„Ei­ne Ge­schich­te des Grau­ens“

Ko­mi­tee hält Er­in­ne­rung an die Op­fer der Ju­den­ver­fol­gung in Ri­ga wach

Leipziger Volkszeitung - - Sachsen Und Mitteldeut­schland - VON RO­MY RICH­TER

Es ist nicht die bes­te Wohn­ge­gend in Ri­ga rund um die „Lud­z­as ie­la“. In der gro­ßen Stra­ße in der let­ti­schen Haupt­stadt ste­hen al­te, un­sa­nier­te Holz­häu­ser ne­ben mehr­stö­cki­gen Be­ton­ge­bäu­den mit ab­ge­platz­ten, grau­en Fas­sa­den. Der Ver­kehr rollt lär­mend vor­bei, ei­ni­ge An­woh­ner schau­en miss­trau­isch aus dem Fens­ter. Die­se gro­ße Ma­gis­tra­le führ­te einst mit­ten durch das Ri­ga­er Ghet­to, in das Zehn­tau­sen­de Ju­den ein­ge­pfercht wur­den. Die­se zen­tra­le Ver­bin­dung war die Leip­zi­ger Stra­ße. Wie die an­de­ren We­ge in dem Vier­tel war sie nach den Or­ten be­nannt, aus de­nen Ju­den nach Ri­ga de­por­tiert wur­den.

Mehr als 25 000 Ju­den wa­ren 1941/42 aus dem Deut­schen Reich in das Bal­ti­kum nach Ri­ga ver­schleppt wor­den. Die meis­ten von ih­nen wur­den im Wald von Bi­ker­nie­ki er­mor­det. Bis vor ei­ni­gen Jah­ren er­in­ner­te an die­sen Or­ten nur we­nig an die Gräu­el­ta­ten, die sich hier ab­ge­spielt ha­ben. Das ist in­zwi­schen an­ders. Das im Jahr 2000 ge­grün­de­te Ri­ga-ko­mi­tee, ein Städ­te­bünd­nis aus mitt­ler­wei­le 55 Städ­ten in­ner­halb des Volks­bun­des Deut­sche Kriegs­grä­ber­für­sor­ge, will die Er­in­ne­rung an die Ge­schich­te wach­hal­ten und das Ge­den­ken pfle­gen. Es fühlt sich in sei­ner Ar­beit auch den 26 000 er­mor­de­ten let­ti­schen Ju­den des Ri­ga­er Ghet­tos ver­bun­den. 13 Städ­te zähl­ten zu den Grün­dungs­mit­glie­dern des Ri­ga-ko­mi­tees, dar­un­ter auch Leip­zig. Spä­ter, im Jahr 2003, kam auch Sach­sens Haupt­stadt Dres­den hin­zu.

Heinz Sa­mu­el aus Han­no­ver ist zum ers­ten Mal in Ri­ga. Er steht vor ei­nem un­ge­putz­ten Haus auf dem Ge­län­de des ehe­ma­li­gen Ghet­tos und blickt un­schlüs­sig um­her. Er ist sicht­lich be­wegt. Hier könn­ten sei­ne Groß­el­tern un­ter­ge­bracht ge­we­sen sein. Es fiel ihm nicht leicht, die­se Rei­se an­zu­tre­ten. Trotz Vor­be­hal­ten ha­be aber auch die Neu­gier­de da­für ge­sorgt, dass er die Ein­la­dung des Bür­ger­meis­ters der Stadt Han­no­ver, Tho­mas Her­mann (SPD), die Ge­den­krei­se des Deut­schen Ri­ga-ko­mi­tees zu be­glei­ten, an­ge­nom­men ha­be. Nun ist er in der Stadt, in der sich die Spur sei­ner Groß­el­tern und sei­nes On­kels ver­liert.

„Es ist ein wich­ti­ger Ort für mei­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te, ein Schlüs­sel­ort“, sagt der 64-Jäh­ri­ge nach­denk­lich. Heinz Sa­mu­el ist zwar erst 1954 ge­bo­ren, aber er ha­be in sei­nem Hei­mat­dorf wäh­rend der Kind­heit im­mer die Aus­gren­zung ge­spürt, die der jü­di­schen Fa­mi­lie nach wie vor be­geg­ne­te. Und er ha­be nie die Groß­el­tern ge­habt, die an­de­re Kin­der hat­ten, fügt er hin­zu. Sei­ne Groß­el­tern wa­ren in Ri­ga er­mor­det wor­den.

Ruth Grö­ne war ein Kind, als ih­re Groß­el­tern 1941 ab­ge­holt wur­den. „Das war für mich so schmerz­lich. Wir ha­ben ja mit ih­nen zu­sam­men ge­wohnt. Und plötz­lich wa­ren sie nicht mehr da.“Die 84-Jäh­ri­ge, eben­falls aus Han­no­ver, hat ein Fo­to ih­rer Groß­el­tern da­bei, de­ren Ver­lust sie nie über­wun­den hat: „Sie ha­ben mir ge­fehlt, sie feh­len mir heu­te noch.“Grö­ne sagt, sie ha­be ih­ren Va­ter zu­vor nie wei­nen se­hen. Aber an die­sem Tag sei er vom Bahn­hof ge­kom­men und zu­sam­men­ge­bro­chen. Spä­ter wur­de auch der Va­ter im KZ um­ge­bracht.

Mög­lich, dass ih­re Groß­el­tern wie die von Heinz Sa­mu­el in die­sem Haus ge­lebt ha­ben. Es ist die­se schreck­li­che Ge­schich­te, die sie ver­bin­det. So ste­hen sie heu­te auf die­sem Hof und ma­chen noch ein Fo­to von die­sem tris­ten Ort. Ein paar Stu­den­ten­blu­men wach­sen an der Haus­mau­er, ein pink­far­be­ner Pup­pen­wa­gen steht vor der Tür. Ein äl­te­rer Mann kommt zum Rau­chen aus dem Haus. Es ist ein an­de­rer Ort ge­wor­den, an dem fast nichts an die Er­eig­nis­se im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus er­in­nert.

Auch an dem nicht weit von der Leip­zi­ger Stra­ße ent­fern­ten Blech­platz ist heu­te nur schwer vor­stell­bar, was sich da­mals er­eig­ne­te. Bei der so­ge­nann­ten Dün­a­mün­de-ak­ti­on im Jahr 1942 wur­den Men­schen, meist Schwä­che­re und Äl­te­re, für ein Ar­beits­kom­man­do in ei­ner Fisch­kon­ser­ven­fa­brik zu­sam­men­ge­trie­ben. Spä­ter muss­ten Frau­en an die­sem Platz an­kom­men­de Klei­dung sor­tie­ren. Als sie die Sa­chen ih­rer Ver­wand­ten wie­der­er­kann­ten, war klar: Es gab kei­ne Fisch­fa­brik. Die Men­schen wa­ren in den Hoch­wald von Ri­ga-bi­ker­nie­ki ge­bracht und dort er­schos­sen wor­den.

Dort wur­de 2001 mit­ten im Wald auf Be­trei­ben des Ri­ga-ko­mi­tees und des Volks­bun­des Deut­sche Kriegs­grä­ber­für­sor­ge ein Mahn­mal er­rich­tet. Es be­steht aus Tau­sen­den Gra­nitstei­nen, die sym­bo­lisch für die da­mals zu­sam­men­ge­kau­er­ten Men­schen vor ih­rer Er­schie­ßung ste­hen. Auf ein­zel­nen Plat­ten ste­hen Na­men der Mit­glieds­städ­te des Ri­ga-ko­mi­tees, so ist auch für Leip­zig und Dres­den je­weils ei­ne Plat­te im Bo­den ein­ge­las­sen. Auch aus die­sen bei­den säch­si­schen Städ­ten gab es 1942 De­por­ta­ti­ons­trans­por­te ins Ri­ga­er Ghet­to mit Hun­der­ten Men­schen.

Win­fried Nacht­wei, Vor­stands­mit­glied von „Ge­gen Ver­ges­sen – für De­mo­kra­tie“, er­in­nert sich, dass die Mas­sen­grä­ber von Bi­ker­nie­ki noch 1989 in ei­nem fürch­ter­li­chen Zu­stand ge­we­sen sei­en. Fa­mi­li­en hät­ten auf den Grä­bern so­gar ge­pick­nickt. „Es war ein ver­lo­re­ner, ver­ges­se­ner Ort.“Die­se ver­schüt­te­te Ge­schich­te, dass auch in Ri­ga die mas­sen­haf­te Er­mor­dung deut­scher, ös­ter­rei­chi­scher und tsche­chi­scher Ju­den ih­ren An­fang nahm, dür­fe aber nicht ver­ges­sen wer­den, mahnt Nacht­wei. Für vie­le Ju­den, ins­be­son­de­re aus West­fa­len, sei Ri­ga das „Au­schwitz“ge­we­sen.

Für den stell­ver­tre­ten­den Prä­si­den­ten des Volks­bun­des Deut­sche Kriegs­grä­ber­für­sor­ge, Wolf­gang Wie­land, ist es wich­tig, vor al­lem den Ju­gend­aus­tausch zu för­dern, Netz­wer­ke zu schaf­fen und auch wenn es selt­sam for­mu­liert klingt, den Ge­denk­ort le­ben­dig zu hal­ten und „zu be­spie­len“. So gibt es bei­spiels­wei­se re­gel­mä­ßig Work­camps und Ge­den­krei­sen. „Was sich hier in Ri­ga ab­ge­spielt hat, ist ei­ne Ge­schich­te des Grau­ens.“

Fotos (3): Ro­my Rich­ter

Im Wald von Ri­ga-bi­ker­nie­ki er­in­nert seit dem Jahr 2001 ein Mahn­mal an die Ju­den, die dort er­mor­det wur­den (klei­nes Bild). Tau­sen­de Gra­nitstei­ne ste­hen sym­bo­lisch für die Hei­mat­or­te der De­por­tier­ten – auch Leip­zig ist dort zu le­sen.

Ruth Grö­ne (84) ist nach Ri­ga ge­reist. Sie zeigt ein Fo­to ih­rer Groß­el­tern, die 1941 in das Ghet­to ge­bracht wur­den.

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