Auf Schatz­in­seln

Die bri­ti­sche Mi­ni­se­rie „Wir sind al­le Mil­lio­nä­re“er­zählt von Leu­ten in teu­ren Lon­do­ner Häu­schen

Leipziger Volkszeitung - - Medien - VON MAT­THI­AS HAL­BIG

Der Brief­kas­ten klap­pert, die al­te Wit­we Pe­tu­nia Ho­we (Gem­ma Jo­nes), die schon als jun­ge Braut hier ein­zog, fin­det in ih­rem Haus­flur in der Pe­pys Road ei­ne Post­kar­te mit der for­dern­den Auf­schrift „Wir wol­len, was ihr habt“vor – oh­ne Ab­sen­der, aber or­dent­lich fran­kiert mit dem Ba­sis­ta­rif. Sie nimmt’s mit tro­cke­nem Hu­mor. „Das will in Wirk­lich­keit kei­ner“, seufzt sie zu sich selbst. „Weil wir al­le Mil­lio­nä­re sind, durch die Häu­ser“, ver­mu­tet die 84-Jäh­ri­ge dann ge­gen­über dem Ki­osk­be­sit­zer Ah­med (Ade­el Akhtar). „Aber doch kei­ne rich­ti­gen Mil­lio­nä­re“, er­wi­dert der. Der Kon­to­stand ist er­nüch­ternd. Rich­tig reich wür­de man durch Ver­kauf.

Al­le in der Stra­ße be­kom­men die­se Kar­te, dann wie­der ei­ne und noch ei­ne. Nicht al­le ste­cken die im­mer glei­che Bot­schaft so lo­cker weg wie Pe­tu­nia. Da ist je­mand im Dun­keln, der streift durch die Stra­ße, greift aus nach frem­dem Be­sitz. Un­heim­lich. Ge­fähr­lich. Die Po­li­zei nimmt das mit den „blö­den Post­kar­ten“„sehr ernst“, mehr nicht. Dann fol­gen DVDS mit der­sel­ben Droh­bot­schaft.

John Lan­ches­ters Ro­man „Ka­pi­tal“ist ver­filmt wor­den, ein Buch von di­ckens­scher Dick­lei­big­keit und ei­nem Au­tor mit dem di­ckens­schem Ta­lent da­für, das gro­ße Gan­ze im Klei­nen zu fin­den, Ge­gen­wart ge­nau und un­ter­halt­sam zu be­schrei­ben. Die Mi­ni­se­rie „Wir sind al­le Mil­lio­nä­re“wirft ei­nen wis­sen­den Blick in die bri­ti­sche Haupt­stadt kurz vor dem Br­ex­it. Bis vor Kur­zem war das Le­ben hier noch nor­mal und klein, jetzt sit­zen al­le auf den Schatz­in­seln der ex­plo­die­ren­den Lon­do­ner Im­mo­bi­li­en­prei­se und Neu­rei­che zie­hen ein. Zum Mi­kro­kos­mos ge­hö­ren auch die, die nur in der Pe­pys ar­bei­ten – der pol­ni­sche Hand­wer­ker Bog­dan (Rad Kaim), der für Schwarz­geld Räu­me schad­haft re­no­viert, und die Schein­po­li­tes­se Qu­en­ti­na (Wun­mi Mo­sa­ku), die al­len das täg­li­che Kn­öll­chen hin­ter die Wind­schutz­schei­be schiebt und die der Staat nach Sim­bab­we ab­schie­ben will. Die Pe­pys im Süd­os­ten Lon­dons ist fik­tio­nal (ob­zwar zwei Stra­ßen die­ses Na­mens in Lon­don exis­tie­ren), ei­ne stink­nor­ma­le Stra­ße mit mu­cke­li­gen Häu­schen, ab­ge­se­hen vi­el­leicht von der opu­len­te­ren Num­mer 92, dem An­we­sen der Banker­fa­mi­lie Younts. Aber die Pe­pys ist wahr­haf­tig bis ins De­tail.

Den Geld­mann Ro­ger Yount spielt To­by Jo­nes, bri­ti­scher Büh­nen­star, Ki­no­zu­schau­ern be­kannt aus den „Tri­bu­te von Pa­nem“- und „Aven­gers“-fil­men und eng­li­sche Stim­me von Dob­by, dem be­frei­ten Hau­sel­fen der „Har­ry Pot­ter“-fil­me. Yount hat als Geld­zau­be­rer in Lon­dons Wirt­schafts­zen­trum kei­nen Kopf für ir­gend­was au­ßer Zah­len. Schon gar nicht da­für, den Kin­dern Josh und Con­rad Lob für ih­re selbst ge­mal­ten Bil­der Lob zu spen­den oder ih­nen abends was vom Maul­wurf vor­zu­le­sen, wo­zu gibt es denn Hör­bü­cher? Was ihn in­ter­es­siert, ist die jähr­li­che Gra­ti­fi­ka­ti­on, um Ur­lau­be, Coun­try­hou­se, Gärt­ner und die nim­mer­sat­te Gat­tin Ara­bel­la (Racha­el Stir­ling), de­ren un­brech­ba­re Shop­ping- und Haus­neu­ge­stal­tungs­lust zu fi­nan­zie­ren. Dann gibt’s statt der er­hoff­ten 2 Mil­lio­nen nur 30 000 Pfund Zu­ga­be, we­gen der Fi­nanz­kri­se im All­ge­mei­nen und den Schwie­rig­kei­ten des Schwei­zer Toch­ter­un­ter­neh­mens im Be­son­de­ren. Yount fühlt sich auf ho­hem Ni­veau rui­niert, muss sich erst mal über­ge­ben und wird dann auch noch von der Gat­tin mit den Klei­nen al­lein ge­las­sen. Jo­nes ist hin­rei­ßend: klein, über­for­dert, ent­frem­det. Ir­gend­wann be­ginnt man so­gar, ihn zu mö­gen.

Ein groß­ar­ti­ges En­sem­ble lässt die­se Ge­schich­te über drei St­un­den swin­gen. Ihr sa­ti­ri­sches Ge­wicht wirkt da­bei nie­mals zu schwer, selbst Is­la­mis­mus, Is­la­mo­pho­bie, Ras­sis­mus wer­den von Dreh­buch­au­tor Pe­ter Bow­ker und Re­gis­seur Eu­ros Lyn re­la­tiv leicht ver­han­delt, und der Thrill mit den Kar­ten ge­rät dar­über bei­na­he zur Ne­ben­sa­che.

Im­mer wie­der blen­det ei­ne Re­gis­trier­kas­se den Ver­mö­gens­zu­wachs ein. Was im Sep­tem­ber 2,5 Mil­lio­nen Pfund wert war, liegt im De­zem­ber bei 2,8 Mil­lio­nen. Die Moral von der Ge­schicht‘ ist frei­lich alt: Geld macht nicht glück­lich, die Leu­te in der Pe­pys sind – egal ob reich oder arm – so ein­sam wie Elea­nor Rig­by in dem trau­ri­gen Lied der Beat­les, und sie müs­sen sich zu­recht­fin­den in ei­ner Stra­ße, Stadt, Welt, in der sie sel­ten Bes­se­res fin­den als Neid, Miss­gunst und Gleich­gül­tig­keit. Man er­kennt hier al­les wie­der, au­ßer vi­el­leicht die Laub­bäu­me Lon­dons. Die ste­hen hier zur Weih­nachts­zeit in sat­tes­tem Grün.

Fo­to: Kudos/hal Shinnie

Ein­an­der in gu­ten wie in sehr gu­ten Zei­ten ver­bun­den: Ro­bert (To­by Jo­nes) hat nur ei­nen Bruch­teil der fest ein­ge­plan­ten Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on be­kom­men, was Ara­bel­las (Racha­el Stir­lings) Lu­xus­wut bremst.

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