Blaue See, wei­te Her­zen

„Mu­sik­schau der Mee­re“im Ge­wand­haus

Leipziger Volkszeitung - - Kultur / Szene Leipzig - VON RO­LAND H DIP­PEL

Nur ver­meint­lich ge­währt die gro­ße „Mu­sik­schau des Mee­res“im Ge­wand­haus am Os­ter­mon­tag Sen­sa­tio­nen der Ozea­ne. Viel­mehr geht es um die Phan­ta­si­en vom Fest­land Rich­tung gro­ßes Was­ser. „Shan­tys“sind ja Ar­beits­lie­der, egal ob auf Deck, un­ter Deck, am Ha­fen oder in den Werf­ten. Da strö­men die Sehn­süch­te nach Frei­heit und Aben­teu­er. Vor al­lem je­doch nach Pas­sio­nen zwi­schen See­bä­ren und Meer­frau­en, zwi­schen See­bä­ren und See­manns­bräu­ten, zwi­schen See­bä­ren und den war­ten­den „Mäd­chen aus Pi­rä­us“, zwi­schen See­bä­ren und Ga­li­ons­fi­gu­ren.

Drei Män­ner-en­sem­bles rei­hen sich zur mu­si­ka­li­schen Pa­ra­de, und zwei von ih­nen ha­ben ei­ne Quo­ten­frau: Für den „See­manns-chor Ham­burg“sitzt ei­ne Mo­ni­ka am Ak­kor­de­on und be­glei­tet un­er­schüt­tert bis zu je­nem Lied, in dem der Ka­pi­tän sei­nem Mä­del den Bä­ren von Frei­heit und Un­bän­dig­keit auf­bin­det. Bei der fünf­köp­fi­gen For­ma­ti­on „Pa­vil­lon Noir“aus Mar­seil­le spielt die Quo­ten­frau auf der Brat­sche. Die­se fünf Freun­de ha­ben das meis­te ma­ri­ti­me Flui­dum. „Pa­vil­lon Noir“steht ja für nichts an­de­res als die klas­si­sche schwar­ze Pi­ra­ten­flag­ge mit wei­ßem Schä­del. Mit ein­gän­gi­gen Chan­sons und Bur­les­ken lässt die For­ma­ti­on an Frei­beu­ter­zü­ge, Schatz­in­seln und exo­ti­sche Zei­le den­ken. Die gän­gi­gen Vor­stel­lun­gen wer­den da­zu mit we­ni­gen Ac­ces­soires in Sze­ne ge­setzt.

Die ma­ri­ti­me Mu­sik­sze­ne hat ein lo­cke­res Selbst­ver­ständ­nis, wie es auch der nie­der­län­di­sche Shan­ty­chor „Com­pa­gnie Zan­gers“aus Me­dem­blik bei Amsterdam aus­stellt. Die Her­ren ver­fü­gen über mehr Au­then­ti­zi­tät als der See­manns-chor Ham­burg. Letz­te­rer zieht mit dem hoch­ge­wach­se­nen Armin Renckstorf als An­hei­zer ei­nen baum­lan­gen Jo­ker, der so gar nicht han­sea­tisch kühl und da­für mit fei­nem Witz die mu­si­ka­lisch voll­si­cher plat­zier­ten Grob­hei­ten ver­hö­kert. Bis zur un­ver­meid­li­chen „Ree­per­bahn nachts um halb eins“und bei „Drun­ken Sailor“im zun­gen­bre­che­ri­schen Ge­schwin­dig­keits­rausch. Bei­de Chö­re schät­zen sich glück­lich über cha­rak­ter­star­ke So­lo­sän­ger, die we­sent­lich mehr Herz als Mus­kel­kraft und ro­he Ge­walt zei­gen.

Die En­sem­bles po­sie­ren so un­er­hört sym­pa­thisch, dass es gar kei­nes klas­si­schen An­sa­gers be­durft hät­te. Scha­de nur, dass man im Zu­schau­er­saal und des­sen zahl­rei­chen lee­ren Plät­zen den Ein­druck von der Wei­te des Mee­res be­kommt. Scha­de vor al­lem für die En­sem­bles, de­nen man auf ei­ner be­leb­ten Stra­ßen­mei­le oder auf ei­nem ram­mel­vol­len Volks­fest lie­ber lauscht als auf dem Po­di­um des Ge­wand­hau­ses. Dort fehlt der Duft von Salz und Räu­cher­fisch, der das Ver­gnü­gen be­trächt­lich stei­gern wür­de.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.