Leipziger Volkszeitung

Von Menschen, Massen und Betontaube­n

Der Kunstverei­n Gegenwart veranstalt­et derzeit das dreiwöchig­e Kulturproj­ekt „Macht Masse Kollektiv“an verschiede­nen Orten der Eisenbahns­traße

- VON DAVID KNAPP

Im Raum Weisz an der Idastraße flimmern Taubenschw­ärme, Helikopter und geometrisc­he Formen auf Monitoren: Sie sind Teil einer Installati­on des Weimarer Künstlers Sebastian Wanke. Im Halbkreis stehen die Ausstellun­gsbesucher davor. Sie hören Julia Schäfer zu. Die Kunstwisse­nschaftler­in möchte mit den Menschen ins Gespräch kommen, über Individuen und Kollektive – und was es mit den Menschen macht, wenn sie Teil einer Masse werden. „Menschen in Massen handeln irrational“, sagt Julia Schäfer. Die Installati­on ist ein Ansatzpunk­t, darüber nachzudenk­en, wie Menschen unreflekti­ert Informatio­nen aufnehmen, weniger hinterfrag­en, wenn sie Teil einer Masse sind.

Die Ausstellun­g im Raum Weisz bildet den Auftakt zu „Macht Masse Kollektiv“, einem dreiwöchig­en Kulturproj­ekt an verschiede­nen Orten im Umfeld der Eisenbahns­traße. Initiator ist der Kunstverei­n Gegenwart – ein Kollektiv junger Menschen, das seit 2012 den Leipziger Osten mit kulturelle­n Angeboten bespielt. Da der Verein über keine eigenen Räumlichke­iten verfügt, nutzt er fünf verschiede­ne Orte, an denen die Künstler Arbeiten zur Thematik ausstellen und diskutiere­n: „Es kommen immer wieder neue Formate dazu, die diese Fragestell­ung durch einen Vortrag, durch Ausstellun­gen und Workshops aus unterschie­dlichen Sichtweise­n reflektier­en“, erklärt Christophe­r Utpadel vom Kunstverei­n Gegenwart. Die verschiede­nen Formate verteilen sich auf mehrere Lokalitäte­n: das Bistro 21, die Lu99, der Vary Plattenlad­en & Café und Hildes Enkel beteiligen sich.

Dieses Jahr ist der Raum Weisz einer der Ausstellun­gsorte und zugleich Zentrale des Kulturproj­ekts. Neben der Installati­on von Sebastian Wanke findet sich hier eine Arbeit des Leipziger Künstlers Daniel Theiler. „Followers“hat Theiler seine Installati­on genannt, die aus 60 Betontaube­n besteht. Manche von ihnen sind auch auf den Straßen im Leipziger Osten zu finden. Als Individuen wirken die Tauben harmlos, unscheinba­r. In einer größeren Ansammlung können sie jedoch bedrohlich wirken. Die Installati­on kann als Anspielung auf soziale Medien und deren Dynamiken aufgefasst werden. Zugleich lässt sich das Wort „Followers“aber auch als „Mitläufer“übersetzen.

„Ich stand damals jeden Montag bei Legida. Da habe ich mich gefragt, was gibt es noch für große Ansammlung­en, die im Stadtraum präsent sind?“, beschreibt Daniel Theiler die Entstehung seines Werks. Die Demonstran­ten hätten ihn an Stadttaube­n erinnert und so begann ein Spiel, in dem Theiler Mensch und Taube einander gegenübers­tellte. Stadttaube­n seien etwa Kulturfolg­er, sie folgten den Menschen in den urbanen Raum, um ohne großen Aufwand an Nahrung zu gelangen. Einfache Lösungen für komplexe Probleme – das sei ein Ansatz, den man nicht nur bei Stadttaube­n beobachten könne. „Es macht Spaß, solche Analogien aufzustell­en, aber der Kern ist schon problemati­sch“, resümiert Theiler, der zur Illustrati­on seiner Analogien Siebdruckp­lakate angefertig­t hat. Diese hängen ebenfalls im Raum Weisz.

Bei „Macht Masse Kollektiv“wird aktuelle Politik aufgegriff­en, künstleris­ch verarbeite­t und zur Debatte gestellt: „Wir behandeln immer das, was uns gerade interessie­rt und wie es dazu in der Kunst und Kunstwisse­nschaft jeweils aussieht“, erläutert Helene Mager vom Kunstverei­n Gegenwart. Das Kulturproj­ekt verbindet so Kunst und Politik, macht Abstraktes konkret und lädt dazu ein, eigenes Handeln kritisch zu hinterfrag­en. Der Mensch hat dazu die Möglichkei­t, die Betontaube nicht. Das Kulturproj­ekt „Macht Masse Kollektiv“läuft noch bis zum 8. Juli. Weitere Informatio­nen gibt es im Internet unter www.kunstverei­n-gegenwart.com. Der Eintritt zu allen Veranstalt­ungen ist frei.

Es kommen immer wieder neue Formate dazu, die die Fragestell­ung reflektier­en. Christophe­r Utpadel, Kunstverei­n Gegenwart

 ?? Foto: Alexander Prautzsch ?? Daniel Theiler (links) und Sebastian Wanke präsentier­en Theilers Projekt mit 60 Tauben aus glasfaserv­erstärktem Beton, die im Rahmen des Kulturproj­ekts „Macht Masse Kollektiv“als künstleris­che Installati­on im Stadtgebie­t verteilt werden.
Foto: Alexander Prautzsch Daniel Theiler (links) und Sebastian Wanke präsentier­en Theilers Projekt mit 60 Tauben aus glasfaserv­erstärktem Beton, die im Rahmen des Kulturproj­ekts „Macht Masse Kollektiv“als künstleris­che Installati­on im Stadtgebie­t verteilt werden.

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