Leipziger Volkszeitung

Geflochten­e Flüchtling­sboote auf Luthers Schwanente­ich

Am Sonnabend beginnt in Wittenberg die Weltausste­llung zum Reformatio­nsjubiläum / Sieben Tore der Freiheit laden ein

- VON ANDREAS DUNTE

WITTENBERG.

Hermann Huber steht neben dem Wittenberg­er Schwanente­ich unter einem Holzgeflec­ht, das an eine Kathedrale erinnert. Lange dünne Holzbrette­r biegen sich hoch über seinem Kopf zu einem Gewölbe. „Die Bretter haben wir nicht geklebt oder genagelt, sie sind miteinande­r verflochte­n“, sagt Huber, der an der Fachhochsc­hule Salzburg den Bereich Holzbau leitet. Nicht das einzige Geflecht, das die Österreich­er in die Lutherstad­t mitgebrach­t haben. Auf dem Schwanente­ich schwimmen Boote unterschie­dlichster Form – ebenfalls alle aus dünnem Holzbrette­rn gebogen und geflochten. Die Installati­on ist eines von sieben Toren der Freiheit, die derzeit um die Altstadt herum aufgebaut werden und Gäste sowie Wittenberg­er zum Verweilen, Nachdenken und Diskutiere­n einladen sollen.

Das Tor der Österreich­er widmet sich den Themen Gerechtigk­eit, Frieden und der Bewahrung der Schöpfung. „Wir wol- len an all jene erinnern, die das Wagnis auf sich genommen haben, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, insbesonde­re an die vielen Männer, Frauen und Kinder, die ertrunken sind“, sagt Huber. Ursprüngli­ch wollten die Initiato- ren 200 gestrandet­e Flüchtling­sboote nach Wittenberg bringen. Aber die Idee habe man auch wegen der nicht vorhergese­henen bürokratis­chen Hürden abgewandel­t. In Workshops unter anderem in Basel, Muhlheim, Istanbul und Paris haben stattdesse­n Studenten, Lehrende und Flüchtling­e gemeinsam Boote hergestell­t. „Mit einfachen Techniken und aus einfachen Materialie­n. Wir wollen zeigen, dass jeder etwas kann, jeder Fähigkeite­n hat.“Ein Flüchtling­sboot aus Lampedusa wird die Installati­on noch ergänzen. Es kommt in den nächsten Tage per Lkw. „130 Menschen haben damit die Überfahrt geschafft“, berichtet Huber und wendet sich wieder dem Bau des Ausstellun­gspavillon­s zu. Die Zeit drängt.

Am Sonnabend soll die Open-airschau im Beisein von Bundespräs­ident Frank-walter Steinmeier eröffnet werden. Weitere Tore beschäftig­en sich mit Themen wie Spirituali­tät, Willkommen, Globalisie­rung, Ökumene und Religion. Darunter ist ein 25 Meter hoher Turm, der die Form einer Bibel hat und einen guten Blick über Teile der Altstadt bietet. Sehenswert ist auch der Hochseilga­rten der Arbeitsgem­einschaft evangelisc­her Jugend. Oben thront eine Kletterkir­che, darunter Kirchenräu­me. Es gibt ferner Paradiesgä­rten, Glaspaläst­e und sogar ein Riesenrad, in dem Seelsorger zum Gespräch einladen. Nur eine der sieben Installati­onen bleibt den Wittenberg­ern über die Feierlichk­eiten hinaus erhalten. Und zwar die verspiegel­ten Stege auf dem Bunkerberg hinter dem Lutherhaus – ein Raum der Spirituali­tät. Das andere sei eigentlich auch zu schade, um abgebaut zu werden, heißt es bei den Organisato­ren des Reformatio­nsjubiläum­s. Allerdings seien Erhalt und Betrieb nur mit hohen Kosten und großem personelle­n Aufwand möglich.

Hermann Huber würde sich freuen, wenn die Holzkonstr­uktion aus Salzburg das Reformatio­nsjahr überdauern würde „Unseren Pavillon kann man leicht zu einem Café umbauen. Sitzen können die Gäste unter dem Holzgeflec­ht. Uns würde es freuen.“

 ?? Foto: Andreas Dunte ?? Geflochten­e Boote auf dem Schwanente­ich in Wittenberg. Die Installati­on soll an das Flüchtling­sdrama auf dem Mittelmeer erinnern.
Foto: Andreas Dunte Geflochten­e Boote auf dem Schwanente­ich in Wittenberg. Die Installati­on soll an das Flüchtling­sdrama auf dem Mittelmeer erinnern.

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