Der Pro­zess mit dem fal­schen Na­men

1948 wer­den in Leip­zig 24 ehe­ma­li­ge Ha­sag-mit­ar­bei­ter ver­ur­teilt – doch das Ver­fah­ren ge­rät rasch in Ver­ges­sen­heit

Leipziger Volkszeitung - - Zeitgeschi­chte - VON AR­MIN GÖRTZ

Am 15. No­vem­ber 1948 be­gann in Leip­zig ein er­schüt­tern­des Ge­richts­ver­fah­ren, das als Ka­mi­en­na-pro­zess in die Rechts­ge­schich­te ein­ging. „Ob­wohl er zu den be­deu­tends­ten ju­ris­ti­schen und po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den Ver­bre­chen der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten nach 1945 ge­hört, ist er heu­te weit­ge­hend un­be­kannt“, sagt die Leip­zi­ger His­to­ri­ke­rin und Ha­sag-ex­per­tin Andrea Lorz.

Nach der Er­obe­rung Po­lens 1939 hat­te der Leip­zi­ger Ha­sag-kon­zern die Mu­ni­ti­ons­wer­ke na­he der Stadt Skar­zys­ko-ka­mi­en­na über­nom­men. Die Fir­ma setz­te tau­sen­de jü­di­sche Häft­lin­ge ein – mit dem Ziel, sie durch Ar­beit zu ver­nich­ten. Des­halb ka­men nun 25 Ha­sag-mit­ar­bei­ter vor Ge­richt. 1949 folg­te ein ähn­li­ches Leip­zi­ger Ver­fah­ren zu ei­nem Werk des Kon­zerns im pol­ni­schen Tschen­sto­chau.

Der fünf­wö­chi­ge Ka­mi­en­na-pro­zess fand im rund 1000 Be­su­cher fas­sen­den, stets rest­los ge­füll­ten Saal der Baum­woll­spin­ne­rei Plag­witz statt. Den An­stoß hat­ten über­le­ben­de jü­di­sche Zwangs­ar­bei­ter ge­ge­ben, die zahl­reich aus der Uszo­ne an­reis­ten und als Zeu­gen die Gräu­el schil­der­ten. Nat­han Höl­zer, lang­jäh­ri­ges Kpd-mit­glied, führ­te die Ver­hand­lung sach­lich und sou­ve­rän. Ob­wohl die Na­zis ihn we­gen sei­nes jü­di­schen Va­ters ins KZ The­re­si­en­stadt de­por­tiert hat­ten, ließ er kei­nen Hass er­ken­nen. Das Ur­teil ver­kün­de­te Höl­zer in der 3000 Men­schen fas­sen­de Kon­greß­hal­le. Grund­la­ge wa­ren Rechts­vor­schrif­ten der Al­li­ier­ten. Vier An­ge­klag­te wur­den mit dem Fall­beil hin­ge­rich­tet, 20 er­hiel­ten Haft­stra­fen, ei­ner wur­de man­gels Be­wei­sen frei­ge­spro­chen. Als 1994 die An­ge­hö­ri­ge ei­nes Ver­ur­teil­ten ei­nen Re­ha­bi­li­tie­rungs­an­trag stell­te, lehn­te Leip­zigs Land­ge­richt das ab, da das Ur­teil rechts­staat­lich er­gan­gen sei.

Wäh­rend des Ver­fah­rens von 1948 ver­öf­fent­lich­te die LVZ ei­nen Leit­ar­ti­kel, der die Be­zeich­nung Ka­mi­en­na-pro­zess kri­ti­sier­te. We­gen der Her­kunft der Tä­ter sei der Be­griff „Leip­zi­ger Pro­zess“an­ge­mes­se­ner. „Schä­men wir uns, ehr­lich zu sein?“, frag­te der Au­tor. Doch rasch rich­te­te man den Blick nach vorn. Kei­ne zwei Wo­chen spä­ter be­zeich­ne­te die LVZ das Ur­teil als „Ent­las­tung für al­le auf­bau­wil­li­gen und fort­schritt­li­chen Kräf­te“.

Längst nicht al­le Ver­ant­wort­li­chen ka­men vor Ge­richt. Der Ver­bleib von Kon­zern­chef Paul Bu­din und von Egon Dal­ski, Werks­lei­ter in Skar­zys­ko-ka­mi­en­na, ist un­ge­klärt. Hin­ge­gen be­rich­tet Mor­de­chai St­rig­ler im Ro­man „In den Fa­b­ri­ken des To­des“über zwei Ju­den, die Schlüs­sel­funk­tio­nen im pol­ni­schen La­ger aus­ge­übt hat­ten: Po­li­zei­chef Te­per­man und Ver­wal­ter Kr­ze­pi­cki wur­den dem- nach 1944 „durch die ge­hei­me jü­di­sche Or­ga­ni­sa­ti­on in Bu­chen­wald“ge­tö­tet.

Der Pro­zess ge­hört zu den be­deu­tends­ten ju­ris­ti­schen und po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den Ver­bre­chen der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten.

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