Cô­te d’azur in Con­ne­witz

Der Köl­ner Elec­tro­ni­ca-act Roo­se­velt gas­tier­te am Mon­tag kurz im UT

Leipziger Volkszeitung - - Szene Leipzig - VON BEN­JA­MIN HEI­NE

Son­nig und kühl ist es am Mon­tag­abend ge­gen acht Uhr, als ei­ne grö­ße­re Grup­pe Men­schen vor den Tü­ren des UT Con­ne­witz plau­dert, vi­el­leicht übers tür­ki­sche Re­fe­ren­dum, vi­el­leicht über Eier und an­de­re Fei­er­tagsphä­no­me­ne. Son­nig und kühl ist auch die Mu­sik, die drin­nen war­tet: Ma­ri­us Lau­ber ali­as Roo­se­velt ist aus Köln an­ge­reist. Wo­bei das gar nicht stimmt, denn der Köl­ner kommt gera­de aus Genf, ei­ner von über 30 Sta­tio­nen sei­ner ak­tu­el­len Tour durch halb Eu­ro­pa al­lein im März und April. Das UK hat er schon hin­ter sich, dem­nächst geht es in die USA. Bei so vie­len Ter­mi­nen wun­dert es we­nig, dass er nur ein Stünd­chen in Leip­zig Halt macht. Aber der Rei­he nach.

Der Saal ist zu Be­ginn er­staun­lich leer, wor­an auch die heu­te de­plat­ziert wir­ken­den Ki­no­ses­sel im hin­te­ren Teil nichts än­dern kön­nen. Auf der Büh­ne war­tet der vi­el­leicht schöns­te Band­na­men­schrift­zug der Welt dar­auf, bunt an­ge­leuch­tet zu wer­den. In den mur­meln­den Saal hin­ein grüßt aber zu­nächst schüch­tern das pol­ni­sche Duo Co­als. Mit elek­tro­ni­schem Piep­sen und Rau­schen, ein biss­chen E-gi­tar­re und -Drums so­wie et­was sphä­ri­schem Ge­sang ma­chen die bei­den Mu­sik, wie man sie heut­zu­ta­ge halt so macht. Dass der Saal im­mer lau­ter mur­melt, ist so un­höf­lich wie un­fair – gut, dass Sän­ge­rin Kat­ar­zy­na Ko­walc­zy Kopf­hö­rer trägt.

Das vom Al­bum be­kann­te In­tro dröhnt los, Buch­sta­be für Buch­sta­be er­strahlt im schöns­ten Farb­ver­lauf „Roo­se­velt“auf der Büh­ne. Ein weiß ge­klei­de­tes Trio steigt die Trep­pe hin­ab, tritt an Bass, Gi­tar­re und Schlag­zeug – und der Sound knackt mit dem ers­ten Ton, tro­cken und leicht an­ge­raut. Roo­se­velt-auf­nah­men klin­gen ja im­mer sehr ent­spannt, nach Ita­lo-dis­co oder Cô­te-d’azur-kli­schees oder vi­el­leicht auch Mün­chen in den 80ern, je­den­falls nach ei­ner fluf­fi­gen Phan­ta­sie­welt. Da­zu pas­sen die wei­ßen Out­fits und ver­drog­ten Farb­ver­läu­fe auf der Büh­ne ganz vor­züg­lich.

Mu­si­ka­lisch wird aber nicht ein­fach auf „Play“ge­drückt, son­dern zu­nächst ins­be­son­de­re mit dem gu­ten al­ten Schlag­zeug Le­ben ins Elek­tro­nisch-plas­ti­sche ge­haucht. Mit sei­ner Live­band spielt Roo­se­velt vor al­lem Stü­cke des spät er­schie­ne­nen De­büt­al­bums aus dem Vor­jahr, al­so prak­tisch ein Best-of der letz­ten Jah­re. Ma­ri­us Lau­ber steht in der Mit­te der Büh­ne, singt, spielt Syn­the­si­zer und schlägt Schel­len­krän­ze, dreht hier ein Ufo-ge­schwur­bel rein und da ei­nem elek­tro­ni­schen Vo­gel­ge­zwit­scher mit Dau­men und Zei­ge­fin­ger den Hals um. Vor al­lem wenn er den Tracks sei­ne E-gi­tar­re über die Schul­ter hängt, zeigt er, dass Roo­se­velt längst das ist, was Daft Punk gern wä­ren (und The Whi­test Boy Ali­ve nicht mehr sein will).

Als der ana­lo­ge Bass sich nach kur­zem Tech­no­aus­flug „El­li­ot“zu­rück­er­obert, klopft New Or­der an die Tür, auch die Pet Shop Boys und fran­zö­si­sche Elec­tro-acts wie Mod­jo („La­dy He­ar Me To­night“) schim­mern durch das Set. „Co­lours“wird fre­ne­tisch be­ju­belt: „Bring back the Fe­ver again / Don’t lo­se the Fe­ver again“. „Hold on“, „Mon­tre­al“, „Night mo­ves“– es sind al­les Hits! Völ­lig zu Recht wird die­ser deut­sche Act in der hal­ben Welt ge­fei­ert. Und mit der In­ter­pre­ta­ti­on von „Te­ardrops“(Wo­mack & Wo­mack) ist Roo­se­velt eins der bes­ten Co­ver über­haupt ge­lun­gen – weil der Song coo­ler ist als je zu­vor, die Band und je­des noch so sehr um Cool­ness be­müh­te Pu­bli­kum da­bei aber völ­lig ver­ges­sen, cool zu sein: „Te­ardrops in my Ey-eyes / Next time I’ll be true, yeah!“Al­le schwit­zen, grin­sen und tan­zen. Nur die ver­wais­ten Ki­no­ses­sel im jetzt vol­len Saal gu­cken blöd aus dem Wä­sche: „Was sol­len wir denn hier?“

Fo­to: Dirk Kn­ofe

Nicht nur der schi­cke Schrift­zug ist groß­ar­tig: Roo­se­velt hin­ter­las­sen im UT Con­ne­witz ein be­geis­ter­tes Pu­bli­kum.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.