­na, Sän­ge­rin der Band Na­men­los, die nach stun­den­lan­gen Ver- neh­mun­gen in ei­ne Zel­le ge­bracht wur­de. Die Schnür­sen­kel hat­te man ihr ab­ge­nom­men, und vor der Zel­le lief die gan­ze Nacht in End­los­schlei­fe „Pun­ker Ma­ria“, Di­di Hal­ler­vor­dens Par­odie auf Ro­land Kai­sers „San­ta Ma­ria“, mit der sich der Ko­mi­ker über Punks lus­tig mach­te. Da möch­te man sich nach­träg­lich spon­tan ei­nen So­li-iro schnei­den.

Mit den Re­pres­sio­nen durch Po­li­zei und Sta­si wächst auch die Punk-be­we­gung. Im­mer mehr Bands wer­den ge­grün­det. Ir­gend­wann eb­ne­ten Fee­ling B den Weg für ei­ne neue Ge­ne­ra­ti­on von Bands, der Na­me Die An­de­ren wur­de da­für zum Syn­onym. Mu­si­ker, die au­ßer­halb des Sys­tem agiert hat­ten, gin­gen zur „Ein­stu­fung“, um ei­ne Spiel­erlaub­nis zu er­hal­ten und öf­fent­lich auf­tre­ten zu kön­nen. Aus der Leip­zi­ger Band Die Zucht wur­de Die Art, aus der Dresd­ner Paranoia wur­de Kalt­front. Sie tre­ten heu­te hin und wie­der im Leip­zi­ger „Sto­ned“auf. Als die Ein­stu­fungs­kom­mis­si­on 1989 den Na­men Herbst in Peking ver­wei­ger­te, sprach Sän­ger Rex beim Kul­tur­at­ta­ché der chi­ne­si­schen Bot­schaft vor. Und es ging. So vie­les ging plötz­lich und dann auch die DDR, de­ren En­de längst ein­ge­läu­tet war. Den Sound­track da­zu lie­fer­ten die Punks.

Mit Em­pa­thie und Dis­tanz macht Tim Krohn Bio­gra­phi­en plas­tisch, Be­weg­grün­de nach­voll­zieh­bar, er­zählt von den ers­ten Tref­fen im Ber­li­ner Plän­ter­wald, von Ge­heim­kon­zer­ten in Woh­nun­gen, Auf­trit­ten in Kir­chen und bei Fes­ti­vals. Er zeich­net ein bun­tes Bild von Zer­stö­rung, Lie­be, Hoff­nung.

Fo­to: Harald Haus­wald / Agen­tur Ost­kreuz

Kon­zert mit Ro­sa Ex­tra 1982 in Prenz­lau­er Berg.

Tim Mohr: Stirb nicht im War­te­raum der Zu­kunft. Die ost­deut­schen Punks und der Fall der Mau­er. Aus dem Ame­ri­ka­ni­schen von Har­riet Fri­cke und Frank Da­b­rock. Heyne Hard­core; 560 Sei­ten; 19,99 Eu­ro

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