Ein gu­ter Streit

Leipziger Volkszeitung - - Politik - VON LAMYA KADDOR

I hr strei­tet zu we­nig! Oft hö­re ich die Kri­tik, im in­ne­ris­la­mi­schen Dis­kurs tue sich zu we­nig. Zu we­nig wer­de ge­re­det über Ra­di­ka­li­sie­rung, In­te­gra­ti­on, die Rol­le von Frau­en. Das se­he ich ähn­lich. Dass das aber nicht so blei­ben muss, zeigt sich jetzt am Bei­spiel des größ­ten is­la­mi­schen Dach­ver­bands, der Di­tib. Kürz­lich ist der Ju­gend­vor­stand ge­schlos­sen zu­rück­ge­tre­ten. Der Nach­wuchs kri­ti­siert, im Ver­band herr­sche ei­ne „von Miss­trau­en ge­präg­te Stim­mung“. „Ver­zwei­fel­te Hil­fe­ru­fe“sei­en un­ge­hört ver­hallt. Der Vor­gang gleicht ei­nem Erd­be­ben in­ner­halb des deut­schen Is­lams – oder viel­mehr des tür­ki­schen Is­lams. Die al­te Rie­ge in der Di­tib ver­steht sich zu­al­ler­erst als tür­kisch, die Füh­rung er­hält ih­re An­wei­sun­gen von An­ka­ra. Und die­ser Füh­rung ist der Ju­gend­ver­band an­geb­lich „zu deutsch“ge­wor­den. Man­che se­hen nun das En­de der Di­tib na­hen. Der Vor­gang könn­te aber auch Start­schuss für ei­nen Wan­del sein.

Die Ju­gend de­mons­triert „de­nen da oben“: Wir iden­ti­fi­zie­ren uns im­mer we­ni­ger mit eu­rer Po­li­tik und eu­rer Welt­sicht. Of­fen­bar se­hen vie­le jun­ge Mus­li­me ih­ren Le­bens­mit­tel­punkt in Deutsch­land und nicht mehr in der Tür­kei, wie die ers­te Ein­wan­de­rer­ge­ne­ra­ti­on. Dass sie ak­tiv wer­den, zeigt ih­ren Par­ti­zi­pa­ti­ons­wil­len – auch der Rück­tritt. Was auf den ers­ten Blick wie ein Still­stand aus­sieht, könn­te ein Fa­nal zum Woh­le des is­la­mi­schen Dach­ver­bands wer­den. Blei­ben die al­ten Her­ren stur, ver­rin­gern sie die Be­deu­tung der Di­tib. Las­sen sie sich auf struk­tu­rel­le und in­halt­li­che Ve­rän­de­run­gen ein, bah­nen sie ih­rem Ver­band den Weg in die Zu­kunft – ei­ne deut­sche, ein welt­of­fe­ne Zu­kunft. Es bleibt span­nend.

Lamya Kaddor ist Re­li­gi­ons­päd­ago­gin und Is­lam­wis­sen­schaft­le­rin.

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